Warum reicht an der Axenstrasse nur eine Röhre?

Doris Leuthard begründet den Bau einer zweiten Gotthardröhre mit dem Argument der Sicherheit. Auf der Axenstrasse plant der Bund aber neue Tunnel nur mit einer Röhre und mit Gegenverkehr.

«Die beiden neuen Tunnel am Axen», so das Astra, «werden von Beginn weg viel geräumiger sein als der heutige Gotthard.» (Archivaufnahme aus einem Tunnel an der Axenstrasse)

«Die beiden neuen Tunnel am Axen», so das Astra, «werden von Beginn weg viel geräumiger sein als der heutige Gotthard.» (Archivaufnahme aus einem Tunnel an der Axenstrasse) Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie predige etwas, woran sich ihre Fachleute selber nicht halten würden: Verkehrsministerin Doris Leuthard (CVP) sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, das Stimmvolk in die Irre führen zu wollen. Im Fokus steht das Argument, wonach mit einem zweiten Gotthard-Strassentunnel die Verkehrssicherheit steige. Leuthard hat im Abstimmungskampf wiederholt gesagt, heute dürften in ganz Europa neue Strassentunnel aus Sicherheitsgründen nur noch richtungsgetrennt mit zwei Röhren gebaut werden.

Auf die geplante neue Axenstrasse trifft dies jedoch nicht zu. Diesen Gotthard-Zubringer möchte der Bund für eine Milliarde Franken ausbauen. Kernstücke sind der 4,4 Kilometer lange Sisikoner Tunnel und der 2,8 Kilometer lange Morschacher Tunnel. Sie sollen Sisikon vom Durchgangsverkehr und die Neue Axenstrasse vor Naturgefahren wie zum Beispiel Steinschlag oder Felsstürzen schützen. Die bestehende Axenstrasse soll so vom Durchgangsverkehr befreit und für Wanderer, Velofahrer und Touristen attraktiver werden. Der springende Punkt: Die beiden Tunnels sollen dereinst nur mit einer Röhre und mit Gegenverkehr betrieben werden. «Warum soll ein Gotthardtunnel unsicherer sein als die geplanten ebenfalls einröhrigen Tunnel am Axen?», fragt Peter Kälin, Präsident der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz. Leuthards Aussage zeige: «Das Sicherheitsargument ist bloss ein Vorwand für den Bau einer zweiten Gotthardröhre.»

Vergleich «völlig unseriös»

Das Bundesamt für Strassen (Astra) kontert die Kritik. Den Vergleich der Tunnel bezeichnet es auf Anfrage als «völlig unseriös». Der Gotthard-Strassentunnel sei mit 17 Kilometern bedeutend länger als die beiden geplanten Axentunnels, die deshalb «rein objektiv» ein wesentlich tieferes Risiko als der Gotthard aufweisen würden. Gewichtige Unterschiede macht das Astra zudem punkto Bauart geltend. Der Gotthardtunnel wurde in den 1960er-Jahren geplant und projektiert, 1970 startete der Bau. Er ist laut Astra ein «Kind seiner Zeit», entstanden im klassischen Sprengvortrieb. Das Ergebnis sei eine relativ enge, 17 Kilometer lange Röhre.

Heute hingegen würden Tunnel mit Tunnelbohrmaschinen gebohrt. Daraus resultiere erstens ein ganz anderer, nämlich kreisrunder Tunnelquerschnitt, zudem entstehe so viel Platz in der Röhre. «Die beiden neuen Tunnel am Axen», so resümiert das Astra, «werden von Beginn weg viel geräumiger sein als der heutige Gotthard und die Sicherheit für die Verkehrsteilnehmer gegenüber heute massiv erhöhen.»

Bund hält sich an EU-Richtlinie

Leuthards Aussage bleibt gleichwohl strittig. Sie ist zwar nicht falsch, bedarf aber einer Präzisierung: Richtungsgetrennte Doppelröhren werden in der Schweiz erst ab einer bestimmten Verkehrsmenge notwendig. Der Bundesrat hat Leuthards Verkehrsdepartement (Uvek) in der Nationalstrassenverordnung verpflichtet, Weisungen zur Tunnelsicherheit zu erlassen und sich dabei an die EU-Regeln zu halten. Die entsprechende EU-Richtlinie bezeichnet zwei Röhren als obligatorisch, wenn das Verkehrsaufkommen laut der 15-Jahres-Prognose 10'000 Fahrzeuge pro Tag und Fahrstreifen übersteigt. Gemäss Verkehrsprognosen der Kantone Schwyz und Uri werden es auf der Neuen Axenstrasse im Jahre 2030 aber nur durchschnittlich 8600 Fahrzeuge pro Tag und Fahrstreifen sein. Die beiden Tunnels liegen damit unter dem Grenzwert der EU-Richtlinie.

Beim Gotthard hingegen, so zeigen Berechnungen mit den Szenarien «2030 plus» des Bundesamts für Statistik, sind es rund 10'000 Fahrzeuge pro Tag und Spur, rund 1500 mehr als heute; auf diese Zahlen verwies der Bundesrat 2014 in seiner Antwort auf eine Interpellation von Regula Rytz (Grüne). Rytz sieht darin einen krassen Widerspruch: Auf der einen Seite habe Leuthard während des gesamten Abstimmungskampfes versichert, es werde mit einer zweiten Röhre keinen Mehrverkehr geben. Gehe es aber darum, die zweite Röhre mit einer EU-Richtlinie zu legitimieren, rechne der Bundesrat sehr wohl mit Mehrverkehr, sagt Rytz. Sie betont zudem, die Schweiz habe sich nirgends dazu verpflichtet, die EU-Richtlinie einzuhalten; der Bundesrat tue dies aus freien Stücken.

Astra lässt Frage offen

Unklar ist, warum der Bund bei der neuen Axenstrasse nicht über die EU-Richtlinie hinausgehen will und zwei richtungsgetrennte Röhren baut. Das Astra hat auf eine entsprechende Frage des «Tages-Anzeigers» nicht reagiert. Die neue Strasse soll 2024/25 fertiggestellt sein. Doch es drohen Verzögerungen. Rund 40 Einsprachen gegen das Projekt sind hängig. Auch auf politischer Ebene hat sich Widerstand aufgebaut: Die Schwyzer Stimmbürger werden wohl noch dieses Jahr über eine Volksinitiative abstimmen, welche die Kantonsbehörden auffordert, die neue Axenstrasse mit allen rechtlichen Mitteln zu verhindern. Findet die Initiative eine Mehrheit, fände sich der Bund in einer unangenehmen Lage wieder: Er müsste ein Strassenbauprojekt realisieren – gegen den Willen der betroffenen Bevölkerung. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 15.02.2016, 14:27 Uhr)

Artikel zum Thema

«Das ist der Witz des Jahres»

Doris Leuthard fährt den Gegnern der zweiten Gotthardröhre an den Karren. Von einer versenkbaren Mittelleitplanke hält die Verkehrsministerin gar nichts. Mehr...

Der Faktencheck zur «Gotthard-Arena»

Braucht die Schweiz eine zweite Gotthardröhre? In der «Arena» haben Politiker debattiert und viel behauptet. Oft gehört, doch stimmt es auch? 10 Aussagen – überprüft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

TA Marktplatz

Werbung

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Zum Schutz der Alpen: Eine Frau mit einem roten Ballon steht in der Naehe des Nordportals des Gotthard-Basistunnels anlaesslich der Aktion der Alpen-Initiative 'Weil wir die Alpen lieben'. (8. Dezember 2016)
(Bild: Alexandra Wey) Mehr...