«Die Hälfte der Täter ist nicht pädophil»

Seit dem Fall Jegge steht das Thema Pädophilie im Fokus. Ob Männer, die sexuell von Kindern ­angezogen werden, therapiert werden können, erklärt Psychologin Monika Egli-Alge.

«Unter sexuellen Handlungen mit Kindern kann man sich dann nicht mehr nur ein bisschen Betatschen vorstellen», sagt Psychologin Monika Egli-Alge.

«Unter sexuellen Handlungen mit Kindern kann man sich dann nicht mehr nur ein bisschen Betatschen vorstellen», sagt Psychologin Monika Egli-Alge. Bild: Getty Images

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Wie wird Pädophilie genau definiert?
Pädophilie ist eine Störung der sexuellen Präferenz. Und die sexuelle Präferenz ist die Neigung, auf welchen Personenkreis oder welches Körperschema die eigene Sexualität ausgerichtet ist. Jemand, der pädophil ist, spricht auf kindliche Körper an. Und nicht nur ­sexuell, auch emotional. Pädophile können sich beispielsweise in ein zehnjähriges Kind verlieben.

Wie viele Menschen werden als pädophil eingeschätzt? Die Forschung kommt zu einer Schätzung von einem Prozent der Bevölkerung. Sind damit Männer und Frauen gemeint?
Nein, nur Männer. Es gibt aktuell keine Erhebungen über Frauen. Wir haben an unserem Institut zwei Frauen wegen sexueller Delikte mit Kindern kennen gelernt, aber das sind Einzelfälle, und das ist international so: Es gibt nur ­Einzelfallstudien über weibliche Täter. Allerdings gibt es aus meiner Sicht keinen Grund, weshalb Frauen nicht auch eine Ansprechbarkeit auf kindliche Körper entwickeln sollten. Aber wie immer, wenn es um Frauen und Sexualität geht, wurde wenig geforscht und viel tabuisiert.

Weshalb ist jemand pädophil?
Man weiss es nicht. Es gibt keine Erklärungsmodelle, die wirklich schlüssig sind. Im Grunde ist es wie bei allen sexuellen Neigungen: Wieso ist jemand heterosexuell? Die Forschung sucht im Moment epigenetische Zusammenhänge. Betroffene selbst erklären, sie hätten es schon sehr früh gemerkt. Das können sie allerdings erst in der Retrospektive sagen.

Wenn ein 15-Jähriger sich von einer 10-Jährigen angezogen fühlt – ist das bereits pädophil?
Die Definition bleibt prinzipiell immer dieselbe, unabhängig vom Alter des Täters.

Unter dem Begriff sexueller Missbrauch kann sich jede und jeder vorstellen, was das eigene Fassungsvermögen aushält. Was bedeutet es konkret?
Genau deswegen ist sexueller Missbrauch ein Unwort: Es ist viel zu schwammig. Man muss die ­Taten beim Namen nennen. Richtig benennen tut sie das Straf­gesetzbuch: Dort ist von sexuellen Handlungen mit Kindern die Rede und damit ist alles gemeint: vom Zungenkuss bis zur analen, oralen und vaginalen Penetration. Darunter kann man sich dann nicht mehr nur ein bisschen Betatschen vorstellen.

Jürg Jegge nannte die Frage, ob er pädophil sei, «Kistchendenken»: Er habe vieles ­ausprobiert, heute würde er sich «doch eher als homosexuell bezeichnen». Gibt es einen fliessenden Übergang zwischen Homo- oder Heterosexualität und Pädophilie?
Nein, das ist Quatsch. Denn auch da ist die Definition wieder klar: Die Betroffenen haben eine Ansprechbarkeit auf ein kindliches Körperschema entwickelt, es spielt erst mal keine Rolle, ob sie homo?, hetero- oder bisexuell sind. Das Institut für Sexualforschung der Berliner Charité, mit dem wir eng zusammenarbeiten, hat unter seinen Patienten deutlich mehr Homo-Pädophile, wir im Forio hingegen zählen aktuell mehr Hetero-Pädophile. Auch international divergieren die Zahlen stark, man kann keine eindeutige Aussage machen. Zudem erklären auch viele Betroffene, kein bestimmtes Geschlecht zu bevorzugen.

