Osamahs Geheimnisse

In Schweizer Kliniken fiel der Iraker im Rollstuhl als galanter Flüchtling auf. Nun ist er der Hauptverdächtige einer mutmasslichen Schweizer IS-Zelle. Doch wer ist er?

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Ein junger, adretter Mann rollt Mitte Januar 2012 ins Empfangszentrum für Flüchtlinge in Kreuzlingen. Er hat seine Habseligkeiten dabei und 200 Euro. Osamah heisse er, behauptet der Gehbehinderte, er sei 25 Jahre alt, komme aus ­Kirkuk. Das sind vielleicht schon zwei Lügen. Verbürgt ist nur, dass der Mann im Rollstuhl in der Grossstadt im Nord­irak zur Schule gegangen war und Erdölwissenschaft studiert hat.

Der angebliche Osamah, der wohl ein Stück älter ist, lügt weiter: 2009 hätten ihn Terroristen in den Rücken geschossen. Er sei beinahe umgekommen. Über zwei Jahre habe er sich in irakischen Spitälern versteckt gehalten. Kürzlich habe er sich zur Flucht entschlossen.

Osamah bittet in der Schweiz um Asyl, und er erzählt die Geschichte seiner Flucht, die Ende 2011 im Bus aus dem Irak nach Istanbul beginnt. Von der Türkei wollte er, so die Schilderung, direkt in die Schweiz fliegen. Doch ein Schlepper habe ihn betrogen, und er sei anderswo gelandet, wo genau, wisse er nicht. Am unbekannten Ort schenkte ihm ein arabischer Arzt ein paar Euro, und ein Somalier habe ihm ein Billett gekauft. Dann ging es mit dem Zug in die Schweiz. Die Befragerin vom Migrationsamt hört sich das an, stellt Nachfragen und sagt dann: «Ihr geltend gemachter Reiseweg ist gänzlich unglaubhaft.»

Wieso er denn in seiner Heimat bedroht sei, will sie wissen. Er habe, gibt Osamah zu Protokoll, im Irak Sicherheitsdienst geleistet, für die von den Amerikanern geförderte Sondereinheit Sahawat. Drei Terroristen hätten das Haus seiner Familie aufgesucht, um ihn umzubringen. Einer habe geschossen und seine Wirbelsäule und eine Niere ­getroffen. Sofort sei er ohnmächtig geworden. Die Angreifer hätten ihn für tot gehalten. Als er das Bewusstsein wieder erlangt habe, sei er gelähmt gewesen.

Asylentscheid: Ein Irrtum

Noch bevor es zur zweiten Anhörung kommt, wird Osamah einer ersten Lüge überführt, durch Kommissar Zufall. Der Schweizer Zoll fängt eine Kuriersendung ab. Sie ist an Wesam, einen Schlepper aus dem Aargau, adressiert. Er ist ebenfalls Iraker und ein Freund Osamahs. Die beiden werden Angeklagte sein im grössten und rätselhaftesten Schweizer Terrorprozess seit Jahrzehnten. Die Bundesanwaltschaft wird ihnen vorwerfen, vom Land aus, das sie aufnahm, als IS-Terroristen einen Bombenanschlag geplant zu haben.

Dokumente vom abgefangenen Fed­ex-Paket belegen, dass sich Osamah auch in Syrien aufhielt. Dies versucht er im Asylverfahren zu verheimlichen. Der Befrager in der zweiten Anhörung stellt eine Fangfrage: «Waren Sie in Damaskus?» Osamah tappt in die Falle, er verneint. «Warum erzählen Sie so einen ­riesigen Stuss?», herrscht ihn der Migrationsbeamte an. Er hält dem Mann im Rollstuhl ein Zertifikat unter die Nase, das beweist, dass das UNO-Flüchtlingshilfswerk ihn in der syrischen Hauptstadt als Asylsuchenden anerkannte.

Trotzdem bekommt Osamah kurz darauf einen positiven Asylentscheid der Eidgenossenschaft zugestellt. «Es bestehen zwar kleinere Widersprüche in untergeordneten Punkten», heisst es darin. «Das Gesamtbild aller Aussagen und Beweismittel spricht jedoch überwiegend für die Glaubhaftigkeit der Vorbringungen.» Die Sätze sind ein einziger Irrtum, wie sich in mehr als eineinhalb Jahren Strafuntersuchung zeigen wird.

