Schafft die Ehe ab

42 Prozent aller Schweizer Paare lassen sich scheiden. Trotzdem hält die Politik an dieser gescheiterten Institution fest – obwohl sie nichts als Kosten, Streit und Unrecht schafft.

Die Politik tut so, als gäbe es bis heute nur eine einzige richtige Form des erwachsenen Zusammenlebens. Foto: Shutterstock

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Goldie Hawn, 71, die Frau, die so vergnügt wirkt wie keine andere in Hollywood, erklärte kürzlich, weshalb sie und ihr Partner Kurt Russell, 66, seit 34 Jahren zusammen sind: weil sie nie geheiratet hätten, «definitiv». Als sie sich ­kennen lernten, waren beide geschieden, und beide seien sie traumatisiert gewesen von diesem entwürdigenden Kleinkrieg um Geld und ­Möbel und Häuser. «Wir ­sahen uns an und sagten: heiraten – nie ­wieder. Was dir gehört, ist dir, was mir gehört, mir, trotzdem gehen wir gemeinsam durchs ­Leben.»

Hawn und Russell sind glücklicher als viele andere Paare, die, nicht nur in Hollywood, mit viel Pomp heiraten und dann meist früher als später vor den Trümmern dessen stehen, was angeblich fürs Leben halten soll. Um die Erfolgsbilanz der Ehe steht es im Westen seit Jahren nicht zum Besten, die Scheidungsquote in der Schweiz liegt bei 42 Prozent – ein Erfolgsmodell sieht anders aus. Niemand würde sich auf ein Finanzgeschäft mit einem derartigen Risiko einlassen, geschweige denn auf eine Operation. Trotzdem wird unbeirrt an der Institution Ehe festgehalten. Letztes Jahr heirateten in der Schweiz 40 816 Paare – 16 777 Paare liessen sich scheiden.

Eine ganze Menge Privilegien durch Heirat

Und jetzt soll die «Ehe für alle» kommen; am 16. Juni wird die parlamentarische Initiative der Grünliberalen im Nationalrat behandelt. Bis anhin müssen sich Homosexuelle mit einer so verklemmten wie bürokratisch klingenden Gemeinschaft namens eingetragene Partnerschaft begnügen, ganz so, wie wenn die Liebe zwischen zwei Frauen oder zwei Männern einer Heteroliebe nicht ebenbürtig wäre. Rechtlich gleichgestellt sind sie damit auch nicht. Gegen die Ehe für alle gibt es also nichts einzuwenden. Trotzdem wäre das Gegenteil klüger: Die Institution Ehe als Ganzes abzuschaffen.

Denn es gibt vieles, was dagegen spricht. Aber nebst der Romantik nur einen einzigen Grund, der ihre ungebrochene Popularität erklärt: dass sie einhergeht mit einer Menge Privilegien. Bei den Steuern (die sogenannte Heiratsstrafe betrifft nur gut verdienende Doppelverdiener-Ehepaare und auch nur bei der direkten Bundessteuer, in den meisten Kantonen gilt für Ehepaare ein tieferer Steuertarif), dem Erbrecht (nur Verheiratete können untereinander steuerfrei vererben), der Adoption (nur Ehepaaren ­erlaubt), der künstlichen Befruchtung (dito), der AHV (Anspruch auf Witwenrente selbst nach einer Scheidung; Ehepaare bekommen 150 Prozent AHV, auch wenn, wie im klassischen Fall, die Ehefrau ­keinen einzigen Tag berufstätig war), der Pensionskasse (Anspruch auf Hinterbliebenenrente): Überall werden Ehepaare bevorzugt ­behandelt – auf Kosten aller ­anderen.

Goldie Hawn und Kurt Russell, seit 34 Jahren ein Paar: Aus Überzeugung kein Trauschein. Foto: Getty Images

Und nach wie vor wird erwartet, dass man heiratet, irgendwann. Das macht man doch so – wer nicht, muss sich dauernd erklären; ab einem gewissen Alter gelten ­Ledige als unseriös und Allein­lebende als egoistisch. Auch die Politik tut so, als gäbe es bis heute nur eine einzige, richtige Form des erwachsenen Zusammenlebens. Und tatsächlich handelt es sich bei der Ehe um ein staatliches Projekt: Sie wird in der Bundesverfassung erwähnt und schützenswert genannt. Von ledigen Paaren und erst recht von Alleinstehenden ist dort nirgends die Rede, sie existieren nicht, und besonders schützenswert sind sie offenbar schon gar nicht.