Sind zwangsläufig alle Täter, die sexuelle Handlungen an ­Kindern vornehmen, pädophil?
Es ist umgekehrt: Nicht die meisten, die Kinder missbrauchen, sind pädophil, sondern die wenigsten. Internationale Zahlen zeigen, dass unter Tätern, die sich an Kinder sexuell vergingen, nur zwischen 25 und 50 Prozent pädophil sind.

Und die andere Hälfte?
Deren Taten sind nicht primär ­getrieben von ihrer sexuellen Neigung, diese haben ein anderes ­Motiv. Und die sind sehr vielfältig. Manchmal geht es, so furchtbar es klingt, einfach um Verfügbarkeit. Über die Hälfte der Übergriffe auf Kinder findet im sozialen Nahraum statt, also in der Familie, der erweiterten Familie, dem Freundeskreis, der Freizeit, der Kirche, der Schule. Da entstehen Situationen, die ein Täter ausnutzt.

Aber weshalb?
Diesen Motiven auf den Grund zu gehen, ist fast die grössere Herausforderung: weil sie so unterschiedlich sind. Meist hängt es mit der Persönlichkeit des Täters zusammen. Er ist zum Beispiel unsicher, landet bei gleichaltrigen Frauen nicht und wendet sich Kindern zu, weil er denen gegenüber selbstbewusster auftreten kann und sie ihn vielleicht bewundern. Dann gibt es solche, die etwas ausprobieren wollen, die sich auf Kosten der Kinder befriedigen. Es kann auch um Macht gehen oder um Rache.

Rache?
Zum Beispiel, wenn die Kinder der Lebenspartnerin den Täter stören. Das ist dann schon sehr ­pervertiert, gibt es aber. Gleichzeitig gibt es eine grosse Gruppe von Pädophilen, die nicht übergriffig werden, obschon sie die Neigung haben. Pädophilie darf nicht kausal mit einem Sexualdelikt gleichgestellt werden.

Ein Mann, der erkennt, dass er pädophil ist, weiss, dass er seine Sexualität nie ausleben kann, weil er sich strafbar machen und einem Kind ­enormen Schaden zufügen würde. Das muss eine ­furchtbare Erkenntnis sein.
Das ist es auch. Viele reagieren mit Verleugnung, Entsetzen, ­Abscheu und Ekel vor sich selbst, das ­Selbstbild ist erschüttert. Es gibt solche, die suizidal werden. ­Solche, die einem gegenübersitzen und weinen und sagen, machen Sie das weg, ich will das nicht. Die meisten Männer können sich nicht outen, bei wem auch? Es gab ­Fälle, da wollten sich Betroffene ihren Penis entfernen lassen ­deswegen.

Würde das helfen?
Nein. Im Kopf ändert sich an der sexuellen Präferenz durch die Kastration nichts. Abgesehen davon fänden Sie keinen Arzt, der ein gesundes Organ entfernt.

Wie können Sie helfen?
Wir versuchen, ihnen aufzuzeigen, wie sie mit ihrem Leben trotzdem zurechtkommen können. Sie brauchen Behandlung und Betreuung. Zunächst müssen sie ihre Neigung akzeptieren. Nur schon das ist ein langer Weg, sie möchten es oft nicht wahrhaben und verdrängen es. Das erste Ziel ist, dass sie keine Delikte begehen. Darauf folgt der nächste Schritt: Wie gehe ich jetzt durchs Leben?

Und? Wie soll das gehen: die Sexualität ein Leben lang unterdrücken zu müssen?
Wenn die Pädophilie nur eine Nebenströmung ist, kann man therapeutisch daran arbeiten, die Breite der Präferenz ausloten und legale Möglichkeiten der Sexualität finden. Zum Beispiel darauf hinarbeiten, dass sie beim Masturbieren nicht mehr an Kinder denken, sondern an Gleichaltrige. Oder sie masturbieren weniger, das funktioniert nicht schlecht, weil es bei der Sexualität grundsätzlich so funktioniert: Je weniger Sie haben, desto eher sinkt Ihr Appetit und umgekehrt. Und zwar unabhängig von der Stärke des Triebes oder der Libido. Das klappt in diesen Fällen einigermassen gut.

