Vom richtigen Stück Papier hängt alles ab

Der Nachtzug Venedig–Paris fährt übers Wallis. Dort stoppt ihn das Schweizer Grenzwachtkorps und durchsucht ihn nach Migranten.

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Die Nacht ist kalt, kaum fünf Grad. Der junge Mann, den die Grenzwächter aus dem Zug geholt haben, trägt kurze Hosen und Plastik-Badelatschen an den nackten Füssen. «Noch mal einer!», rief der Grenzer, der ihn auf dem Zug-WC versteckt fand. Ohne Widerstand liess sich der Mann hinausführen. Sein Vergehen: keine Papiere. Nun steht er um halb drei Uhr morgens im Briger Bahnhof auf Perron Nummer 9 und wartet. Woher er sei, will der Grenzwächter auf Englisch wissen. Sudan, kommt die Antwort. Übers Meer nach Italien. Jetzt wolle er weiter, nach Frankreich, Grossbritannien. Vorerst aber endet die Reise im Oberwallis. Ausser einem Plastiksack hat der Mann kein Gepäck dabei.

Der Sudanese ist einer der Ersten, die das Grenzwachtkorps diese Nacht aus dem Thello-Zug führt. Am Ende des Einsatzes werden es 42 Erwachsene und ein Kind sein. Der Thello fährt die Strecke Venedig–Paris und passiert dabei auch kurz die Schweiz, zwischen Brig und Vallorbe. Reguläre Stopps gibt es keine, nur einen technischen Halt in Brig, bei dem ein Zu- oder Aussteigen nicht vorgesehen ist. Dennoch hat das Schweizer Grenzwachtkorps begonnen, den Zug in Brig zu durchkämmen. Wen es ohne Einreisepapiere erwischt, ohne Schengen-Visum oder Aufenthaltsbewilligung, den schafft es noch in derselben Nacht zurück nach Italien. Damit kommt es den Franzosen zuvor, die den Thello gleich hinter Vallorbe ebenfalls auseinandernehmen – um irreguläre Migranten in die Schweiz abzuschieben. Die Flüchtlingskrise als Schwarzpeterspiel: Wer die Migranten loswird, gewinnt.

Höflich, aber unerbittlich

In Brig arbeiten sich nun 23 Grenzwächter von beiden Enden her durch den ­stehenden Zug. Vor jedem Sechserabteil hat der Schlafwagenschaffner schon die Pässe und Papiere der Reisenden bereitgelegt, jeden Stapel mit einem Gummiband fixiert. Die Schweizer prüfen die Dokumente mit Lupe und UV-Licht. Wer wegen einer Leidenschaft für Ausweise aller Länder zum Grenzwachtkorps gekommen ist, lebt jetzt auf. Hauptmann Patrick Benz, der sonst in Bern arbeitet und die Briger Equipe anlässlich des Pressebesuchs begleitet, hält einen australischen Pass hoch und freut sich ehrlich, als bei richtigem Lichteinfall das Hologramm eines Emus erscheint. «Da, jetzt sieht man ihn», flüstert er.

Doch zu jedem Ausweis muss ein Mensch gehören. «Swiss Border Guard, aufmachen, bitte.» Gültige Papiere werden mit verschlafenen Gesichtern abgeglichen; vermehrt seien Reisende mit echten, aber gestohlenen Ausweisen unterwegs. Wer dubiose oder keine Dokumente hat, muss sich anziehen, sein Gepäck zusammensuchen, mitkommen. Immer wieder heben die Grenzwächter Betten an, prüfen Hohlräume darunter. Einen Mann in Jeans und Turnschuhen finden sie hoch über der Tür versteckt, in der Gepäckablage eines leeren Abteils. Die Grenzer behalten ihn ein paar Sekunden länger oben als nötig – für die Fotografen. Das missfällt der Einsatzleiterin zu Recht. Sie schimpft: «Das ist kein Zirkus hier.» Der junge Mann klettert herunter. Und erklärt, er sei vor einem Schnarcher geflohen, seine Papiere seien im nächsten Waggon. «Solche Sachen gibt es», sagt Hauptmann Benz ohne Hoffnung. «Aber dann sucht man sich doch ein anderes Bett, keine Gepäckablage.» Die Papiere bleiben unauffindbar, der Mann muss mitkommen.

Wer behauptet, Nationalstaaten und ihre Grenzen spielten in der globalisierten Welt keine Rolle mehr, der soll das nicht den Leuten hier erzählen.

Der Bahnsteig füllt sich, in Gruppen zu dreien und vieren werden die Migranten auf den Grenzwachtposten geführt. Kaum jemand versucht, zu diskutieren. Wozu auch? Der Fall ist klar. Sie sind erwischt worden. Ihnen fehlt das richtige Stück Papier. Wer behauptet, Nationalstaaten und ihre Grenzen spielten in der globalisierten Welt keine Rolle mehr, der soll das nicht den Leuten hier erzählen. Andere Reisende nutzen den Halt für eine Zigarette an der offenen Tür. Teenager in Pyjamas gucken staunend zu, wie die Ersten weggebracht werden. Die einen reisen weiter, die anderen bleiben. Wegen eines Fetzens Papier.