Zuerst lacht er, als ihn die Polizei mit dem Verdacht konfrontiert. Dann bestreitet er alles vehement.<

Doch fürs Erste wird Osamah ein Musterimmigrant. Bereits unmittelbar nach der Ankunft, in einer Klinik in Schaffhausen, lernt er Deutsch. Nach kürzester Zeit versteht er die Fragen der Behörden. Manchmal antwortet er, bevor die Dolmetscher mit dem Übersetzen anfangen, was für Erstaunen sorgt.

Medizinisch wird der vorbildliche Flüchtling intensiv betreut. Terrorermittler werden ihm vorwerfen, er habe sich kostspielig kurieren lassen, um zum IS zurückzukehren. Und er habe sogar Mitkämpfer mit dem gleichen Plan in die Schweiz bringen wollen. «In den wildesten Fantasien passiert so etwas nicht», wird Osamah erwidern. Alles sei ganz harmlos: Er wolle in der Schweiz einen Beruf erlernen, eine Familie gründen, sich integrieren. Sonst hätte er sich nicht «umgebracht, um Deutsch zu lernen». Anders äusserte sich der Patient in Chats mit Weggefährten aus Syrien: Dort äusserte er wiederholt den Wunsch, wieder so gesund zu werden, um zu ­ihnen, den Jihadisten, und «zur Arbeit» zurückkehren zu können. Sein Herz habe sich nicht abgekühlt.

Im Schaffhauser Pflegezentrum bleibt Osamah fast zwei Jahre, unterbrochen von Aufenthalten im Paraplegikerzentrum Nottwil. An beiden Orten fällt er positiv auf: als höflicher, galanter und überaus wissbegieriger Patient. Gute Manieren hatte er in seiner wohlhabenden Kirkuker Sippe gelernt. Besonders den Schaffhauser Krankenschwestern hat er es angetan, mit ihnen schäkert er.

Doch Osamah führt ein Doppelleben, auch über das Klinik-WLAN. Er steht übers Internet in Dauerkontakt mit Personen mit Pseudonymen, hinter denen die Bundeskriminalpolizei Kampfgenossen Osamahs, vermuten wird. Die Ermitt­ler werden auch auf eine Chat-Stelle stos­sen, in welcher der Mann im Rollstuhl preisgibt, er sei «seit 2004 bei den Brüdern auf einem hohen Niveau aktiv». Die Bundesanwaltschaft wird diese Passage so deuten, dass ihr Angeklagter seit über einem Jahrzehnt ein IS-Kadermann ist.

«Bei Gott, sie sind dreckig»

Doch für einen hochrangigen, erfahrenen Terroristen verhält sich Osamah wenig konspirativ, zumindest in seiner Anfangszeit in Schaffhausen und Nottwil. Einmal bedroht er auf Facebook den Leiter der irakischen Anti-Terror-Abteilung: Der Tag werde kommen, an dem sein verdorbener Kopf abgeschnitten werde. In Chats schimpft er auch über die Bevölkerung seines Gastlands: Schweizer seien «Hundesöhne», «zum Enthaupten da, nicht zum Missionieren».

Seine Ausfälle wird er damit rechtfertigen, dass es ihm im Spital psychisch schlecht gegangen sei. Doch das meiste in den Chats seien Spässe gewesen. «Wir, die arabischen Jungs, schreiben manchmal solche Sachen, nur um uns lustig zu machen», wird er später bei einer ­Einvernahme sagen. Das mochte für ihn auch als Erklärung gelten für ein Ereignis im Pflegezentrum Schaffhausen, im September 2012: Krankenschwestern wollen ihrem Langzeitpatienten eine Freude bereiten und feiern mit ihm seinen 26. Geburtstag. Über das weibliche Spitalpersonal hat der beliebte Dauergast geschrieben: «Bei Gott (. . .) sie sind moralisch dreckig.» Nach der Feier zu seinen Ehren teilt er einem Chat-Partner eines seiner Geheimnisse mit: Er habe gar nicht Geburtstag, er sei bereits 31.

