Zu nett für diese Welt

Freiwillige opfern sich auf und verlieren sich zuweilen im Gefühlsstrudel – und überschreiten die eigenen und die Grenzen der anderen.

Illustration: Julia Geiser

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Händchen haltend sitzt die blonde Mittfünfzigerin aus dem Kanton Thurgau mit dem halb so alten abgewiesenen Asylbewerber aus Pakistan auf einem Bänklein inmitten von saftigen Wiesen, sie strahlt ihn an, erzählt dem «Blick» von seinen dunklen Augen, in die sie sich sofort verliebt habe, schmiegt sich an den Mann, der neben ihr wie ein Teenager wirkt, spricht von Liebe, herzlosen Behörden, von Flucht und Heirat. Und er sagt nichts. Ein paar Tage später das glückselige Selfie aus dem italienischen Exil.

Letzte Woche dann die vorerst jüngste Episode der Fortsetzungsstory: Es ist aus! Der Geflüchtete hat die IV-Rentnerin sitzen lassen. Dabei hätte sie doch alles für ihn getan. Schon wieder eine dieser Frauen, mag sich mancher gedacht haben, ganz das Klischee: um die 50, keine Kinder (mehr) daheim, kein Partner, das Bedürfnis zu helfen und so viel zu geben. Und irgendwann Missverständnisse, Enttäuschungen oder Überforderung. Es wäre zu einfach, das als Naivität abzutun.

«Wenn man mit Flüchtlingen arbeitet, ist das Herz offen, auch wenn man weiss, dass man Distanz wahren sollte.»Fabiola Bloch, Präsidentin des gemeinnützigen Vereins «Basel hilft mit»

«Wenn man mit Flüchtlingen arbeitet, ist das Herz offen, auch wenn man weiss, dass man Distanz wahren sollte», sagt Fabiola Bloch, Präsidentin des gemeinnützigen Vereins «Basel hilft mit», der seit 2015 Sachspenden sammelt und verteilt und sich für die Integration von Asylsuchenden einsetzt. Das Bild mit dem angeschwemmten Jungen am türkischen Strand und dieser Lastwagen mit den über 70 Leichen, erstickt auf der Flucht in ein besseres Leben, waren der Auslöser bei ihr.

Im Gegensatz zu all den Einwegfreiwilligen, die längst zurück in ihrem Alltag sind, obwohl sie immer noch gebraucht würden, ist das Helfen für Fabiola Bloch zur Lebensaufgabe geworden. Viermal stand sie in Camps in Serbien und Griechenland im Einsatz, mehrmals betreute sie Flüchtlinge in Paris, dazu all die Stunden bei «Basel hilft mit». Das alles neben ihrem 60-Prozent-Job im Asylzentrum. Neben ihrer Familie. Manchmal klinkt sie sich für ein paar Tage aus, wenn sie spürt, dass die Erschöpfung zu gross wird. Die emotionale Distanz zu wahren, sei jedoch schwierig. «Ich weiss nicht, was ich täte, wenn ich keine Kinder hätte. Vielleicht wäre ich auch so leichtsinnig und würde so etwas tun.» Mit «so etwas» meint sie: ein Mädchen mit in die Schweiz nehmen, um es vor den unhaltbaren Zuständen im Flüchtlingscamp zu retten. Eine Mutter über die Grenze schmuggeln. Oder einen abgewiesenen Asylbewerber heiraten.

Gebraucht zu werden, ist wie eine Droge

Freiwillige, die all das tun und sich masslos hineinsteigern, kennt Fabiola Bloch zur Genüge. Wie die Helferin, die sie bei ihrem letzten Einsatz in Paris traf. Die dort seit einem Jahr jeden Tag Flüchtlinge betreute und nicht aufhörte, weil jeden Tag neue kamen. Die nicht zu Hause war, als ihr Grossvater beerdigt wurde, als ihre Schwester ein Baby bekam; Weihnachten mit ihrer Familie hatte sie ebenfalls verpasst. «Wieso machst du das alles?», fragte Fabiola Bloch die Frau. «Weil es ohne mich nicht geht. Sie sind wie eine Familie für mich.» – «Weisst du denn, was du für sie bist?» Die Frage hatte sich die Fraunoch nie gestellt.

Fabiola Bloch findet das fatal. «Wir dürfen nie zum Zentrum für die Geflüchteten werden. Wir dürfen sie doch nicht von uns abhängig machen!» Also nicht Tag und Nacht verfügbar sein, ihnen alles abnehmen und sich dann ausgenutzt fühlen. Man müsse sich seiner Rolle als Helfende bewusst sein und sich distanzieren, um nicht Gefahr zu laufen, auszubrennen und sich zu verrennen. «Aber dazu ist man irgendwann nicht mehr in der Lage, wenn man sich zu gut dabei fühlt, gebraucht zu werden. Es ist wie eine Droge.»

Eine Droge, die auch das schlechte Gewissen betäubt, so privilegiert zu sein im Gegensatz zu den Geflohenen. Der Rausch wird verstärkt durch all die Aufmerksamkeit, die man sich auf sozialen Medien holen kann. «Du bist eine Heldin», schreiben die Leute auf Facebook, wenn man ein Bild von sich mit Flüchtlingen postet. «Logisch fühlt sich das super an. Aber dann muss man sich fragen, warum man das alles eigentlich tut», sagt Bloch und ergänzt: Jeder, der helfe, ziehe einen Profit daraus, egal, wie sehr man sich aufopfere.