Bloss sind die finanziellen Privilegien für die Ehepaare nur möglich dank der Unverheirateten: Sie können kaum Abzüge geltend ­machen, während diese für Ehepaare so hoch sind, dass rund die Hälfte aller Familien keine direkte Bundessteuer zahlt. Die viel bemühte Solidarität funktioniert, zumindest hinsichtlich des Zivilstands, nur in eine Richtung.

Dass die Politik die Ehe sehr konkret mit finanziellen Anreizen fördert, liegt an der doch recht weit zurückliegenden Idee, Eheleute würden sich gegenseitig unterstützen und damit den Staat entlasten. Tatsächlich hat sich die Grund­lage der Ehe längst geändert: Jahrhundertelang war die Heirat eine ganz und gar unromantische Angelegenheit, eine Art Minifusion. Es ging um handfeste wirtschaftliche Interessen, man vergrösserte seinen Besitz, seinen Einfluss oder schlicht die Anzahl Arbeitskräfte. Geld war zentral, Sicherheit ebenfalls, das Ganze eine Zweckgemeinschaft.

Dann kam die Liebe ins Spiel. Und mit einem Mal war die Ehe kein Vertrag mehr über Sachliches, sondern ein Vertrag über Unsachliches, er basiert seit den Nachkriegsjahren endgültig auf so etwas Wankelmütigem, Unberechenbarem, Irrationalem wie ­Gefühlen. Es ist nur logisch, dass die Scheidungsquote seit den ­Siebzigerjahren kontinuierlich steigt.

Die Zahlen machen deutlich, dass die Ehe kein Garant für Stabilität ist, keine Lebensform, die überlegen ist oder gar besonders erfolgreich. 16 777-mal mussten sich letztes Jahr Schweizer Gerichte – also der Staat – mit so etwas Höchstpersönlichem wie einer zerbrochenen Liebe befassen. Und Kosten verursacht es auch, dieses Auseinanderbröseln von gescheiterten Beziehungen, das doch eigentlich niemanden ­etwas angeht ausser die beiden Parteien selbst, deren Vertrag aufgelöst wird, weil die Gefühle erkaltet sind.

Die Ledigen haben keine Lobby

Trotzdem liebt die Politik die Ehe. Denn Ehe bedeutet immer auch: Familie. Und Familie ist gut, alle sind für die Familie. Daran wäre auch nichts verkehrt, wenn nicht gleichzeitig die Interessen der alleinstehenden Verkäuferin vergessen gingen, die etwa mit der ­geplanten Altersreform 2020 nur 70 Franken AHV zusätzlich pro Monat erhalten soll, während der geplante Zustupf für Ehepaare 226 Franken beträgt. Aber die Ledigen haben keine Lobby im Bundeshaus. Familienpartei zu sein, macht sich besser, und immer geht es darum, für jene, denen ohnehin gegeben wird, noch mehr herauszuholen. Was umso ignoranter ist, als dass die Alleinlebenden heute mit 35 Prozent die grösste Gruppe der Schweizer Haushalte ausmachen; bis 2030 wird ihr Anteil gar auf 41 Prozent geschätzt.

Da gäbe es also eine ziemlich grosse Anzahl Menschen, die ­andere Bedürfnisse haben – ­deren Interessen aber keine Partei ­vertritt, nicht einmal jene, die gern betonen, sich für Minderheiten einzusetzen. Man zieht den Normbürger vor; die Ehe zu kritisieren oder zu hinterfragen wagt niemand.

