Ein aussergewöhnlicher Räuber

Selbst Elektrozäune halten den Wolfsrüden M75 nicht davon ab, Schafe zu reissen – 50 der Nutztiere soll er bereits getötet oder verletzt haben. Jetzt wurde er im dritten Kanton zum Abschuss freigegeben.

Jäger mit Ausdauer. Foto: Getty

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Wenn M75 in den nächsten knapp zwei Monaten noch einmal eine Pfote in den Kanton St. Gallen setzt, geht es ihm an den Pelz – sobald der Wolf einem Wildhüter vor die Flinte läuft. Wie schon in den Kantonen Tessin und Graubünden ist das Tier seit dieser Woche auch im Kanton St. Gallen zum Abschuss freigegeben. Das Männchen mit dem Kürzel M75 gilt als Wolf mit problematischem Verhalten. Seit Januar hat er rund 50 Schafe gerissen – vier davon im Kanton St. Gallen, 29 in Graubünden.

Wenn ein Wolf in seinem Streifgebiet innerhalb eines Monats mehr als 25 Nutztiere tötet, liegt gemäss eidgenössischer Jagd­verordnung ein «erheblicher Schaden» vor, sagt Georg Brosi, Jagd- und ­Fischereiinspektor des Kantons Graubünden. Und damit darf das eigentlich streng geschützte Tier abgeschossen werden.

Brosi hat jahrelange Erfahrungen mit Wölfen. «M75 ist ein aussergewöhnliches Tier», sagt er. Der Jungwolf lässt sich auch von Elektrozäunen, wie sie zum Herdenschutz eingesetzt werden, nicht abschrecken. Er geht geradezu strategisch vor, wie Spuren im Schnee verraten haben. Der Rüde schleicht zunächst um das Gatter, sucht eine geeignete Stelle und springt über den Zaun. Am heftigsten hat der Wolf in Cama (Misox) gewütet. Dort tötete er im Februar sieben Schafe, zehn weitere verletzte er so schwer, dass sie am Morgen eingeschläfert werden mussten.

Beste Lebensräume und die Akzeptanz bei der Bevölkerung

Ein solches Jagdverhalten sei für Wölfe ungewöhnlich und komme selten vor, sagt Brosi. In der Regel meiden die Tiere Elektrozäune. Zuletzt gab es im Jahr 2001 einmal einen anderen Wolf mit einer ähnlichen Strategie wie der von M75, erinnert sich der Veterinärmediziner. Das Tier wurde in Sils im Engadin erlegt – rund 100 Schafe aus der Schweiz und Italien gingen auf sein Konto. Seit dem Jahr 2000 sind hierzulande insgesamt 18 «schadenstiftende Einzel­wölfe» zum ­Abschuss freigegeben – und neun Tiere tatsächlich von einem Wildhüter getötet worden, die meisten im Kanton Wallis.

Seit der Wolf Ende des 19. Jahrhunderts in der Schweiz ausgerottet wurde und 1995 erstmals im Wallis wieder einwanderte, erobert sich das anpassungsfähige Tier seinen Lebensraum zügig zurück. Geeignete Gebiete gibt es genug, hat ein Forscherteam um ­Gabriele Cozzi von der Universität Zürich kürzlich herausgefunden. Wölfe könnten sich auf einem Drittel der Fläche in der Schweiz wohlfühlen, so ein Ergebnis der Studie, denn dort gibt es genügend Wild, wenig Menschen und viel Wald.

Die Biologen untersuchten zudem, wo die Raubtiere auch bei der Bevölkerung akzeptiert sind. Über 3000 zufällig ausgewählte Personen in der ganzen Schweiz beantworteten entsprechende Frage­bögen. Das Team kombinierte sodann die potenziellen Lebensräume mit den Regionen mit der höchsten Akzeptanz der Bewohner gegenüber Wölfen. Herauskam, dass Canis lupus die besten Lebensbedingungen in Gebieten im Jura, im Tessin und in den Bündner Alpen hätte.

«Die Akzeptanz in der Bevölkerung, dort wo der Wolf lebt, ist eine Voraussetzung dafür, dass die Raubtiere mittel- und langfristig überleben können», ist Georg Brosi überzeugt. In Graubünden ist das Wohlwollen gegenüber der Raubtiere zwar grösser als im Wallis. Dennoch könne man nicht jeden Wolf schützen, zumindest keine Tiere mit problematischem Verhalten. «Aber auch regulative Eingriffe durch die Kantone sind nötig», sagt Brosi, «denn die Wölfe vermehren sich sehr schnell.»

Auch die Landwirte seien in der Pflicht, ergänzt Ralph Manz von der Vereinigung Raubtierökologie und Wildtiermanagement Kora. Die Halter von Schafen, Ziegen oder Rindern müssten ihre Tiere vor Wölfen schützen.

Vermutlich kommen Wölfe wie M75 zuerst durch einen ­schlechten Herdenschutz darauf, Schafe innerhalb von Zäunen zu reissen, sagt Reinhard Schnidrig vom Bundesamt für Umwelt. «Durchhängende Zäune ohne Strom bieten eine grosse Verlockung», sagt der Wildtierbiologe, «und erst dann lernen die Tiere, die ordnungs­gemässen Zäune zu überwinden.»

In Österreich wurden Schafe auf ähnliche Weise getötet

Manz weist zudem darauf hin, dass abwandernde Jungwölfe für ihre ausgedehnten Wanderungen bekannt sind. M75 bestätigt die immensen Bewegungsradien junger Männchen. Der Rüde hat in wenigen Wochen ein riesiges Gebiet in der gesamten Ostschweiz durchstreift und dabei Spuren in Graubünden, im Tessin, in St. Gallen und in Laufen-­Uhwiesen (Rheinfall) hinterlassen. Danach kehrte er nach Graubünden zurück. «Ein Wolf kann bis zu 1000 oder gar 1500 Kilometer in wenigen Monaten zurücklegen», sagt Manz.

Woher M75 stammt, ist unklar. Er könnte aus der italienisch-französischen Population eingewandert sein, wie alle bekannten Schweizer Wölfe. Derzeit leben hierzulande drei Rudel: im Calan­dagebiet in Graubünden, im Augstbordgebiet im Wallis und im Morobbiatal im Tessin. Hinzu kommt ein Paar, das sich in der Region Gantrisch BE/FR niedergelassen hat und sich in den letzten Wochen verpaart haben könnte.

Wolfsnachwuchs kommt hierzulande um Mitte Mai zur Welt, zwischen drei bis sechs Welpen. In der Regel verlassen Jungwölfe ein- oder zweijährig ihr Rudel, und zwar Männchen wie Weibchen. Einzelwölfe können viele hundert Kilometer zurücklegen, bis sie irgendwo ein neues Rudel bilden, sagt Manz, manchmal aber bleiben sie auch in der näheren Umgebung des Elternrudels.

Letzte Woche sind im Stubaital bei Innsbruck drei Schafe auf ganz ähnliche Weise wie in den letzten Wochen in der Schweiz getötet und vier weitere verletzt worden – sehr wahrscheinlich von einem Wolf. Die Erbgutproben stehen zwar noch aus. Aber Brosi meint: «Das könnte durchaus M75 gewesen sein.» Vielleicht ist der Rüde bereits weitergewandert und entzieht sich so dem Abschuss in der Schweiz. Vielleicht kehrt er aber auch zurück. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.05.2017, 21:16 Uhr

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