«Jeder, der hilft, zieht einen Profit daraus, egal, wie sehr man sich aufopfert.»Fabiola Bloch

Den wenigsten ist bewusst, wie viel sie von sich geben. Nicht selten sind es die Angehörigen, die auf die Überempathie hinweisen; die einen aus Sorge, die anderen, weil sie sich zweitrangig fühlen, wenn die eigene Partnerin oder Mama sich plötzlich so für andere engagiert. Warum es Männer viel seltener betrifft, ist nicht so leicht zu beantworten. Fakt ist: Sie sind allgemein in der Minderzahl – ein Viertel der Freiwilligen ist männlich.

Die österreichische Journalistin Delna Antia hat für einen Artikel im multiethnischen Magazin ­«Biber» ebenfalls mehrere Frauen getroffen, die sich für Flüchtlinge aufopfern, und damit zahlreiche Reaktionen ausgelöst – von rechts («Diese dummen Weiber!») bis zu Hilfsorganisationen, die wissen, dass es ohne die Freiwilligen nicht ginge («Passt auf euch auf!»). Eine der Porträtierten war eine 57-Jährige, die sich für einen 28-jährigen Iraker ins Zeug legte. Sie organisierte einen Deutschkurs für ihn, ein Praktikum und liess sich nicht beirren, als ihm das zu wenig war. Sie lud ihn zum Essen bei ihrer Familie ein, nahm ihn zu Ausflügen mit – immer bewusst in der Rolle als Ersatzmutter; als Frau Ende 50 mit einem attraktiven Iraker an ihrer Seite wollte sie keine Missverständnisse aufkommen lassen.

Das Gefühl zu wissen, «der Schlüssel für sein Weiterleben, ja für sein ganzes Dasein» zu sein, empfand sie als berauschend. Bis sie eines Tages zufällig herausfand, dass «ihr» Flüchtling noch andere Frauen hatte, die sich genauso intensiv um ihn kümmerten. Sie hätte mehr Dankbarkeit erwartet und war enttäuscht, weil er mehr Fremder war als Sohn.

Noch komplizierter wird es, wenn beim Helfen Gefühle ins Spiel kommen. Darf man sie zulassen? Ist es tatsächlich Liebe? Oder die emotionale Situation, die alles verstärkt? Der positive Rassismus, in den unerfahrene Helfer nicht ­selten verfallen? Es gibt sie, die Schweizerinnen, die sich in einen Flüchtling verliebt haben, aber die wenigsten wollen ihre Geschichte breittreten wie die IV-Rentnerin im «Blick». «Es ist kompliziert», sagt die eine, die ihren Mann auf dem Migrationsamt kennen gelernt hat. «Es ist zu privat», sagt die andere, die einen abgewiesenen Nigerianer in seiner Heimat heiratete – schwanger mit dem gemeinsamen Kind. Sie behandle Geflüchtete wie normale Menschen, da sei es nicht erstaunlich, dass sie einen geheiratet habe. «Es ist traurig», sagt die dritte, die sich gegen das Heiraten entschied, weil sie nicht sicher war, ob er sie nur der Papiere wegen wollte. Traurig aber auch wegen Freunden, die sagten: «Hast du es so nötig, dass du dich mit einem Flüchtling einlässt?»

Vor Überforderung zu schützen

«Uns ist die Situation von hilfs­bereiten Frauen um die Mitte der Lebenshälfte herum, die Geflüchtete betreuen, sehr wohl bekannt», sagt Frank Lorenz, Leiter der Offenen Kirche Elisabethen, die sich in verschiedenen Integrationsprojekten engagiert. Oftmals werde die Beziehung von einer der beiden Seiten missverstanden – als partnerschaftsähnlich oder quasifamiliär. Ursachen für Missverständnisse gebe es viele: Manche Geflüchtete könnten die Zuwendung nicht richtig einschätzen, weil in deren Kultur freiwilliges Engagement ausserhalb der Verwandtschaft nicht verankert sei. Helfende seien sich der kulturellen Unterschiede oft zu wenig bewusst und erstaunt, wenn die Flüchtlinge nicht wie erwartet reagieren.

Viele sind sich auch ihrer Rolle zu wenig bewusst und darüber, dass sie nicht so unverzichtbar sind wie sie meinen. Denn die Angebote sind zahlreich. Hilfsorganisationen legen deswegen Wert auf die Begleitung ihrer Freiwilligen. Die Offene Kirche Elisabethen etwa spricht Themen wie ­Überempathie oder Machtgefälle in Einführungskursen an. Beim Roten Kreuz Kanton Zürich hat jeder eine persönliche Ansprechperson: Freiwillige zum Schutz vor den teilweise sehr hohen Ansprüchen der Begünstigten und Geflüchtete zum Schutz vor Freiwilligen, die es mit dem Helfen übertreiben.

«Hast du es so nötig, dass du dich mit einem Flüchtling einlässt?»

Ein Pilotprojekt hat die Beratungsstelle für Integrations- und Religionsfragen (BIR) der Schweizerischen Evangelischen Allianz kürzlich in Thun gestartet, um Ehrenamtliche etwa besser vor emotionaler Überforderung zu schützen. «In begleiteten Gesprächsrunden können sich neu auch Freiwillige aus­tauschen und nicht nur die professionellen Helfer», sagt der BIR-Koordinator François Pinaton. Wich­tig sei, sich seiner Rolle und Motive bewusst zu werden. Aber kaum etwas ist schwieriger zu beantworten als die Frage, warum genau man so sehr hilft.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.07.2017, 09:48 Uhr

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