Wer schweigt, sagt nicht Ja

Kann der Staat vom Bürger verlangen, sich zur Verwertung seiner Organe zu äussern? Nein. So schön es wäre.

Die Transplantation einer Niere in einem US-amerikanischen Spital. Foto: Manuel Balce Ceneta (Keystone)

Die Transplantation einer Niere in einem US-amerikanischen Spital. Foto: Manuel Balce Ceneta (Keystone)

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Wenn man sie fragt, geben sich die Schweizer spendefreudig. Gemäss einer Studie der Stiftung Swisstransplant sind 92 Prozent der Bevölkerung der Organspende gegenüber «positiv» eingestellt . Wenn sie dann aber sterben, haben sie trotzdem nur selten einen Spenderausweis im Portemonnaie. Und die Hinterbliebenen, die in der Schweiz in jedem Fall berücksichtigt werden, sprechen sich in mehr als der Hälfte aller Anfragen gegen eine Organentnahme aus.

Diese Kluft zwischen Spendewilligkeit und Realität hat Folgen. Die Schweizer Warteliste der Organempfänger wächst, die Spenderzahlen waren 2016 rückläufig. Deshalb regt Swisstransplant erneut an, dass die Schweiz ihr System umstellt – auf eine «vermutete Zustimmungs­lösung». Jeder, der sich nicht schriftlich zum Nichtspender erklärt, soll nach dem Tod als potenzieller Spender infrage kommen. Nicht automatisch, wie die Stiftung versichert, es würden weiter Gespräche mit Angehörigen geführt, um den Willen des Verstorbenen zu eruieren. Doch das Ziel ist klar: Die Zahl der Spenden soll steigen. Andere Länder Europas kennen solche Widerspruchsregelungen bereits.

Angehörige werden belastet, wenn sie entscheiden müssen.

Angedacht wird in der Schweiz ein nationales Register der Spendeunwilligen, doch als Nichtspenderausweis würde wohl auch ein unterschriebener Post-it-Zettel im Hosensack genügen. Oder man kann sich vorproduzierte Verweigerungskarten aus dem Internet herunterladen – und dies nicht nur von den Websites christlicher Fanatiker. Auch vonseiten der Ethiker und Bürgerrechtler gibt es kluge, nüchterne Einwände dagegen, alle Schweigenden als willige Spender anzusehen.

Der erste Einwand betrifft Recht und Ethik. Darf der Staat vom Bürger verlangen, dass er sich zur Organentnahme äussert, mit Worten oder eben schweigend? Nein, fand 2012 die Nationale Ethikkommission im Bereich Humanmedizin – einstimmig. Die Umstellung von der Zustimmungs- zur Widerspruchslösung käme einer «Äusserungspflicht» gleich, würde die Persönlichkeitsrechte der Bürger verletzen und zudem die Neutralität des Staates in der Frage der Organ­verpflanzungen infrage stellen. Im Klartext: Die Gesellschaft hat weder Anspruch auf die toten Körper ihrer Bürger noch auf klare Organtestamente. Entsprechend lehnte auch das Parlament eine Systemänderung vor zwei Jahren ab.

Aus liberaler Sicht lässt sich zweitens bemängeln, dass die Annahme des schweigenden Einverständnisses die Bürger zum Tätigwerden zwingt. Der Jurist Cass Sunstein und der Ökonom Richard Thaler nennen das «nudging», wenn der Staat oder eine Firma den Bürger oder Kunden anstupft, das scheinbar Richtige oder Lukrative zu tun. Solche gut gemeinte Zwängerei grundsätzlich abzulehnen, ist nicht unbedingt egoistisch.

Mehr leben statt weiterleben

Drittens könnte sich längerfristig die Kostenfrage stellen, die uns bereits sonst überall in der Medizin beschäftigt. Transplantationen sind teure Eingriffe, und wird ihre Zahl erhöht, hat das wohl finanzielle Effekte. Damit verbunden ist die Frage der Machbarkeit: Ab welchem Punkt wird eine grössere Verfügbarkeit von Spenderorganen dazu führen, dass Organe ersetzt werden, deren Austausch heute noch nicht als zwingend gilt? Solche Ängste gilt es auszuräumen, auch wenn sie mit der Situation der Gegenwart nichts zu tun haben.

Viertens kann man fragen, ob wir nicht eher zu viel Kraft und Mittel für die Verlängerung von Leben aufwenden als für das gute Leben selbst. Aber an dieser Stelle brechen wir ab, denn dies soll kein Plädoyer gegen Organverpflanzungen werden. Es ist völlig nachvollziehbar, dass jemand mit der anonymen Spende seiner Organe Leben retten möchte. Dass es Spender gibt, die sich hierfür nach dem Tod zur Verfügung stellen, verdient Bewunderung. Sie sind unverzichtbar, zumindest bis Ersatzorgane im Labor gezüchtet oder vom 3-D-Printer erstellt werden können.

Dass Swisstransplant sich für die «vermutete Zustimmungslösung» ausspricht, hat sein Gutes: Wir diskutieren. Es wäre wunderbar, wenn sich jeder schon zu Lebzeiten Gedanken über die Weiterverwertung seines Körpers machen würde. Im Moment überlassen es die meisten nämlich ihren Angehörigen, mit dem Spitalpersonal einen Entscheid zu fällen. Das ist oft belastend; besser, jeder nähme es selber auf sich. Nur eben: Dazu gezwungen werden kann niemand.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2017, 19:22 Uhr

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