Die Gefährlichsten finden

Wichtigtuer oder potenzieller Attentäter? Zur Identifikation setzen Behörden auf ein neues Risikoanalyse-Tool – auch dank Schweizer Wissenschaftler.

Operation Alberich: Ein Mitglied der Saurbach-Gruppe wird von Beamten abgeführt (September 2007). Foto: Wolfgang Rattay (Reuters)

Operation Alberich: Ein Mitglied der Saurbach-Gruppe wird von Beamten abgeführt (September 2007). Foto: Wolfgang Rattay (Reuters)

Nach dem Attentat auf der London Bridge spielte sich vergangenen Montag ein Drama ab: Die Polizei verkündete die Identität der Attentäter – und musste zugeben, dass einer polizeilich erfasst war und sie Ermittlungen gegen einen zweiten schubladisiert hatte.

Es klang ähnlich wie die Eingeständnisse der Ermittler in Deutschland nach dem Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt und in Frankreich nach den Massakern in Paris: Die Terroristen standen stets auf Listen riskanter Personen. Das Problem: Diese Listen sind mittlerweile viel zu lang.

3000 Verdächtige verzeichnen die Briten, 1000 sind es in Deutschland, 12'000 in Frankreich. In der Schweiz sind 500 wegen jihadistischer Internetaktivitäten beim Nachrichtendienst registriert, 90 gelten als Risikopersonen, von denen eine «ernsthafte Bedrohung ausgeht». Die Behörden sind überfordert mit so vielen Verdächtigen. Um einen Jihadisten strikt zu bewachen, braucht es zehn Polizisten.

Experten sind sich deshalb einig, dass es dringend bessere Analyse-Instrumente braucht. An vorderster Front bei der Lösung dieses europaweiten Problems stehen Schweizer Wissenschaftler.

Jérôme Endrass, Stabschef des Amtes für Justizvollzug des Kantons Zürich, befasst sich seit Jahren wissenschaftlich mit der Identifikation gefährlicher Jihadisten. Er begleitet mit anderen Forschern des Amtes für Justizvollzug die Entwicklung eines neuen Analyseverfahrens namens RADAR-iTE, mit dem das deutsche Bundeskriminalamt seit wenigen Wochen die über 1000 registrierten Gefährder und «Relevanten Personen» Deutschlands analysiert.

Mehr als 50 Millionen Menschen befürworten den Jihad

Aufgrund einer Reihe von Fragen, die sich mit Daten der Polizei beantworten lassen, bewertet dieses System, ob bei einem Jihad-Anhänger ein moderates, auffälliges oder hohes Gewaltrisiko besteht. Die letzten beiden Personengruppen sind dank dem Filtersystem so klein, dass sie dann vertieft geprüft werden können.

«Gemäss seriösen Forschern gibt es weltweit über 50 Millionen Menschen, die den bewaffneten Jihadismus befürworten», sagt Endrass. «Wir müssen die ganz kleine Minderheit unter ihnen finden, die bereit und in der Lage ist, massive Gewalttaten zu begehen.»

Bei der Frage, wer tatsächlich gefährlich ist, räumen die Experten mit zahlreichen Vorurteilen auf. So ist selbst fanatischer religiöser Extremismus alleine ein sehr schwaches Indiz dafür, dass jemand zum Attentäter wird. Jihad-Reisende gibt es bis heute Tausende, aber nur ein paar Dutzend von ihnen wurden zu Attentätern.

Die Erkenntnisse der Forensiker aus der Polizeiarbeit, aus Studien und Fallanalysen über muslimische Attentäter ist ebenso simpel wie überraschend: Entscheidend, ob ein Jihadist gewalttätig wird, ist nicht sein Bezug zum religiösen Extremismus, sondern sein Verhältnis zur Gewalt. «In Friedenszeiten braucht es sehr viel, bis jemand sich überwindet, gezielt auf Zivilisten zu schiessen», sagt Endrass. «Es sind wenige, die konkrete Fantasien dazu haben, und noch weniger, die wirklich in der Lage sind, die Handlungsschwelle zu überschreiten.»

Um diese zu finden, fragt das RADAR-System nach einschlägigen Informationen, die auf Gewaltbereitschaft hinweisen. Dabei gilt die mittlerweile fest etablierte Erkenntnis, dass Gewalt nicht durch eine einzelne Ursache wie Extremismus bedingt ist. Gefährlich ist vor allem die Kombination verschiedener Risikomerkmale.

Liegen zum Beispiel Gewaltfantasien, eine stark ausgeprägte Faszination für Waffen und eine Vorstrafe wegen Gewaltdelikten vor, braucht es nur eine geringe Empfänglichkeit für religiösen Extremismus, um den Betreffenden bereits gefährlich zu machen.

«Ist einer wegen Gewaltdelikten vorbestraft, zeigt aber in seinem ansonsten harmlosen Facebook-Profil eine IS-Flagge, ist er erheblich gefährlicher als jemand, der im Internet extreme Exzesse propagiert, aber noch nie mit Gewalt in Berührung kam», sagt Endrass. Tatsächlich fällt auf, dass die Mehrheit der Attentäter insbesondere durch ihre Gewaltvorgeschichte auffallen und weniger aufgrund ihres religiösen Eifers.

Verfolgungswahn und Radikalisierung

Psychische Krankheiten können ein weiteres Indiz für Gefährlichkeit sein. Im letzten Jahr sind die Attentäter von Nizza, Ansbach und Orlando mit teils erheblichen psychischen Störungen aufgefallen. Es wird zwar nur eine ganz kleine Gruppe der Kranken gewalttätig, doch leidet jemand zum Beispiel unter einem ausgeprägten Verfolgungswahn und wird gleichzeitig radikalisiert, ist dies eine gefährliche Mischung. In den letzten Jahren ist in der extremistischen Szene ein signifikanter Anstieg von Menschen unter 25 Jahren zu beobachten, «und junge Menschen, die in extremistischen Netzwerken hängen bleiben, haben oft auch psychische Probleme», sagt Cornelia Bessler, Chefärztin des Zentrums für Kinder- und Jugendforensik an der Psychiatrischen Uniklinik Zürich. «Die Werbemaschinerie des sogenannten IS setzt auf Popkultur, Videos, Musik, virtuelle Spiele und soziale Netzwerke.» Nur wenige von dieser Gruppe schreiten heute zu Tat. Doch was die Zukunft bringt, weiss niemand. In Medien und Öffentlichkeit sind aber mit Abstand jene Islamisten am präsentesten, die sich aus rein religiösen Gründen so weit radikalisiert haben, dass sie zu Attentätern wurden. In der Praxis ist das nur eine kleine Gruppe.

Für einen psychisch und sozial unauffälligen Menschen, der nicht zur Gewalt neigt, braucht es enorm viel, bis er das Morden Unschuldiger vor sich selber legitimieren kann, so die Erkenntnis der Forscher. Auch die Radikalisierung via Internet spielt hier eher eine geringe Rolle, sagt Endrass: «Oft kommt der Impuls für solche Täter im persönlichen Kontakt mit anderen Extremisten. Es braucht lange und intensive Überzeugungsarbeit, um einen Terroristen zu machen.»

Mitarbeit: A. Haederli

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.06.2017, 23:08 Uhr

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