Die Kontrolle verläuft ruhig. 42 aufgegriffene Flüchtlinge sind viel, aber keine «Welle» und kein «Strom». Die Schweiz liegt weiter abseits der grossen Flüchtlingsrouten. An den Grenzwachtposten Chiasso, Brig und Buchs SG nimmt die Zahl der Ankommenden zwar zu, doch von Verhältnissen wie in Österreich und Deutschland kann keine Rede sein. «Wir haben keine Notlage», sagt Hauptmann Patrick Benz. Er ist Chef des Fachbereichs Migration im Kommando des Grenzwachtkorps. Da können die Wahlplakate draussen vor dem Briger Bahnhof noch so sehr vom «Asylchaos» künden, da kann der für Sicherheit zuständige Staatsrat Oskar Freysinger noch so laut vor den «Asylanten» warnen, die ins Oberwallis drängten: Die Grenzwache selber fühlt sich nicht überrannt. Diese Nacht wird Brig von Kollegen aus den Regionen Basel und Jura unterstützt.

«Wir machen das nicht immer gern. Aber es ist unser Job. Und wir versuchen, die Arbeit trotz allem mit Herz zu verrichten.» Jean-Luc Boillat, Kommandant

Doch «unter Kontrolle» heisst nicht «in Ordnung». Jede Zugprüfung konfrontiert die Schweizer Grenzschützer mit dem Leid, das Millionen ihre Heimat verlassen lässt. «Diese Nächte sind auch für uns sehr schwierig», sagt Jean-Luc Boillat, der Kommandant der Grenzwachtkorps-Region V, zu der auch das Wallis gehört. Boillat wirkt hart wie ein Soldat mit seinem kurz geschorenen Schädel, der Narbenzeichnung im Gesicht. Seine Stimme aber klingt traurig: «Wir machen das nicht immer gern. Aber es ist unser Job. Und wir versuchen, die Arbeit trotz allem mit Herz zu verrichten.»

Im Thello, einer privat betriebenen Zugverbindung, sind Migranten von überall unterwegs. Eben hat die Equipe drei schweigende Schwarzafrikaner aufgegriffen, ein junger Chinese mit Rollkoffer und nachschleifenden iPhone-Kopfhörern geht hinterher. Später in der Nacht kommen Menschen aus Syrien, Ägypten, der Mongolei und der Elfenbeinküste hinzu. «Es ist wie an einem internationalen Flughafen hier», sagt Hauptmann Benz. Die meisten seien wohl in Mailand zugestiegen, viele wüssten nicht, dass der Zug überhaupt durch die Schweiz fahre. «Jetzt erklären wir erst einmal, wo sie sind.» An den Uni­form­ärmeln der Grenzwächter prangt das Abzeichen des Korps: weisses Schweizer Kreuz vor kühlem Strahlenkranz. Das Gegenteil des Roten Kreuzes.

Dolmetscher gibt es keine, dafür Formulare in vielen Sprachen. Jeder und jedem wird ein buntes Nummernband ums Handgelenk gezurrt, um Verwechslungen zu vermeiden.

Übermässig betreut werden die in Brig Aufgegriffenen nicht. Dolmetscher gibt es keine, dafür Formulare in vielen Sprachen. Jeder und jedem wird ein buntes Nummernband ums Handgelenk gezurrt, um Verwechslungen zu vermeiden. Dann heisst es ausharren im bewachten Wartsaal, bis sie im ersten Zug des Morgens zurück nach Italien gebracht werden, nach Domodossola. Die Nacht wird lang unter dem grellen Licht. Es gibt Wasser und etwas Schokolade, wer will, darf in Begleitung eine rauchen gehen. Praktisch alle hier sind junge Männer; eine gut gekleidete Afrikanerin hat offenbar grosses Pech gehabt: Sie hat eine gültige Aufenthaltsbewilligung, aber einen abgelaufenen Pass. Nun muss sie zurück. Sie lächelt tapfer.

Abseits des Saals, im blutrot gestrichenen Flur, schlafen ein Mann und sein Sohn auf einem Ledersofa, mit Jacken zugedeckt. Das Kind ist vielleicht acht Jahre alt. Syrer, sagt ein Grenzwächter, erschöpft. Wer weiss, was sie erlebt haben. Wie sie ins Oberwallis gelangt sind.

