Mit der Nachgeburt habt ihr euren Humor verloren

Marah Rikli glaubte an die Solidarität unter Müttern – bis sie selbst ein Kind bekam. Eine Abrechnung.

Natürlich sollen auch aus den Kinder der Übermütter kleine Übermenschen werden. Illustration: Birgit Lange

Natürlich sollen auch aus den Kinder der Übermütter kleine Übermenschen werden. Illustration: Birgit Lange

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Als ich vor fast dreizehn Jahren mein erstes Kind zur Welt brachte, fühlte ich mich mit allen Müttern verbunden. Ich war 23 und naiv, dachte, die Erfahrung von Geburt, Stillen und einer neuen Art von Liebe mache Mütter miteinander solidarisch. Da wusste ich noch nicht, wie viele von euch ­immer perfekten, nimmermüden, sich aufopfernden Übermüttern es gibt.

Wegen euch hasse ich Kinderspielplätze, Babyschwimmkurse, Pekip-Krabbelgruppen oder Rückbildungsyoga mit Baby. Wo ihr seid, ists ungemütlich. Ich masse mir an, zu sagen, dass ich euch langsam sehr gut kenne, immerhin hatte ich zwölf Jahre Zeit, euch zu studieren.

Solidarität, Empathie und Toleranz – das ist nicht eure Sache, genauso wenig wie Lockerheit und Freude. Ihr Übermütter spielt Theater den ganzen Tag und ­wundert euch dann über euer anstrengendes Leben, eure Augenringe und eure Unzufriedenheit. Nichts an euch ist authentisch, ausser vielleicht euer Neid, eure Eifersucht auf zufriedene Frauen oder Mütter, Väter oder Männer, auf Menschen, die machen, was sie möchten, ohne darüber nach­zudenken, was oder wie sie sein müssten.

Mütter kristisieren ander Mütter

Ihr kritisiert andere Frauen, denn keine macht es so gut wie ihr. Frauen, die sich gegen Kinder entscheiden, sind in euren Augen egoistisch, sie werden nie das wahre Leben erfahren, und schon gar nichts wissen sie von wahrer Liebe. Dabei vermisst ihr die Zeit, als ihr noch keine Kinder hattet. Anstatt das zuzugeben und euren Frust zu verarbeiten, lästert ihr aber lieber über jene Mütter, die sich für ein Einzelkind entscheiden (auch das ist egoistisch: «Das arme Kind!»). Oder ihr verurteilt Mütter, die vier Kinder haben («Die wissen nie, wann genug ist.») oder Mütter behinderter Kinder («Hat die das nicht gewusst?»).

Ihr kritisiert Mütter, die viel arbeiten, denn die denken nur an ihre Karriere. Hausfrauen findet ihr aber auch beschränkt, schliesslich machen die sich abhängig und sind faul.

Geschiedene Mütter sind ­Verliererinnen, Frauen ohne Schminke Ökos, Frauen, die Lippenstift tragen, meinen sie seien was ­Besseres, rauchende Mütter vergiften ihre Kinder, vegane ­quälen sie, Impfgegnerinnen sind verantwortungslos, solche die sich einfach an den Impfplan halten, blauäugig und konform. Mütter, die ihre Kinder nicht züchtigen, müssten mal härter durchgreifen, solche, denen die Hand aus­gerutscht ist, sollten in euren ­Augen in die Therapie. Nur ihr, klar, ihr habt es im Griff.

Babyblues-Tränen vergiessen

Mit euch Übermüttern kann man nicht lachen, keine Witze reissen (vor allem nicht über die Kinder) und auch nicht mal auf den Putz hauen. Ihr nehmt euch so ­furchtbar ernst. Ihr verwechselt Teilnahmslosigkeit mit Coolness, Arroganz mit Reife und mustert andere Frauen von Busen, über Bauch bis zu den Beinen, um etwas zu entdecken, was ihr schlechter findet als an euch.

Mir scheint, als hättet ihr euren Humor mit der Nachgeburt aus euch gepresst und entsorgt. Eure Lockerheit eingefroren mit dem Nabelschnurblut und euren letzten Eiern für schlechte Zeiten. Wobei es da schon anfängt mit euch Übermüttern. Ihr kommandiert die Krankenschwestern aus dem Wochenbett herum, fangt am zweiten Tag nach der Geburt mit der Rückbildung an, um schnell wieder in Form zu kommen, bedient zu Hause den ganzen Besuch, putzt am fünften Tag schon die Wohnung und wundert euch dann, wenn ihr frustriert und erschöpft seid. Hauptsache es sieht euch niemand eure Babyblues-Tränen, eure Überforderung, eure Ängste an, Hauptsache ihr habt keine Schwäche gezeigt und die anderen Mütter denken: «Wow, so wie die hätte ich das nie geschafft.»