In der Biografie, die er als Asylsuchender angegeben hat, klafft ab spätestens 2003, als die USA den Irak angriffen, eine grosse Lücke. Eine Frage wird sich bald schon aufdrängen: Ist Osamah gar nicht Osamah? Hat er in der Schweiz die Identität seines jüngeren Bruders angenommen? Dessen Vornamen und Jahrgang verwendete der Mann im Rollstuhl bei einer Facebook-Registrierung. Doch die zentrale Figur der mutmasslichen Schweizer IS-Zelle wird zuerst nur lachen, als die Bundeskriminalpolizei ihn mit dem Verdacht konfrontiert. Dann wird er alles vehement bestreiten.

Wofür stehen Wassermelonen?

Im November 2013 kann Osamah das Pflegezentrum verlassen. Das Schaffhauser Sozialamt hat ihm eine Zweieinhalb-Zimmerwohnung im Grenzdorf Beringen zugeteilt, in einem Neubau, rollstuhlgängig. Osamah besucht weiterhin fleissig Deutschkurse im benachbarten Schaffhausen, und selber erteilt er ­Arabischunterricht in einer Hinterhof-Moschee. Zum Beten und zum Lehren müssen andere Gläubige Osamah jeweils in den zweiten Stock des Islam-Zentrums hieven. Einer, der bei ihm lernen will, ist der süddeutsche Thaibox-Weltmeister Valdet Gashi, der bald nach ­Syrien in den Jihad ziehen wird.

Von seiner neuen Wohnung aus pflegt Osamah weiterhin Kontakt zu mutmasslichen IS-Exponenten in Syrien oder im Irak, manchmal wechselt er auf Kommunikationskanäle, von denen er annimmt, dass sie nicht überwacht werden. Doch US-Geheimdienste bekommen Verdächtiges mit, so auch einen Dialog mit ­einem mutmasslichen IS-Führer. Am 20. Februar 2014 bittet Osamah Abu Hajer, ihm sein Vertrauen auszusprechen. Er wolle das «Fundament des Hauses zum jetzigen Zeitpunkt bereit machen». Die Arbeit, fügt er hinzu, sei dann «für die Zukunft». Im Skype-Chat ist vieles verklausuliert und höchst suspekt, es ist von «Wassermelonen» und «Brot backen» die Rede und davon, dass Abu Hajer Osamah einen Mann schicken soll.

Dieser Dialog löst den Verdacht aus, dass die beiden den ersten IS-Terroranschlag in Europa planen. Die Schweizer Ermittler werden versuchen, die Kommunikation zu entschlüsseln. Sie fragen bei Scotland Yard nach, weil sie mitbekommen haben, dass das Wort «Wassermelonen» bei einem britischen Islamistenprozess eine Rolle spielte. Allerdings bekommen sie aus London die Antwort, dass es nur um den Wassermelonen-Geschmack in Wasserpfeifen gegangen sei. Hilfreicher werden Angaben des deutschen Bundeskriminalamts aus dem Verfahren gegen die Sauerland-Zelle sein. Ein Terrorist hatte ausgesagt: «Es klingt absurd, aber das haben wir vorher nicht abgesprochen. Wir haben zum Beispiel in E-Mails einfach Begriffe wie ‹Backen› für ‹Vorbereiten›, ‹Torte› für ‹Bombe› oder ‹Party› für ‹Anschlag› genutzt, und die anderen haben es sofort verstanden.» Die Terrorermittler in Bern werden sich bestärkt fühlen: Bei Osamah und Abu Hajer ging es um Bombenbau und Attentatsvorbereitungen.

Im März 2014 chatten Abu Hajer und Osamah wieder. Der Mann in Syrien verspricht, er werde Informationen auf ­einem Datenträger speichern. Osamah antwortet: «Aha, gut. Aber Bruder, füge alle Details über die Herstellung von ­Materialien und den Umbau von Geräten ein.» Abu Hajer kündigt an, wegen Osamah die «Generalsicherheit von der Levante» zu konsultieren. Die Terrororganisation IS operierte damals als «Islamischer Staat im Irak und in der Levante».

Eine Woche später werden Osamah und zwei Mitbeschuldigte verhaftet.

