Mit schlechten Karten in den Kindergarten

Die Unesco-Kommission will die frühkindliche Förderung in der Schweiz massiv ausbauen.

Frühe Nachhilfe: Deutschkurs in einer Klotener Kinderkrippe. Foto: Reto Oeschger

Frühe Nachhilfe: Deutschkurs in einer Klotener Kinderkrippe. Foto: Reto Oeschger

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Die Zahl ist erschreckend: Jedes zehnte Kind in der Schweiz, schätzen Experten, wächst in einer Risikofamilie auf. Zu Hause herrschen schwierige Verhältnisse, etwa weil zu wenig Geld da ist, die Eltern arbeitslos sind oder ­selber zu wenig gut Deutsch sprechen. «Rund 10 Prozent der Familien sind sozial so belastet, dass ihre Kinder in der Entwicklung gefährdet sind», sagt Andrea Lanfranchi von der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich. Kinder von überforderten Eltern sind oft schon beim Kindergarteneintritt abgehängt – und holen das nicht mehr auf. Um das zu verhindern, soll jetzt die ausserfamiliäre Betreuung und Bildung von Kleinkindern unter fünf Jahren in der Schweiz substanziell ausgebaut werden. Die Unesco-Kommission, eine vom Bund legitimierte, hochkarätige Gruppe aus Vertretern des Bundes, der Kantone und von NGOs, hat ein Aktionsprogramm für die «frühkindliche Bildung» beschlossen. Geht es nach Plan, steht bis 2018 ein «bildungspolitisches Konzept , das allen Mädchen und Jungen den Zugang zu hochwertiger frühkindlicher Betreuung, Bildung und Erziehung» sichert. Damit ­sollen Bund und Kantone dazu gebracht werden, die Bildungs- und Betreuungsangebote für Klein­kinder zu erweitern.

Gefährdete Kinder suchen und betreuen

In einem ersten Schritt will ­Matthias Aebischer, SP-Nationalrat und Mitglied der Gruppe, «frühkindliche Bildung» bis zum vierten Lebensjahr zur Bundes­aufgabe machen. Er hat eine entsprechende parlamentarische Initiative eingereicht, die den Bund verpflichten würde , sich der frühkindlichen Bildung anzunehmen und sie finanziell zu unterstützen. Derzeit ist Bildung erst ab dem Kindergarten eine öffentliche Aufgabe. Aebischer wird von Kolleginnen und Kollegen der Grünen, aber auch der bürgerlichen CVP, FDP, BDP und GLP unterstützt.

Ausserfamiliäre Betreuung und Bildung seien enorm wichtig, sagt Aebischer: «Viele Defizite, die schlecht betreute Kinder in den ersten vier Jahren erleben, hinterlassen irreparable Folgeschäden.» Viele Kinder würden heute noch mit Windeln in den Kindergarten einrücken, seien «sozial verkümmert und sprechen weder ihre Muttersprache noch eine Landessprache richtig». Öffentliche Institutionen zur frühkindlichen ­Sozialisierung und Bildung seien deshalb ein «Gebot der Chancen­gleichheit».

Zur ganz grossen Revolution und der Vorverlegung des obligatorischen Kindergartens wird es aber nicht kommen. «Kindergarten ab dem Gebärsaal» sei nicht die Vision der Unesco-Kommission, sagt Erziehungswissenschaftler und Kommissionsmitglied Heinz Altorfer. Das, so Aebischer, sei schlicht nicht mehrheitsfähig und würde mit dem Schlagwort «Staatskinder» abgeschossen. Aebischer denkt in erster Linie an Betreuungsprogramme, die sich gezielt an Kinder mit Defiziten richten: Bund und Kantone sollen Programme entwickeln, um betroffene Familien ausfindig zu machen. Eine erste Idee ist, ein Erkennungsprogramm einzurichten, das sich der Mütterberatung bedient. Eltern – besonders jene mit Migrationshintergrund – könnten dort dazu gebracht werden, Kinder mit gefährdeter Entwicklung in be­treute Tagesstrukturen mit Kultur, Sprach- oder Sportprogrammen zu schicken.

Nötig wären 5 Milliarden Franken

Dazu gibt es bereits Vorbilder. Beim Zeppelin-Förderprogramm im Kanton Zürich, lanciert von der Hochschule für Heilpädagogik, werden unterstützungsbedürftige Familien über die lokalen Mütter- und Väterberatungsstellen identifiziert und dann begleitet. In Basel setzt man bei der Sprach­förderung an und hat ein obligatorisches Deutschförderprogramm für dreijährige Kinder, die zu wenig gut Deutsch können, auf die Schiene gebracht.

Für Altorfer braucht es indes einen Mix aus solchen «aufsuchenden Programmen» und einem generellen quantitativen und qualitativen Ausbau der Tagesstätten: «Wir haben heute nicht nur zu wenig subventionierte Tagesstätten. Es braucht auch eine bessere Qualität – Hüten alleine reicht nicht.» Das Ziel: Die Phase vor dem Kindergarten soll für alle zu einem Nebeneinander von Familie und ergänzender Betreuung werden. Wie weit die Entwicklung ­gehen wird, dürfte am Ende eine Kostenfrage sein: Die Jacobs-Stiftung schätzt, dass die öffentliche Hand in der Schweiz rund 3,5-mal so viel wie heute für den Früh­bereich ausgeben müsste. Heute sind es laut Schätzung 1,4 Milliarden Franken.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.03.2017, 23:18 Uhr

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