Weniger Bildung, weniger Vertrauen

Befindet sich das politische System auch in der Schweiz in einer Vertrauenskrise? Der neue Sozialbericht gibt Aufschluss.

Enttäuscht von der Politik: Von den Befragten mit tiefem Bildungsstand stimmten 2015 45 Prozent der Aussage zu, die Regierung kümmere sich nicht darum, was Menschen wie sie denken.

Enttäuscht von der Politik: Von den Befragten mit tiefem Bildungsstand stimmten 2015 45 Prozent der Aussage zu, die Regierung kümmere sich nicht darum, was Menschen wie sie denken.

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Wie steht es mit dem Vertrauen der Schweizer Bevölkerung in das politische System? Angesichts der Vertrauenskrise, in der sich Parteien und Regierungen in vielen Ländern befinden, ist von grossem Interesse, ob sich ähnliche Tendenzen auch in der Schweiz finden. Einen Einblick in die Befindlichkeit der Bevölkerung gibt der Sozialbericht 2016, den das Schweizerische Kompetenzzentrum für Sozialwissenschaften Fors mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds gestern veröffentlichte. Die Autoren des Berichts untersuchten anhand von Daten aus verschiedenen Erhebungen, wie es um die Zufriedenheit der Schweizer Bevölkerung in verschiedenen Lebensbereichen wie Beruf, Familie und Freizeit, aber auch Religion, Kultur und Politik bestellt ist.

Eine schon länger anhaltende Vertrauenskrise lässt sich anhand der Daten nicht feststellen. Auf einer Skala von 0 bis 10 beurteilten die Befragten 2014 ihre Zufriedenheit mit der Schweizer Demokratie im Durchschnitt mit 7,4. Das ist ein weit höherer Wert als in Deutschland (5,1) und ein immer noch deutlich höherer Wert als in Schweden (6,8). «Es zeigt sich, dass das Vertrauen der Bevölkerung in die Politik im internationalen Vergleich immer noch hoch ist», sagt Franziska Ehrler von Fors. Dasselbe zeigt auch die Beurteilung der einzelnen Institutionen durch die Befragten. 66 Prozent vertrauen laut Daten aus dem Jahr 2015 dem nationalen Parlament, und die Zufriedenheit mit der Regierung wird im Durchschnitt mit mehr als 6 von 10 bewertet. Weniger gut schneiden hingegen Parteien und einzelne Politiker ab. Ihnen vertrauen nur 43 bzw. 48 Prozent der Befragten.


Grafik: Sozialbericht 2016. Daten: ESS 2014 (ES, UK: 2012)


Grafik: Sozialbericht 2016. Daten: ESS 2014 (ES, UK: 2012)


Grafik: Sozialbericht 2016. Daten: ESS 2014 (ES, UK: 2012)

Hinweise auf von der Politik ziemlich stark enttäuschte Personen finden sich in den Daten allerdings auch. Von den Befragten mit tiefem Bildungsstand stimmten 2015 45 Prozent der Aussage zu, die Regierung kümmere sich nicht darum, was Menschen wie sie denken. 37 Prozent der weniger Gebildeten sind zudem der Ansicht, dass Menschen wie sie keinen Einfluss auf das Handeln der Regierung hätten. Bei den hoch Gebildeten waren dies nur 14 Prozent. Personen mit tiefem Bildungsniveau sind gleichzeitig auch stärker durch den gesellschaftlichen Wandel verunsichert. Sie beklagen deutlich öfter als Personen mit mittlerer oder hoher Bildung den zu raschen Wandel, Traditionsverlust und Unsicherheit.

Die Autoren des Sozialberichts führen zwei mögliche Gründe für die höhere Unsicherheit von weniger gebildeten Personen an. Erstens verbessere eine gute schulisch-berufliche Ausbildung die Chancen, komplexe gesellschaftliche Veränderungen zu verstehen und zu bewältigen. Zweitens verweisen die Forscher darauf, dass weniger Gebildete eher die negativen Folgen des globalen Wandels der Wirtschaft zu tragen haben.


Grafik: Sozialbericht 2016. Daten: ISSP (Mosaich)

In einem Beitrag für den Sozialbericht untersucht der Politologe Marc Bühlmann zudem, wie sich politische Beteiligung auf das Wohlbefinden auswirkt. Glücklich werde man durch politische Beteiligung eher nicht, folgert Bühlmann aus seiner Analyse der vorhandenen Daten. Wer sich politisch beteilige, stärke jedoch sein Gefühl, zusammen mit anderen etwas aktiv und bewusst bewegen zu können. Insofern steigern politische Partizipationsmöglichkeiten laut Bühlmann aber doch das Wohlbefinden.

Aus dem Sozialbericht geht auch hervor, dass Personen, die meistens oder immer abstimmen gehen, ihren politischen Einfluss höher einschätzen (4,4 von 10) als jene, die nie gehen (2,7). Die Wahrnehmung des politischen Einflusses hängt wiederum auch vom Bildungsniveau ab. Personen mit hoher Bildung bewerten ihren politischen Einfluss im Durchschnitt mit 4,2 von 10; bei Personen mit tiefer Bildung beträgt der Wert 3,4.

Franziska Ehrler, Felix Bühlmann, Peter Farago, François Höpflinger, Dominique Joye, Pasqualina Perrig-Chiello und Christian Suter (Hg.). Sozialbericht 2016: Wohlbefinden. Zürich: Seismo-Verlag. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.10.2016, 20:15 Uhr

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