Die Schweiz kontrolliert nicht jeden Thello. Das geht nicht, wegen des freien Personenverkehrs, den der Schengener Vertrag verlangt. Erlaubt sind einzig Schwerpunktkontrollen. Wenn aber einmal nur die Franzosen tätig werden, so bedeutet dies Mehraufwand für das Schweizer Grenzwachtkorps. «Dann müssen wir die Leute mit Reisecars im zwei Stunden entfernten Vallorbe abholen, ins Wallis bringen und von dort an die Italiener abgeben», sagt Hauptmann Patrick Benz. Das ist nicht nur teuer, sondern auch riskant: Je länger die Menschen in Schweizer Gewahrsam seien, desto länger währe die Verantwortung, sagt Benz. Er spricht es nicht an, darf gar nichts dazu sagen. Aber letztes Jahr hat eine schwangere Frau aus Syrien nach so einer Rücküberstellung in Italien ihr Kind verloren. Ein Verfahren läuft.

Niemand beantragt Asyl

Die Walliser Grenzwächter arbeiten so effizient, als gelte es, die Migranten so rasch wie möglich weg vom Schweizer Boden zu kriegen. Sie sind höflich, aber unerbittlich. In den Räumen beim Perron 1 ist eine Abfertigungsstrasse eingerichtet. Die Leute kommen einzeln aus dem Wartsaal, Familien bleiben zusammen. Auf einem Metalltisch wird das Gepäck durchsucht, die Grenzer tragen blaue Einweghandschuhe. In einem weiss gefliesten Raum ohne Kameras wird eine Körperdurchsuchung durchgeführt. Fingerabdrücke werden abgenommen, gegengecheckt mit der Schweizer Afis-Datenbank. Man will wissen, ob jemand polizeilich gesucht wird oder schon einmal eingereist ist. Danach geht es zurück in den Wartsaal.

Bleiben dürfte einzig, wer in der Schweiz Asyl beantragt. Das kann jeder, ist ein Menschenrecht. Wer im Wartsaal von Asyl zu sprechen beginne, der werde rasch vom Rest der Gruppe getrennt, sagt Benz. Er oder sie komme dann ins nächste Empfangs- und Verfahrenszentrum des Bundes, im Falle von Brig ist das Vallorbe. Wer irgendwie kann, muss sich das Billett selber kaufen. 57 Franken, ohne Halbtax.

Mit diesem Status bleiben sie auf unbestimmte Zeit im Asylzentrum, die Kinder können nicht zur Schule. So was spricht sich herum.

Diese Nacht aber hat erneut niemand Asyl beantragt. Auch der Mann aus Kamerun nicht, der einen Kapuzenpulli mit Leopardenfellmuster trägt. Er darf kurz aufs Perron, Zigarettenpause. 22 Jahre alt sei er, aus dem Norden des Landes, geflohen vor den Islamisten von Boko Haram. Über Libyen und das Meer. Seit einem Monat sei er in Europa. «Ich will nach Frankreich, da kenne ich Leute. Hier kenne ich niemanden.» Hohlwangig ist er, die Augen gerötet, es ist vier Uhr früh. Dann ist die Rauchpause um. Zwei Minuten mit dem Flüchtling. Sinnloser Journalismus.

Die grosse Mehrheit der im Thello aufgegriffenen Migranten will nicht in der Schweiz bleiben. Weil sie Verwandte in Deutschland, Frankreich oder Grossbritannien haben, in deren Nähe sie wollen. Aber wohl auch, weil die Schweiz bekannt ist für ihre rigide Asylpolitik. Selbst Flüchtlinge aus dem bürgerkriegskaputten Syrien werden heute zu zwei Dritteln nur vorläufig aufgenommen. Mit diesem Status bleiben sie auf unabsehbare Zeit im Asylzentrum, manchmal zwei Stockwerke unter der Erde, die Kinder können nicht zur Schule. So etwas spricht sich herum, etwa über Facebook. So kann niemand leben. Vor kurzem hat das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge die Schweiz wegen dieser Praxis gerügt.

Die Wegweisungen haben mit dem Dublin-System nichts zu tun. Sie erfolgen über alte bilaterale Staatsverträge mit Italien und Frankreich. In Domodossola ist dann allerdings meist fertig. Hinter Italien liegt das Meer. Viele Thello-Flüchtlinge sind deshalb bald wieder auf der Strasse und zwei Tage später erneut auf dem Zug. «Sie kaufen einfach ein neues Ticket, das ist immer noch billiger, als einen Schlepper zu bezahlen», sagt der Kommandant der Grenzwachtkorps-Region V, Jean-Luc Boillat. Die Tickets nach Paris erhält man ab 35 Euro. Ein scheussliches Spiel. «Wir können nichts tun. Hier braucht es politische Lösungen», sagt Boillat. Bis es aber so weit ist, hält sich das Grenzwachtkorps an den Auftrag. Wer keine Papiere hat, wird zurückgeschafft.



(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 30.09.2015, 23:51 Uhr)

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