Warum tun die Kirchen in der Schweiz nichts für die Flüchtlinge?

Die Kirchen schweigen rund um die Flüchtlingsfrage, sie bleiben untätig – und verspielen damit den Respekt.

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Sie verlassen ihre Heimat Eritrea, fliehen über den Sudan, über Libyen und das Mittelmeer. Dann stehen sie in Chiasso und bitten um Aufnahme in die Schweiz. Gegen 23'000 Eritreer leben gegenwärtig in unserem Land. Die Schweizer Bevölkerung reagiert zwischen ängstlicher Abwehr und herzlicher Aufnahme.

Und was tun die Schweizer Kirchen für die Flüchtlinge aus Eritrea? Sie müssten sich doch von einem unmissverständlichen Auftrag in die Pflicht genommen sehen. Im 3. Buch Mose steht: «Wie ein Einheimischer aus eurer Mitte gelte euch der Fremdling. Du sollst ihn lieben wie dich selbst. Denn auch ihr wart Fremdlinge im Land Ägypten.»

Öffentliche Gesten, Worte und Taten wären jetzt wichtig. Aber kein Schweizer Bischof und kein Vertreter der Reformierten hat bisher ein öffentliches Zeichen gesetzt. Kein Wort vom Rat der Religionen.

Warum es vor Ort so schwierig ist

Offenbar muss die Basis ran. Wie etwa in Basel. Die Elisabethenkirche nimmt Flüchtlinge bedingungslos auf. «Die Fähigkeit ist gefragt, sich auf fremdes Leiden einzufühlen», sagt die katholische Theologin Monika Hungerbühler. Doch das genügt nicht. Kein Arzt behandelt nur die Symp­tome einer Krankheit. Er will deren Ursache beseitigen. Diese liegt in Eritrea.

Karitatives Engagement kann leicht zum Trostpflaster verkommen. Religion hat auch den Verstand einzusetzen und sich gesellschaftspolitisch zu engagieren. Das Werkzeug liefert ihr die Theologie der Befreiung, von Papst Franziskus jüngst offiziell anerkannt. Befreiungstheologie heisst: die Ursachen von Unterdrückung freilegen und beseitigen. Das ist der Weg, den die Kirchen in der Flüchtlingspolitik beschreiten müssen. Es war der Religionsgründer Jesus von Nazareth persönlich, der die imperialistischen Machenschaften der römischen Besatzungsmacht analysierte und entsprechend handelte.

Allerdings: In Eritrea platzt der Traum einer nachhaltigen Lösung vor Ort im Sinn der Befreiungstheologie sehr schnell. «Unmöglich!», sagt Al Imfeld. Der Afrikakenner schätzt zwar diese theologische Option. Aber: «Im Fall von Eritrea ist sie ohne Chance.» Denn dort schweigen die christlichen Kirchen. Sie stehen unter der Kontrolle des Diktators Isayas Afewerki. Eine wirksame Theologie fehlt genauso wie das Gefühl für Freiheit. «Beten, beten und Inschallah – so Gott will – sind die einzigen religiösen Manifestationen», sagt Al Imfeld.

Was den Weltkirchen bliebe, ist der Versuch, in Kooperation mit der EU und der UNO den Machthaber Afewerki zu entfernen. Daraus ergäbe sich eine Chance für einen Neuaufbau Eritreas. Ein Grund, nach Europa zu fliehen, würde hinfällig.

Aber Afewerki loszuwerden, dürfte eine Illusion bleiben. Also müssen sich die Schweizer Kirchen auf den Einsatz im eigenen Land konzentrieren. In der Flüchtlingsproblematik könnte sich zeigen, was die viel beschworene Ökumene wert ist. Die drei Schweizer Landeskirchen, reformiert, katholisch, christkatholisch, müssen ein Team organisieren, das rasch konkrete Massnahmen ergreift. Die Arbeit darf sich nicht in Palaver erschöpfen. Realisten und Pragmatiker sind gefragt.

Zwei Flüchtlinge in jede Gemeinde

Das Team arbeitet in zwei Richtungen. Jede der rund 2500 Kirchgemeinden nimmt zwei Flüchtlinge aus Eritrea auf, begleitet sie und sorgt dafür, dass sie sich in der Schweiz zurechtfinden. Das bedingt logistisches Können. Die zweite Stossrichtung betrifft das Arbeitsverbot für Asylbewerber. Es ist weder der einheimischen Bevölkerung noch den Flüchtlingen gedient, wenn diese nicht arbeiten dürfen. Ziel muss es sein, dieses Verbot aufzuheben. Keiner steht mehr gelangweilt herum. Wer unser Land betritt, bekommt unverzüglich eine Arbeit und ist verpflichtet, diese anzutreten. Das wird eine einfache Beschäftigung sein: Wald putzen, Bergbauern unterstützen, handlangern.

Mit einem Power-Team, das ein solches konkretes Projekt schnell und unbürokratisch umsetzt, könnten sich die Schweizer Kirchen in der Bevölkerung einen Teil jenes Respekts zurückholen, den sie Jahr um Jahr verspielen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.07.2015, 07:18 Uhr

Josef Hochstrasser war römisch-katholischer Priester, hat geheiratet und ist heute reformierter Pfarrer.

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