Wie sich der Schiess-Papst vor Gericht wiederfand

Fünf hohe Schweizer Offiziere sind wegen Verschwendung von Munition und Veruntreuung angeklagt.

Fünf Schweizer Armeeoffiziere stehen im Rathaus von Yverdon vor dem Militärgericht 2. Foto: Robert Honegger

Fünf Schweizer Armeeoffiziere stehen im Rathaus von Yverdon vor dem Militärgericht 2. Foto: Robert Honegger

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Es gibt einen Moment an diesem Montagnachmittag, an dem klar wird, warum der Gerichtspräsident den Hauptangeklagten als «Pape de Tir» bezeichnete, als «Schiess-Papst». A. B., Oberstleutnant, Berufsoffizier seit über 25 Jahren, sagt auf eine Frage, er müsse etwas ausholen. Dann rollt er zwei laminierte Plakate aus, die ein Gerichtsdiener während Minuten mit ausgestreckten Armen hochhalten muss. A. B. stellt sich mitten in den Gerichtssaal, zwischen all die Uniformen mit den wichtigen Abzeichen auf den Schultern, und hält einen Instantvortrag, wie schwierig es gewesen sei, in den 90er-Jahren den Schweizer Angehörigen der Armee beizubringen, ihren Umgang mit Gewehr und Pistole zu ändern. «Ich kenne die Kultur der Armee sehr gut», sagt er, als spreche er von der Vorwärtsbewegung eines Gletschers.

A. B. gibt zu Protokoll, er habe die Schiessausbildung sicherer machen wollen, mehr Effizienz, weniger Unfälle. Um neue Griffe und Prozeduren auszuprobieren, fing er an, ausserhalb der offiziellen Dienstwege zu experimentieren und sich mit ausländischen Spezialisten auszutauschen. Dass er heute vor Gericht steht, hat viel mit dieser Initiative zu tun.

Brigadiere und Divisionäre unter den Zeugen

Der 53-Jährige ist die zentrale Figur in einem aussergewöhnlichen Militärstrafprozess. Die Vorwürfe gegen ihn wiegen schwer. Die Militärjustiz lastet ihm gewerbsmässigen Betrug an – ebenso Veruntreuung, Fälschung amtlicher Aktenstücke, Missbrauch und Verschleuderung von Material, Missbrauch der Befehlsgewalt und Nichtbefolgung von Dienstvorschriften. Vier weitere (Unter-)Offiziere sind ebenfalls angeklagt. Eine Woche lang tagt das Militärgericht 2 im Rathaus von Yverdon. Der Fall sorgt für Aufsehen in Militärkreisen. Über zwanzig Zeugen sind aufgeboten worden, darunter hohe Offiziere, selbst Brigadiere oder Divisionäre.

A. B. arbeitet bis heute in einer Westschweizer Kaserne im Lehrverband Infanterie, ist also weiter als Offizier tätig. Die Ankläger werfen ihm vor, in den Jahren 2008 bis 2013 grosse Mengen an Armeemunition privat verschossen und Schiessstände in der Romandie ohne zu bezahlen benutzt zu haben – zugunsten eines privaten Vereins, den er mitgegründet hatte. Die Vereinigung habe über Jahre hinweg auf Armeekosten teure Schiessausbildungen durchgeführt und damit mehr als 800'000 Franken an Kursgebühren eingenommen. A. B. habe armeeintern vorgetäuscht, dass die Kurse in den offiziellen Lehrverband eingebunden seien, obwohl sie privat organisiert waren. So habe er kostenlosen Zugang zu Munition und Material erhalten. Armasuisse habe deshalb Nutzungen im Wert von über 300'000 Franken nicht verrechnet. Den finanziellen Interessen der Schweiz sei so «schwerer Schaden» zugefügt worden.

Im eigenen Namen ein «veritables Arsenal» zugelegt

Einen Teil der Einnahmen soll A. B. an ihm nahestehende Personen weiterge­geben haben, darunter seine Partnerin, die in der Administration des Vereins aushalf. Mit rund 100'000 Franken habe er in eigenem Namen Gewehre und Pistolen gekauft. Er habe sich ein «veritables Arsenal» zugelegt, heisst es in der Ankla­geschrift. Die Militärjustiz stellte im Rahmen ihrer Untersuchung auf einem Schiessplatz im Kanton Freiburg 193 Schusswaffen sicher, die A.B. gehörten, darunter Pistolen, aber auch alte Schweizer Karabiner und AK-47-Sturmgewehre, besser bekannt als Kalaschnikow.

Die Vorwürfe gegen die vier weiteren Angeklagten drehen sich um dasselbe Thema, gehen aber weniger weit. Auch sie sollen dem Verein entgegen den Vorschriften Zugang zu Munition oder auch Zielfernrohren ermöglicht haben. Ihnen gehörten weitere 43 Schusswaffen, die beschlagnahmt sind. Über das Schicksal des Arsenals muss nun das Gericht entscheiden. Das Urteil ist auf Ende Januar/Anfang Februar 2017 angekündigt.

«Es gibt keine Beweise»

Geht es nach den Verteidigern, gibt es keine Frage, wie dieses ausfallen muss: fünfmal Freispruch. «Die Anklageschrift ist ein Emmentaler!», donnert Anwalt Robert Assaël am Montagmorgen in den Saal. Die Militärjustiz schiesse in dem Fall völlig übers Ziel hinaus. Man habe geglaubt, einer geheimen «Armee in der Armee» auf der Spur zu sein, einer «Staatsaffäre». Aber wie viel Munition solle denn nun illegal verschossen worden sein? Wann? «Es gibt keine lückenlosen Beweise», sagt Assaël.

Der Verein klingt in der Anklage nach einem Bund von Waffennarren – aus Sicht der Verteidiger handelt es sich um eine Vereinigung von Profis, die seit den 90er-Jahren Polizisten, Grenzwächter und ausländische Spezialeinheiten geschult haben. A. B. habe jene Reglemente mitentwickelt, mit welchen heute jeder Schweizer Rekrut das Schiessen lerne. Diese Arbeit – wie auch der Austausch mit dem Ausland – sei im Interesse der Armee. Und die rund 200 beschlagnahmten Schusswaffen hätten die Offiziere korrekt erworben und in den Kursen eingesetzt.

Als das Gericht die Mitangeklagten nach A.B. fragt, ergiesst sich Lob um Lob über den Oberstleutnant. Er sei «charismatisch», ein «Arbeitstier», ein «Freund», ein «beispielhafter Chef». Aber: «Für ihn zählt die Mission. Das Administrative folgt auch mal später», sagt einer. Das Ausfüllen von Formularen sei «nicht seine Stärke», sagt ein anderer. Ob er das bestätigen könne, fragt der Gerichtspräsident. Die Antwort kommt ohne Zögern: «absolument.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.12.2016, 22:41 Uhr

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