Zu wenig Schnee: Dutzende Betriebe fordern Kurzarbeit

Die Tourismusbranche leidet unter dem warmen Winter. Firmen verlangen nun Hilfe vom Bund.

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Bergbahnen, Pistenbeizen und Ski­schulen kämpfen mit den warmen Temperaturen. Der fehlende Schnee zum Auftakt der Skisaison liess ihre Umsätze implodieren. 33 Betriebe aus den Wintertourismuskantonen Bern, Graubünden und St. Gallen stellten darum bis dato einen Antrag auf die Einführung von Kurzarbeit.

Am stärksten betroffen ist Graubünden. Dort sanken die Umsätze der Bergbahnen im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent. Das spiegelt sich auch in den Gesuchen für Kurzarbeit. Bisher haben sich 21 Betriebe mit 244 Mitarbeitenden gemeldet. 12 davon sind Skilifte und Bergbahnen. Die restlichen seien vor ­allem Restaurants, sagt Paul Schwendener, der Chef des Bündner Amts für Industrie, Gewerbe und Arbeit.

Auch die Niederschläge von Anfang Jahr haben noch wenig an der Situation geändert, sagt Schwendener: «In tiefen Lagen liegt schlicht zu wenig Schnee.» Er selbst wohne auf 1000 Meter über Meer. Dort sei die weisse Decke gerade mal 10 Zentimeter dick. «In den Ski­gebieten braucht es einfach mal einen Meter Schnee.» Schwendener stellt aber klar, dass die 21 Betriebe nur einen Bruchteil der Branche darstellen. Die Gesuche bewegten sich noch im einstelligen Prozentbereich. Zudem müssten sie erst geprüft werden.

Minus 11 Prozent gegenüber dem Vorjahr

Auch im Kanton St. Gallen sind schon drei Anfragen eingegangen. Im Kanton Bern wurden neun Gesuche gestellt. Sechs Bergbahnen, zwei Bergrestaurants und eine Skischule seien betroffen, so die Volkswirtschaftsdirektion Bern. Insgesamt gehe es um 152 Beschäftigte, sagt Sprecher Niklaus Bernhard. Dass es in Bern weniger Anfragen gibt als in Graubünden, erklärt er sich damit, dass die Pistenverhältnisse besser waren.

Diese regionalen Unterschiede zeigt auch die Zwischenbilanz des Verbandes Seilbahnen Schweiz. In Bern blieb der Umsatz der Bergbahnen zwischen Saisonstart und Jahresende im Vergleich zum Vorjahr konstant. Im Wallis sank er um 17 Prozent, in Freiburg und im Waadtland um 10 Prozent und in der Ostschweiz um 5 Prozent. Im Schweizer Durchschnitt betrug das Einnahmen­minus 11 Prozent – gegenüber einem bereits schlechten Vorjahr.

An schneearme Winter müssen sich die Skiorte in Zukunft allerdings gewöhnen. Klimaforscher sind sich sicher, dass die kommenden Jahrzehnte wärmer werden. Doch das ist nur eine der Herausforderungen, die auf die Tourismusgebiete zukommt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 06.01.2016, 23:51 Uhr)

«Jede Destination muss nach neuen Geschäftsfeldern suchen»

Laut Christian Laesser, Professor für Tourismus und Dienstleistungs­management an der Universität St. Gallen, müssen sich Schweizer Wintersportorte von fixen Ideen lösen.

Was können die Skigebiete konkret unternehmen, um ihr Überleben zu sichern?
Jede Tourismusdestination, ob gross oder klein, muss nach neuen Geschäftsfeldern suchen. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass eine Bergbahn versucht, internationale Tourengäste anzusprechen. Diesen Sprung haben zum Beispiel die Jungfrau- und die Titlisregion geschafft. Dagegen werden «reine» Wintersportgebiete das Ausbleiben von Gästen aus der Schweiz nicht wettmachen können durch den internationalen Markt.

Viele Regionen haben in den schneearmen Tagen versucht, mit Alternativprogrammen den Sommer zu verlängern. Was halten Sie davon?
Als Sofortmassnahme ist das sicher tauglich. Doch längerfristig ist das keine sehr strategische Massnahme. Was es braucht, ist eine gezielte, an spezifischen Kundenbedürfnissen orientierte Diversifizierung.

Wie könnte eine solche Diversifizierung konkret aussehen?
Für den Heimmarkt würde ich Skigebieten raten, kurzzeitig buchbare, spezielle Erlebnisse beinhaltende Angebote zu lancieren. Ein Beispiel: «Learn to board in 3 days» für die zahlreichen Expats in der Schweiz. Für internationale Gäste dagegen ist ein Aufenthalt in den Bergen als Ferien innerhalb ihrer Ferien anzudenken, also als Pause während der Hetzjagd durch Europa. Grundsätzlich sind wir in der Schweiz immer noch viel zu angebotsfixiert. Wir müssen endlich beginnen, konsequent vom Kunden und seinen Bedürfnissen aus zu denken.

Wie sieht die Topografie der Schweizer Skigebiete in zehn Jahren aus? Werden kleinere Gebiete, die weder einen Gletscher noch ein Matterhorn bieten können, längerfristig überleben?
Diese Frage ist extrem schwierig zu beantworten. Sicher ist: Das Überleben hängt nicht von der Grösse eines Skigebiets ab. In der Schweiz wird es auch in zehn Jahren grosse und kleine Skigebiete geben, denn sie können, wenn sie denn wollen, unterschiedliche Bedürfnisse erfüllen. Jede Tourismusdestination muss darüber nachdenken, welche Art von Gästen sie anziehen will. Dazu gehört auch, sich von der fixen Vorstellung zu lösen, ein grösseres Skigebiet mit mehr Pisten sei zwingend attraktiver. Auch hier gilt wieder: Es braucht massgeschneiderte Angebote für eine oder mehrere genau bestimmte Kundengruppen. Die Frage ist: Für welche Kunden generiere ich womit welchen Nutzen und damit Zahlungsbereitschaft? Eine Tourismusdestination, die sich diese Frage nicht stellt, wird kaum überlebensfähig sein. (Tages-Anzeiger)

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