Rambomässiger Flug eines Rega-Kaderpiloten

Trotz lebensgefährlichen Manövers darf ein Ausbildner weiter fliegen.

Das Video, hergestellt aus den Flugschreiberdaten, zeigt den Flug des Regahelis Agusta Westland AW1092 SP, Immatrikulationsnummer HB-ZRU. Animation:

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Der Zwischenfall geschah am 22. Juni 2014 bei Brissago im Kanton Tessin: Ein Rega-­Pilot flog allein in seinem Rettungshelikopter des Typs Agusta Westland und wollte Mitglieder einer Rettungskolonne aufladen. Dabei flog er «nahe oder möglicherweise ausserhalb der zertifizierten Flugbereichsgrenze». So steht es im Schlussbericht der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust), der letzte Woche veröffentlicht wurde. Auf gut Deutsch: Der damals 38-Jährige navigierte seine Maschine viel zu tief und donnerte ganz nah über eine Krete.

Claude Vuichard, der früher für das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) als Inspektor tätig war und jahrelang den Bundesratshelikopter steuerte, bezeichnet diesen Tiefflug als «rambomässig».

Während des darauffolgenden steilen Absinkens mit rasch zunehmender Geschwindigkeit bemerkte der Pilot, dass die Nase des Helikopters sich plötzlich nach links drehte. In der Folge versuchte er, die Richtung zu ändern. Was ihm aber nicht gelang. Der Heli geriet immer mehr in Querlage. Wie man aus der Videoanimation nach Auswertung der Flugdaten sieht, kippte die Maschine in der Luft immer mehr zur Seite. Der Neigungswinkel betrug schliesslich fast 80 Grad, was laut Sust bedeutete, dass der Pilot keine Kontrolle mehr über das Luftfahrzeug hatte.

Ausriss aus dem Schlussbericht der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle vom 19. Juni.

Besonders pikant ist: Der Unfallverursacher ist bei der Rega Fachvorgesetzter der Instruktoren und Fluglehrer. Zudem ist er Chef der gesamten Agusta-Westland-Flotte und nimmt für das Bazl Prüfungen ab. Laut Experte Vuichard hätte der Rega-Ausbildner nur ­etwas die Geschwindigkeit senken und etwas mehr Leistung geben müssen, was er aber nicht tat. Nach dem Kontrollverlust drehte sich die Maschine scharf nach rechts, wodurch es zu einer starken Belastung für den Heli kam. Die Rotoren drehten immer schneller, bis sie schliesslich überdrehten.

«Bei einem solchen Vorfall besteht die akute Gefahr, dass sich der Heli in der Luft selbst zerlegt.»Claude Vuichard, Ex-Bazl-Inspektor

Im Sust-Bericht, der nach dreijähriger Untersuchung veröffentlicht wurde, heisst es, dass der ­maximal zulässige Wert für die ­Rotoren überschritten wurde. Im Anschluss an diese prekäre Situation flog der Rega-Pilot nach einer kurzen Landung seinen Einsatz zu Ende und holte an mehreren Stellen weitere Personen der Rettungskolonne ab. Dadurch nahm er laut Sust unnötige Risiken in Kauf.

«Traurige Kultur innerhalb der Rega»

Eigentlich hätte die Maschine nach der krassen Überdrehung der Rotoren sofort gegroundet und auf einen Lastwagen verladen werden müssen, sagt Claude Vuichard. «Bei einem solchen Vorfall besteht die akute Gefahr, dass sich der Heli in der Luft selbst zerlegt.» Hätten sich die Rotorblätter oder das Getriebe gelöst, hätte dies verhängnisvolle Folgen für die Insassen und womöglich auch für Personen am Boden gehabt.

Der Helikopter-Fluglehrer Guido Brun, der während zwanzig Jahren für die Schweizer Luftwaffe flog, sagt: «Es ist traurig, dass die Kultur innerhalb der Rega offensichtlich so ist, dass ein Fluglehrer solche Stuntmanöver fliegt und sich seiner Vorbildfunktion und Verantwortung nicht bewusst ist.» Auch Brun kommt zum Schluss, dass die Maschine nach dem Zwischenfall bei Brissago sofort hätte abtransportiert werden müssen.

Der Rega-Pilot war sich laut Sust-Bericht bewusst, dass eine Drehzahl-Überschreitung stattgefunden hatte. Die Rega bestreitet jedoch, dass beim Weiterflug ihres Helis Menschenleben gefährdet worden sind. «Die Sicherheit unserer Crews, Patienten und unbeteiligter Dritter hat bei der Rega oberste Priorität», sagt Sprecher Harald Schreiber.

«Es hätte nichts dagegen gesprochen, die ursprüngliche Meldung des schweren Zwischenfalls direkt und verzugslos an die Sust weiterzuleiten.»Sust-Bericht

Fakt ist: Nach dem Einsatz des Rega-Ausbildners waren am Heli umfangreiche Instandstellungsarbeiten erforderlich. So mussten zahlreiche Teile ersetzt werden, darunter die Heckrotorblätter. Die Hauptrotorblätter wurden zur ­Inspektion dem Hersteller zurückgeschickt. Wie viel das gekostet hat, wollte die von fast 3,4 Millionen Gönnern finanzierte Rega nicht bekannt geben.

Nicht schnell genug informiert

Einen Tag nach dem schweren Vorfall informierte die Rega nur das Bundesamt für Zivilluftfahrt, anstatt sofort auch die Sicherheitsuntersuchungsstelle zu benachrichtigen. Erst zwei Wochen später, nachdem das Amt darauf hingewiesen hatte, meldete sie den Fall bei der Sust. «Dies hätte die Rega von Anfang an machen müssen», sagt Bazl-Sprecherin Nicole Räz. In ihrem Bericht kritisiert die Sust auch das Bundesamt für ­Zivilluftfahrt: «Es hätte nichts dagegen gesprochen, die ursprüngliche Meldung des schweren Zwischenfalls direkt und verzugslos an die Sust weiterzuleiten und so eine unmittelbare Aufnahme der Untersuchungshandlungen zu ermöglichen.»

Dass die Rega Vorfälle nicht pflichtgemäss meldet, kommt nicht zum ersten Mal vor. Als im Jahr 2010 einer ihrer Helikopter wegen eines leeren Tanks zu ­Boden ging, meldete sie den Vorfall nicht. Deshalb wurden Rega-Chef Ernst Kohler und ein weiteres Geschäftsleitungsmitglied zu Bussen verurteilt.

Der Brissago-Fall hatte für den fehlbaren Rega-Flottenchef noch keine Konsequenzen. Er ist weiterhin in der Luft und bildet noch immer Piloten aus. Das Bundesamt hat zwar ein aufsichtsrechtliches Verfahren gegen ihn eröffnet, die Bundesanwaltschaft ein strafrechtliches. Von Sofortmassnahmen, etwa dem vorläufigen Lizenz­entzug, sah das Amt aber ab. Es wolle das Verfahren der Strafuntersuchung abwarten, bevor es allenfalls administrative Massnahmen einleite, sagt die Sprecherin. Dass der fragliche Pilot auch als Bazl-Prüfungsexperte tätig ist, habe auf die administrative Beurteilung ­keinen Einfluss, versichert sie.

Die Rega beantwortet die ­Frage nicht, warum der Chefausbildner weiter fliegen und Piloten ausbilden darf. Auf die Frage, wieso sie den Unfall nicht unverzüglich der Sust gemeldet habe, antwortet sie, sie habe den Vorfall nicht als ­Unfall eingeschätzt.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.07.2017, 23:21 Uhr

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