Frauen lassen sich gern durch die Heirat absichern

Dabei wirkt Traditionelles oft lähmend, und das gilt auch für die Ehe. Gerade in der Schweiz hallt ihre wenig ruhmreiche Geschichte – bis 1988 war die Frau dem Mann gemäss Gesetz untertan, bis 2013 musste sie seinen Namen annehmen – immer noch nach und bestätigt auf ungute Weise Geschlechterklischees: Im Berufs­leben ist es für Männer von Vorteil, verheiratet zu sein (in der Politik übrigens auch), es lässt sie zuverlässiger erscheinen. Für Frauen stellt sich dieselbe Tatsache in der Arbeitswelt als Hindernis heraus, da sie, so die herrschende Meinung, ohnehin bald Kinder bekommen werden oder bereits welche haben und damit für wichtige und interessante Posten nicht mehr infrage kommen, denn: Wer kümmert sich dann um den Nachwuchs? Und sowieso: Ehefrauen wollen ja nicht arbeiten, haben keinen Ehrgeiz mehr, die reduzieren ihr Pensum lieber auf 30 Prozent oder bleiben grad daheim.

Das wiederum ist leider nicht ganz falsch. Für Frauen lohnt sich eine Heirat nach wie vor. Sie sind auf diese Weise finanziell abgesichert, selbst wenn sie nie einen Tag arbeiten, insbesondere, wenn der Mann ein überdurchschnittlich ­hohes Einkommen hat. Und so ­können es sich immer noch 35 Prozent der Schweizer Frauen leisten, nicht berufstätig zu sein, was nicht nur heisst, dass gut ausgebildete Arbeitskräfte fehlen, sondern auch, dass sie nicht in die Sozialwerke einzahlen, von deren Leistungen sie aber – Heirat sei Dank – ganz selbstverständlich profitieren. Eine ­Scheidung müssen sie auch nicht ­besonders fürchten: In diesem Fall muss der Ex-Mann weiterhin für ihren Lebensunterhalt auf­kommen.

Alter Zopf soll modernisiert werden

Damit torpediert die Ehe sämtliche Gleichstellungsbemühungen, denn die Rolle des Mannes mag im Zivilgesetzbuch nicht mehr als Ernährer definiert werden – just das wird aber nach einer Scheidung immer noch von ihm verlangt. Wie will man so Mädchen und Buben die Gleichberechtigung glaubhaft erklären? Wie sollen insbesondere junge Frauen berufliche Ambitionen entwickeln, wenn sich für sie auch 2017 die Heirat immer noch lohnt?

Im progressiven Skandinavien existiert kein Unterhaltsanspruch für ehemalige Gattinnen – weil es dem Gedanken der Gleichberechtigung widerspricht und zu Recht als beleidigend empfunden wird, für beide Geschlechter. Auch Deutschland hat vor neun Jahren beschlossen, dass die Ehe beziehungsweise deren Ende nicht länger ein automatisches «Versorgungsmodell» sein soll.

Die Institution Ehe erklärt auf diskriminierende Weise alle anderen Lebensformen als zweitklassig, und sie zementiert ein uraltes Rollenverständnis. Statt die Ehe beherzt den Bedürfnissen einer sich längst gewandelten ­Gesellschaft anzupassen, schraubt man lieber ein bisschen daran ­herum und versucht, diesen alten Zopf irgendwie zu modernisieren und mit immer neuen Steuer­vorteilen zu beglücken. Mit dem Resultat, dass man der Zeit stets hinterherhinkt und sich wundert beziehungsweise grämt über das regelmässig schlechte Abschneiden der Schweiz, wenn es um internationale Ranglisten in Sachen ­Geschlechtermodernität geht. Da lanciert dann halt das Gleich­stellungsbüro erneut eine Kam­pagne.

Besser und vor allem ehrlicher wäre doch: das Ding abzuschaffen. Damit junge Frauen und Männer begreifen, dass es keine über­legene, bessere Beziehungsform gibt. Dass sie ihr Leben gemeinsam verbringen und füreinander da sein können, aber jede und jeder für sein Leben und sein Fortkommen Verantwortung übernimmt. Es gäbe etwas mehr Augen­höhe und weniger Abhängigkeiten. Und wahrscheinlich auch ­weniger Streit. Es wäre zeitgemässer. Solidarischer. Und gerechter. Für alle. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.06.2017, 21:16 Uhr

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