Wem müsst ihr das alles beweisen? Euch selbst? Euren Männern? Ihr beklagt euch über hohen Druck, dabei seid ihr euer eigener Dampfkochtopf. Euretwegen ­glauben andere Frauen, sie seien schwach, wenn sie vor Erschöpfung fast umfallen in den ersten Wochen nach der Geburt. Oder sie seien faul, weil sie nicht dreimal die Woche joggen gehen, sie seien schlechte Mütter, da es zu Hause aussieht, als habe ein Tornado gewütet. Sie hätten ihre Kinder nicht im Griff, weil diese sich nicht von der Windel oder vom Nuggi trennen wollen, nicht alleine einschlafen, geschweige denn durchschlafen oder ihre Zähne gerne putzen.

Gute und geübte Lügnerinnen

Die meisten von euch sind schlicht gute und geübte Lügnerinnen. Ihr sagt, es gehe euch prima und die Kinder seien zu Hause ein Herz und eine Seele – Lüge! Eure Babys schlafen schon mit zwei Wochen acht Stunden am Stück, und die Geburt hat gar nicht wirklich wehgetan – Lüge! Zugenommen in der Schwangerschaft habt ihr nicht respektive danach total einfach wieder abgenommen – Lüge! Der Sex in der Partnerschaft hat sich nach dem Kind kein bisschen verändert, und ihr freut euch schon, nach 14 Wochen Mutterschaftsurlaub an euren Arbeitsplatz zurückzukehren – Lüge!

Wir haben verstanden: Ihr habt alles unter Kontrolle. Und wenn nicht, sind die anderen schuld. Die Politik, die Männer, die Unternehmen. Kind und Karriere zu vereinen, wäre ein Leichtes, hätten wir nur mehr Kitaplätze oder mehr Teilzeitstellen. Nein, mit eurer Einstellung hat das natürlich rein gar nichts zu tun. Mal ehrlich: Ihr wehrt euch nicht, weil es euch gefällt, das Opfer zu sein, ihr wollt ganz viel Anerkennung dafür, dass ihr es so schwer habt. Für einen längeren Mutterschaftsurlaub kämpfen, für Vaterschaftsurlaub, für mehr subventionierte Kita-Plätze – das ist was für die Emanzen. Aber maulen, das könnt ihr. Und das tut ihr.

Männer machen natürlich alles falsch

Mit euren Männern geht ihr um, als seien sie geistig und emotional behindert. Sie können die Sonnencreme nie so gut einschmieren, wie ihr das macht, sie kochen zu schlecht, deshalb müsst ihr es dann selbst machen. Ihr lasst eure Kinder nicht alleine bei ihnen, sondern lieber bei der Oma oder in der Kita, weil sie doch lieber arbeiten gehen und Geld verdienen sollen und die Kids eh nicht im Griff haben.

Sie fassen euch falsch an, trinken zu viel, müssen euretwegen mit dem Rauchen aufhören, und sie sollen ihre Freunde nicht treffen, denn die haben einen schlechten Einfluss. Eigentlich wollt ihr Männer, die Frauen sind. Wenn sie sich aber wirklich erweichen, sind sie nicht mehr sexy.

Einige eurer Männer sind tatsächlich Verlierer, betrügen euch, ­zeigen euch vor wie Puppen. Aber ihr habt sie euch ausgesucht, vergessen? Und: Ihr könnt sie verlassen. Doch alleinerziehend ist anstrengend (obwohl ihr so gerne sagt: «Also eigentlich bin ich ja ­alleinerziehend, so viel wie mein Mann arbeitet.»), und irgendwie denkt ihr da immer an Sozial­hilfebezügerinnen, denn wer will schon auf den ganzen Wohlstand verzichten, da seid ihr lieber ein bisschen frustriert.

Liebe Mütter, esst genug

Natürlich sollen auch eure Kinder kleine Übermenschen werden. So müssen sie bereits mit zwei Jahren ins Mami-Kind-Singen, mit drei in die Geigenstunde, mit vier ins Ballett. Sie haben bitte immer nach Plan zu funktionieren, denn ihr wollt schliesslich nicht zu spät ins Büro kommen oder zum Coop, oder zum Entenfüttern, irgendwie seid ihr nämlich immer unter Zeitdruck, habt jeden Tag verplant. Wie gut gibt es Diagnosen wie ADHS, Legasthenie, Anpassungsstörungen, Dyskalkulie oder Hypersensibilität, so gibt es auch gleich das passende Medikament und mitleidige Blicke und Verständnis, warum ihr es so streng habt. Anerkennung auf Rezept.

Liebe Übermütter, kommt raus aus eurer Opferhaltung, hört auf, die anderen für euer Unglück verantwortlich zu machen. Vereinfacht euch das Leben. Seid mal faul. Seid mal lustig. Seid mal ein bisschen unordentlich und nachlässig, und bitte, esst genug, denn das Hungern macht euch echt zickig.

Lasst einfach locker. Vielleicht liebt ihr euch mal ein bisschen mehr. Habt Sex, betrinkt euch. Gebt die Kinder ab. Ich bin mir ­sicher, wenn ihr ein bisschen ehrlicher wärt, ein bisschen gnädiger mit euch und eurem Umfeld, wäre die Welt ein bisschen besser. Wenigstens die Mütterwelt. Und dann wäre ich auch ein bisschen nachsichtiger mit euch. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 27.05.2017, 21:45 Uhr

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