Bazl und Rega stellen sich gegen etabliertes Rettungsmanöver

Eine Methode, die Helikopterpiloten vor dem Absturz bewahrt, wird nicht mehr angewendet.

Im Vortex-Zustand wird der eigene Abwind wieder beschleunigt, was die Luft um den Rotor dichter werden lässt. Alleine durch den Unterschied der Luftdichte gegenüber der Umgebungsluft sinkt der Helikopter dann immer schneller. In dieser Animation wird Piloten die Vuichard Recovery erklärt. Video: vrasf.org

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Es ist der absolute Horror eines jeden Helikopterpiloten: der Moment, wenn der Heli in der Luft schwebt und dann plötzlich immer schneller wie ein Stein in Richtung Boden sinkt. Das Phänomen heisst Vortex Ring State oder auf Deutsch Wirbelringzustand. Dabei saugt der Heli seinen eigenen Abwind wieder an. Je mehr Leistung der Pilot gibt, umso schneller fällt die Maschine in Richtung Boden.

Der letzte folgenschwere Vortex-Zwischenfall in der Schweiz ereignete sich am 26. Februar 2015. Ein Rettungshelikopter der Schweizerischen Rettungsflugwacht (Rega) geriet bei der Rega-Basis in Erstfeld UR in den fatalen Abwärtssog und schlug neben dem Landeplatz hart auf der Wiese auf. Bei dieser Bruchlandung zogen sich der Pilot und zwei weitere Personen schwere Rückenverletzungen zu.

Wenn die Rega ein schon lange weltweit eingeführtes Helirettungsverfahren akzeptieren würde, wäre es womöglich nicht zu diesem Unglück in Erstfeld gekommen. Die lebensrettende Technik heisst Vuichard Recovery und wurde von einem Schweizer entwickelt. Das ­Verfahren sieht vor, den Helikopter in einer Vortex-Situation mit einer Kippbewegung sofort links oder rechts aus dem Abwärtsstrudel zu führen.

Fatale Folgen eines Abwärtswirbels um die Rotoren: Absturz eines russischen Helis bei einer Flugshow im russischen Gelendschik, September 2014. Video: Youtube

Claude Vuichard, der früher 25 Jahre lang Inspektor beim Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) war und jahrelang den Bundesratshelikopter pilotierte, entwickelte seine Methode vor etwa 30 Jahren nach einem eigenen gefährlichen Vortex-Zwischenfall. 2014 hat der US-Helikopterhersteller Robinson die Methode nach Vuichard benannt. Die Vuichard-Recovery-Technique ist seither fester Bestandteil der Flugtrainings-Handbücher von Robinson und wird bei allen praktischen und theoretischen Sicherheitskursen des grössten Helibauers der Welt unterrichtet. Auch Airbus Helicopter und weitere Heli­hersteller sprachen sich für das Verfahren des Schweizers aus. 2015 haben auch das US Helicopter Safety Team (USHST) und das International Helicopter Safety Team (IHST) das Verfahren Vuichards öffentlich publiziert. Bei USHST und IHST handelt es sich um Gremien von Fachleuten aus Luftfahrtbehörden und der Helikopterindustrie, die regelmässig wegweisende Sicherheitsanweisungen veröffentlichen.

Trotz dieser weltweiten Akzeptanz und Festlegung als Sicherheitsstandard gibt es in der Schweiz zwei Organisationen, die sich gegen das Verfahren von Claude Vuichard stellen. Das Bazl hat das Verfahren bisher noch nicht als Sicherheitsanweisung publiziert. Und die Rega fliegt immer noch nach dem alten Regime: Die letzten 70 Jahre waren Piloten angehalten, in einer Vortex-Situation die Leistung zu reduzieren und nach vorne wegzufliegen. Diese Methode ­jedoch funktioniert leider nicht immer. Nicht durchführbar ist diese Technik ­beispielsweise, wenn ein Rettungshelikopter vor einer Felswand schwebt oder wenn der Helikopter Rückenwind hat. Der beste Beweis dafür ist der Absturz der Rega-Maschine in Erstfeld.

Hätte Erstfeld-Crash verhindert werden können?

