Widmer-Schlumpfs Intervention mit Folgen

Die Kritik der Alt-Bundesrätin an der Steuerreform veränderte den medialen Abstimmungskampf. Eine neue Auswertung zeigt, wie.

Sie kritisierte die Steuerreform, die sie noch als Finanzministerin aufgegleist hatte: Alt-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zwei Tage noch, dann ist der Abstimmungskampf um die Unternehmenssteuerreform (USR) III vorbei. Die Vorlage ist komplex, sie ist technisch – und stösst doch auf ein grösseres Interesse als fast alle anderen Abstimmungen der vergangenen Jahre. Das zeigt eine neue Auswertung des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) der Universität Zürich. Nur über die Masseneinwanderungs- und die Abzockerinitiative berichteten die Schweizer Medien öfter als über die Steuerreform.

Die grosse Resonanz geht laut den Medienwissenschaftlern auch auf eine ungewöhnlich erfolgreiche linke Kampagne zurück. «Zum ersten Mal seit Untersuchungsbeginn 2013 findet eine Vorlage in diesem Masse überdurchschnittlich Beachtung, die primär von linken Akteuren bewirtschaftet wird», schreiben sie in ihrem Abstimmungsmonitor, der heute Nachmittag veröffentlicht wurde. Bei anderen Links-rechts-Vorlagen sei dies nicht der Fall.

Die Linke gegen die Elite

Die Studienautoren führen dies auf die linke Strategie zurück, den Streit um die Steuerreform als Volk-Elite-Konflikt aufzuladen. Es werde suggeriert, dass es darum gehe, den arbeitenden Mittelstand vor den Interessen der Grossfirmen zu schützen – und dass man den Argumenten des Bundesrates und der Kantonsvertreter nicht «vertrauen» könne. 63 Prozent aller untersuchten Medienbeiträge zu den Abstimmungen zwischen dem 21. November und dem 5. Februar hatten die USR zum Thema, 22 Prozent beschäftigten sich mit den erleichterten Einbürgerungen, nur gerade 15 Prozent mit dem Fonds für den Strassenverkehr.

Infografik: Umfang und Tonalität in der Berichterstattung zur USR III Grafik vergrössern

Die Haltung gegenüber der Steuerreform ist in den Medien «ambivalent», wie das FÖG festhält (siehe Grafik). Bei 10 von 22 untersuchten Medientiteln fällt die Tonalität positiv aus. Klaren Zuspruch findet sie in Berichterstattung und Kommentierung der NZZ, der «NZZ am Sonntag», der «Basler Zeitung» und der «Luzerner Zeitung». Bei 7 Titeln halten sich Kritik und Zustimmung in etwa die Waage, bei 5 Titeln ist sie eher negativ, darunter auch im «Tages-Anzeiger». Besonders kritisch berichtete der «Blick am Abend».

Der Erfolg des Burka-Plakats

Einen Wendepunkt in der Debatte über die Steuerreform machen die Medienwissenschaftler in der Intervention der früheren Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf aus. Nachdem sie sich am 23. Januar in einem Interview mit dem «Blick» kritisch zur Vorlage äusserte, nahm die ohnehin schon breite Berichterstattung noch einmal rapide zu – einerseits, weil die Argumente der Alt-Bundesrätin in Artikeln aufgenommen und diskutiert wurden, andererseits, weil sie von ihren Gegnern für ihren Einwurf als «Verräterin» kritisiert wurde. «Allein in der Woche nach dem Interview nimmt rund ein Drittel aller in den untersuchten Medien erschienenen Artikel prominent und explizit auf Widmer-Schlumpf Bezug», heisst es im Bericht.

Klar ist das Bild bei der medialen Debatte über die erleichterten Einbürgerungen, über die die meisten Medien tendenziell positiv berichten – mit Ausnahme der «Weltwoche» und der «Basler Zeitung». Resonanz erzielten die Gegner der Vorlage fast ausschliesslich dank ihrem Burka-Plakat – so, wie sie sich das erhofft hatten. «Wie schon bei der Minarett-Initiative können die Kampagnen-Akteure geschickt die Bedürfnisse der Medien bedienen und mit dieser provokativen Werbekampagne Gratis-Medienresonanz erzielen», schreiben die Studienautoren.

Video – USR-III einfach erklärt:

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.02.2017, 14:38 Uhr

Artikel zum Thema

Der Coup von Eveline Widmer-Schlumpf

Die Alt-Bundesrätin hat taktisch geschickt in den Abstimmungskampf eingegriffen. Andere Kollegen machten es vor - aber sie macht es besser. Mehr...

Profitiert der Bäcker? Die USR III im Faktencheck

Milliardenkosten oder neue Einnahmen: 6 Behauptungen aus der «Arena» zur Unternehmenssteuerreform III im Check. Mehr...

Die Methode

Das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) der Universität Zürich hat seit 2013 45 Abstimmungsvorlagen untersucht, wie darüber in den Medien berichtet wird. Erfasst wurden für den anstehenden Urnengang vom 12. Februar alle Beiträge zu den nationalen Abstimmungsvorlagen, die vom 21. November 2016 bis 5. Februar 2017 erschienen sind – unbearbeitete Agenturmeldungen ausgenommen. Das Mediensample besteht aus 22 Pressetiteln der Deutschschweiz und der Romandie. Für jeden Beitrag wird dabei bestimmt, ob die Tonalität primär über die Medien selbst bestimmt wird (zum Beispiel in Leitartikeln und Kommentaren), primär über Akteure (zum Beispiel in Interviews und Gastbeiträgen), oder mehr oder minder gleichgewichtet durch Medien und Akteure. (TA)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Männchen machen für einen Heiligen: Auf den Hinterbeinen bahnen sich Pferd und Reiter ihren Weg durch die Menschenmenge in Ciutadella auf der spanischen Insel Menorca. Das ist Brauch während des San-Juan-Fests – und wer die Brust des Tieres streicheln kann, soll vom Glück gesegnet werden. (23. Juni 2017)
(Bild: Jaime Reina) Mehr...