Zwillinge oder dieselbe Person

Die intensivsten Terrorermittlungen in der Schweiz der vergangenen Jahrzehnte laufen an. Die Bundesbehörden kooperieren eng mit den US-Strafverfolgern. Eine der grossen Fragen ist und bleibt: Wer ist Osamah? Nach einem halben Jahr, im Dezember 2014, liefert das amerikanische Justizministerium Informationen nach Bern, mit denen sich eines der Geheimnisse vielleicht lüften lässt. Es geht um einen Mann, der 2006 im Irak verhaftet wurde. Er nannte sich damals Raed. In einer US-Datenbank wurde er mit Geburtsjahr 1981 verzeichnet, jenem Jahrgang, den die Schweizer Bundeskriminalpolizei ihrem Hauptverdächtigen im Rollstuhl zuschreibt. Als Grund für die Verhaftung vermerkten die Amerikaner: «zugegebene Angriffe mit unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtungen und anderen Attacken auf Koalitionstruppen».

Das passt zu Facebook-Konversationen, welche die Schweizer Ermittler auswerten. Der angebliche Osamah schrieb einem heutigen Mitangeklagten, dass er schon Mitte Nullerjahre «in Sachen Heiraten gearbeitet» habe. Detailliert schilderte er auch Kämpfe von 2007, die er als «unsere Angriffe» bezeichnet: Wie er einem «Bruder» zu Hilfe eilte und in Serienfeuer von «Abtrünnigen» geriet. Wie sein Wunsch, als «Löwe» zu sterben, nicht in Erfüllung ging. Die Ermittler sind überzeugt, dass der damals noch nicht Gehbehinderte an Attacken einer IS-Vorgängerorganisation auf Kontrollpunkte in Diyala, an der Grenze zum Iran, teilnahm. Die IS-Kämpfer nennen sich «Löwen».

Verräterische Nasenkrümmung

Doch ist Osamah Raed? Eine Analyse der Gesichtsmerkmale soll Klarheit liefern. Das Kommissariat Internationale Identifizierungen beim Fedpol in Bern vergleicht US-Fotos des Mannes aus dem Irak, der sich Raed nannte, mit Aufnahmen des in Beringen Festgenommenen. Dessen Gesicht ist etwas voller, was sich mit einer Gewichtszunahme und dem Altersunterschied erklären liesse – die Fotos der Amerikaner sind fast zehn Jahre früher aufgenommen worden. Andere Merkmale, die etwas schiefe Nase und Muttermale, sind eindeutig identisch. Der Befund des Kommissariats­leiters: Die Personen, die sich Raed und Osamah nennen, sind entweder eineiige Zwillinge oder ein und dieselbe Person.

Damit konfrontiert, bestreitet Osamah nicht mehr, dass er bereits damals im Irak verhaftet worden ist. Er tischt jetzt eine neue Geschichte auf: Die irakische Polizei habe ihn verhaftet und eine Woche lang brutal gefoltert. Dann sei er den Amerikanern ausgehändigt worden, welche die Spuren der Misshandlungen dokumentiert und ihn freigelassen ­hätten. «Ich bin unschuldig», beteuert Osamah. Einmal mehr.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.01.2016, 21:44 Uhr)

Serie zu Berner IS-Ermittlung

Schwerster Terrorfall oder nicht?

Tagesanzeiger.ch/Newsnet erzählt an Silvester und im neuen Jahr in drei Teilen die Geschichte der mutmasslichen Schweizer IS-Zelle. Die Bundesanwaltschaft klagt vier Iraker an, die in der Schweiz leben. Stimmen die Anschuldigungen, wäre es der schwerste Schweizer Terrorfall seit Jahrzehnten. Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe – insbesondere die Planung eines Anschlags. Das Bundesgericht wird die Sache ab Ende Februar beurteilen.

Um die Verständlichkeit der Serie zu verbessern, machen wir zwei Vereinfachungen: Für den «Islamische Staat», der unter dem Kürzeln ISI und ISIL bekannt wurde, verwenden wir das heute gängige Kürzel IS. Von dem halben Dutzend Pseudonymen des mutmasslichen Terrorführers Abu Akkab al-Muhajir benutzen wir den in den Akten häufigen Namen Abu Hajer.

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