«Mit meiner Methode wäre das Unglück im Kanton Uri mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht passiert», sagt Vuichard. Laut Bazl-Spreche­rin Nicole Räz zeigt der Unfallbericht jedoch, dass dem Piloten gar nicht bewusst war, dass er sich in einem Vortex befand. Unfallverursachend sei daher nicht ein unsachgemässes Recovery-Manöver, sondern die fehlende Wahrnehmung durch den Piloten. Insofern sei die Frage, ob die Vuichard-Recovery den Unfall verhindert hätte, nicht beantwortbar.

Tatsächlich heisst es im Schlussbericht der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust), dass auch die «geringe fliegerische Erfahrung» des Rega-Piloten auf dem Agusta-Westland-Helikopter und seine «unzureichenden Kenntnisse eines wesentlichen Grenzwertes» zum schweren Unfall beigetragen haben. Claude Vuichard, der mit seiner Stiftung Vrasf.org weltweit Vorträge über seine Methode hält und Schulungen durchführt, sieht andere Ursachen für den Crash: «Wäre der ­Rega-Pilot auf meinem Rettungsverfahren geschult gewesen, wäre es ihm sofort bewusst geworden, dass er sich in einem Vortex befindet, und er hätte so viel schneller reagieren können. ­Zudem hätte auch der für den Unfall verantwortliche Rückenwind bei meinem Manöver keine Rolle gespielt.»

Laut Rega-Sprecher Harald Schreiber ist die Vuichard-Recovery für grosse, schwere Rettungshelikopter nicht zugelassen, und im Weiteren würden die Hersteller von diesem Verfahren «gar explizit» abraten. Wer sich allerdings von den Helikopterbauern gegen die Vuichard-Methode ausgesprochen haben soll, will die Rega nicht beantworten.

«Wäre der ­Rega-Pilot auf meinem Rettungsverfahren geschult gewesen, wäre es ihm sofort bewusst geworden, dass er sich in einem Vortex befindet.»Claude Vuichard

Im Sust-Bericht, der vor drei Wochen veröffentlicht wurde, steht dazu nur, dass das Verfahren zum Zeitpunkt des Unfalles für die Maschine «nicht vorgesehen war». Weiter heisst es dort, dass Vuichards Massnahme «vor allem von Herstellern leichter Maschinen» evaluiert werde. Von einer Nichtzulassung, wie von der Rega behauptet, steht im Sust-Bericht nirgends etwas.

Die Vortex-Rettungsmassnahme eignet sich aber tatsächlich auch für schwere Maschinen. Hersteller der grossen Hubschrauber wie Sikorsky, Airbus oder Bell haben die Vuichard-Recovery zusammen mit der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA im Jahr 2015 allen Piloten zur Umsetzung empfohlen.

Air Zermatt und Air-Glacier wenden Verfahren an

Das Bazl kennt zwar das Vuichard-Prinzip, hat aber laut eigenen Aussagen keine belastbaren Daten dazu. «Die Evaluation und allenfalls Integration von neuen Verfahren in die betreffenden Flughandbücher ist Sache des Herstellers», sagt Bazl-Sprecherin Räz. Stimmt nicht: In den Bauvorschriften der Europäischen Agentur für Flugsicherheit (Easa) wird nicht verlangt, dass ein ­Helikopterhersteller ein Verfahren publizieren muss, wie ein Pilot aus dem Wirbelringstadium herauskommt.

Auch in der Schweiz wenden Air Zermatt und Air-Glaciers die Vuichard-­Methode schon längere Zeit an. Guido Brun, der viele Jahre für die Schweizer Luftwaffe Super Puma und Alouette III geflogen ist, instruiert im Bereich der Berufspilotenausbildung in der Schweiz heute das Verfahren von Claude Vuichard ebenfalls. Auch Brun glaubt, dass ein bewusstes Training der Vuichard-­Recovery dem verunglückten Rega-­Piloten die Gefahren der Vortex-Situation drastisch vor Augen geführt hätte.

Claude Vuichard hofft, dass die Rega sein Verfahren raschmöglichst einführt und die Piloten diesbezüglich gründlich ausbildet. «Ich habe meine Outdoor-Aktivitäten wie Wandern und Biken schon länger Richtung Wallis verlegt, denn im Mittelland möchte ich nach einem Unfall nicht von einem Rega-Heli abgeholt werden.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.07.2017, 15:44 Uhr

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