Gemeinsam gegen die AfD

Ein Podium mit AfD-Vordenker Jongen wurde abgesagt. Falsch! Man muss den Kampf annehmen, wo man ihn findet.

«Aber wer Wölfe fürchtet, der meide den Wald»: Lenin 1917 bei einer Rede in St. Petersburg, Russland. Foto: PD

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Die Debatte, ob man dieser oder ­jener radikalen Position «ein Podium geben» soll, begleitet meine Arbeit seit ihren Anfängen. Ob Marc Dutroux oder Roger Köppel, die russischen ­Orthodoxen oder der Marquis de Sade – die jeweils heiss geführte ­Debatte ­endet mit der Premiere. Denn dann offenbart sich, was ich in ­deeskalierenden Interviews und ­Stuhlkreisen im Vorfeld jeweils zu ­vermitteln versuche: Das sogenannt Böse ist nicht schick. Es ist banal.

Vor ein paar Tagen wurde eine Podiumsdiskussion am Theater ­Gessnerallee abgesagt, weil an ihr der deutsche AfD-Vordenker Marc Jongen hätte teilnehmen sollen. Das ist keine Katastrophe, aber eine verpasste Chance: Denn Rechte – die sich ja ­bekanntlich selbst als «liberal» bezeichnen – werden erst wirklich rechts, wenn man mit ihnen spricht. Natürlich muss man in Livesituationen immer auch die Möglichkeit mit einberechnen, dass man ausgetrickst wird. «Aber wer Wölfe fürchtet, der meide den Wald», wie der russische Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin 1917 in einer Rede sagte, bevor er im plombierten Wagen nach St. Petersburg fuhr.

Lenin richtete diese Worte, Ironie der Geschichte, an die im Zürcher Volkshaus versammelten Schweizer Genossen, um ihr durch den Hyperchauvinismus des Weltkriegs gekühltes Mütchen aufzuhellen. Hätte er doch vergangene Woche gesprochen! Denn was sich in Zürich ereignete, war ein Schauspiel beispielloser Lächerlichkeit: Es reichte, dass ein zweitklassiger rechter Denker am Horizont ­auftauchte, um die intellektuelle Szene der Schweiz in Besserwisserei und Angst implodieren zu lassen.

Der Titel sei nicht gut gewählt, ­Jongens Gegner nicht links genug. Aber Freunde! Wo soll das Böse denn dekonstruiert werden, wenn nicht im Theater? Man muss den Kampf annehmen, wo man ihn findet, den Gegner treffen, wo man ihn treffen kann! Denn das – und nur das – ist Politik. Alles andere ist intellektuelle Pedanterie, an der die Linke schon mehr als einmal zugrundegegangen ist. «Es ­veröden die Parlamente gleichzeitig mit den Theatern», wie Walter ­Benjamin zum Aufstieg der Nazis schrieb. Recht behalten hat er auch vergangene Woche in Zürich.

Aber der Mut, eine Kolumne zu schreiben, ist Gratismut, denn auf gedrucktem Papier behält jeder Trottel recht. Gestern führte ich ein Live-Gespräch im deutschen Radio mit einem Führer der AfD. Der Mann brachte ein paar gute Argumente, aber sogar mir gelang es, mit ein paar Nachfragen das komplett widersprüchliche politische Programm der AfD zu dekonstruieren. Die gefürchtete Jongen-Partei offenbarte sich als das, was sie ist: eine spiessige Skandal-Partei mit absolut gar nichts dahinter als den gemeinen Karrierewünschen einiger Möchtegernpolitiker.

Denn das Böse ist nicht gefährlich, es ist banal. Dekonstruieren wir es. Mit unserer Gedankenkraft, unserem durch­geknallten Humor, unserer spirituellen Zärtlichkeit. Und vor allem gemeinsam. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.03.2017, 23:20 Uhr

Milo Rau ist Theaterautor, ­Regisseur und Essayist.

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