Und bei den anderen?
Betroffene, die sogenannt kernpädophil sind, also ausschliesslich auf Kinder ausgerichtet sind, müssen erkennen, dass sie nie so Sex haben können und dürfen, wie sie sich das wünschen. Man kann sie nicht therapieren im Sinne von umprogrammieren. Das sagen nicht nur Wissenschaft und Forschung, das sagen auch die Betroffenen selbst. Sie sagen: Ich habe alles probiert, es geht nicht weg.

Was heisst: «Alles probiert»?
Sie haben geheiratet, eine Familie gegründet. Aber das Kopfkino stellt nie ab, ihre Fantasien sind immer da. Manchmal haben sie Angst, dass sie ihren Kindern etwas antun könnten. Manche, die geheiratet haben, wollen deshalb keine Kinder.

Behelfen sie sich mit Kinderpornografie? Das würde es nicht besser machen, denn die fordert ebenfalls Opfer.
Kinderpornografie wird nicht zwingend von Pädophilen konsumiert. Oft mögen sie Pädophile nicht einmal: Sie ist ihnen zu virtuell und zu wenig emotional. ­Zudem regt es ihr Kopfkino noch mehr an, unsere Patienten wünschen sich das Gegenteil.

Wer lädt sich denn sonst diese Form von Pornografie aus dem Netz runter?
Oft handelt es sich um Männer, die viel Pornografie konsumieren und eine Sucht entwickeln. Dazu gehört, dass sie die Dosis steigern müssen. Es muss immer krasser werden, und irgendwann landen sie bei dem, was besonders krass und zudem verboten ist: der Kinderpornografie. Manche Konsumenten entwickeln eine regelrechte Sammelwut, haben Zehntausende solcher Dateien auf ihren Rechnern, sind aber nicht pädophil. Wenn sie erwischt werden, verfliegt der Reiz meist sehr schnell.

Wie können Sie denn nun einem Kernpädophilen helfen?
Wir können ihm nicht einfach sagen, werde asexuell. Die menschliche Sexualität ist ein Grundbedürfnis. In der Therapie geht es darum, dass er kein Delikt begeht. Und dass er trotz seiner Situation eine Lebensqualität hat. Wir verschreiben Antidepressiva, die dämpfen die Lust. Oder Antiandrogene, Medikamente zur Hemmung des Sexualtriebs, aber nur selten.

Weshalb nur selten?
Weil die Antidepressiva meist schon gut helfen. Die chemische Kastration ist bei weitem nicht so hilfreich, wie man sich das gerne vorstellt: Die körperliche Lust ist zwar weg, aber die Neigung nicht. Die Fantasien sind genauso da wie ohne Medikamente, oft sogar noch verstärkt. Wir können nicht alle Übergriffe verhindern. Aber indem wir Betroffenen die Hand ­reichen, bieten wir ihnen Hilfe an. Das ist ein erster Schritt zur ­Prävention.

Trotz Ihrer Arbeit: Verstehen Sie die Abscheu, die deren Neigung und vor allem deren Taten hervorrufen?
Natürlich. Das ist eine menschliche Reaktion. Aber wenn man Kinder schützen will, muss man darüber reden und nicht eine Hexenjagd betreiben. Man darf nicht vergessen: Pädophil zu sein, ist Schicksal, nicht Wahl. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 13.04.2017, 18:08 Uhr

Monika Egli-Alge, 58, ist Psychologin und gründete 2004 das Forensische Institut Ostschweiz (Forio) mit Sitz in Frauenfeld, das sie bis heute leitet. Schwerpunkt ist die psychotherapeutische Behandlung von Straftätern, insbesondere von Pädophilen. Über 100 haben sich schon bei Forio behandeln lassen, teilweise auch präventiv, also ohne, dass sie je zum Täter geworden wären. Egli-Alge plädiert dafür, Pädophile nicht zu verteufeln, denn um Kinder schützen zu können, müsse man mit den Tätern arbeiten. Forio arbeitet seit über zehn Jahren als Partnerinstitut mit dem Zentrum für Sexualwissenschaft an der Berliner Charité zusammen, das als führend gilt in der Forschung und Therapierung von Pädosexuellen.

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