Ich muss Busse tun

In den letzten zwanzig Jahren haben sich die Kirchen verändert.

Unsere Landeskirchen haben sich der Kritik an ihrer Institution gestellt. Foto: Keystone

Unsere Landeskirchen haben sich der Kritik an ihrer Institution gestellt. Foto: Keystone

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Leider habe ich fürchterliche Erinnerungen an Ostern. Als Kinder mussten wir an Karfreitag mit dem Pfarrer den Kreuzweg durchexerzieren, gefühlte sechs Stunden lang bei jeder der 14 Stationen den Rosenkranz beten. Spätestens bei Station 9 – «Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz» – begann ich ernsthaft, diesen Mann zu beneiden, der sein Martyrium bereits hinter sich hatte. Auch das Osterfest bot wenig Freude. Im Gottesdienst benebelte mich der viele Weihrauch derart, dass mir den ganzen Tag lang übel war und ich keine Lust mehr hatte, an Schokolade überhaupt nur zu denken.

Gerne hätte ich diese schlimmen Traumata therapiert mit einem bösen Text über die Kirche, ihre angebliche Rückständigkeit und Lebensferne. Ich wollte aufzeigen, warum sie sich nicht wundern müsse, dass ihr die Mitglieder ­davonlaufen. Die zugegeben etwas plumpe Schlusspointe wäre gewesen, dass die Pfarrer vom Weihrauch wohl selber zu benebelt seien, um die Sorgen und Anliegen der Menschen im 21. Jahrhundert zu erkennen.

«Ich würde wegen ­Kritik weder am Kreuz noch im ­Fegefeuer landen»

Doch ich muss Busse tun. Je mehr ich recherchierte, desto grösser wurde meine Verwunderung. Ich entdeckte eine völlig andere Kirche, als sie es bei meinem Austritt vor über zwanzig Jahren gewesen war. Zuerst berichteten Kollegen von engagierten Predigten ohne muffiges Moralisieren oder sakrale Kalendersprüche. Dann beantworteten Pfarrer selbst meine gottlosesten Fragen souverän und selbstironisch: Einer ermunterte mich sogar zur Kritik an der Kirche – ich würde deswegen weder am Kreuz noch im Fegefeuer landen.

Also ist es endlich an der Zeit, der Kirche ein Lob auszusprechen. Während andere Religionen im Mittelalter verharren und wichtige Debatten verweigern, haben unsere Landeskirchen sich der Kritik an ihrer Institution gestellt und fortlaufend modernisiert. Wer dies nicht glaubt, kann sich im Internet davon überzeugen: Sowohl Kath.ch wie auch Reformiert.info bieten einen frischen, aufgeräumten und professionellen Auftritt. In Interviews erklären zum Beispiel Franz Hohler, Eveline Widmer-Schlumpf oder Roger Köppel ihren Glauben. Andere Beiträge behandeln aktuelle politische Fragen oder umstrittene Themen wie die Priesterschaft für Frauen oder die Sterbebegleitung – und zwar ohne dabei die Leserschaft zu belehren oder die offizielle Kirchenposition zu verteidigen. Im Gegenteil: Bei manchen Beiträgen wundert man sich, was wohl der Papst dazu sagen würde.

Gerade bei den Katholiken hat an der Basis längst eine neue Reformation eingesetzt, während die römische Kurie dem Zeitgeist standhaft trotzt. Das führt zwar zu einem schwierigen Spagat für die Gläubigen – es garantiert aber auch, dass die katholische Kirche bei aller Anpassung ihren jahrtausendealten Kompass nicht verliert. Hip sind heute alle möglichen Formen von Spiritualität wie Meditation, Yoga oder Esoterik. Dabei müsste man gar nicht so weit suchen: Lebens­hilfe und Orientierung bieten auch die Landes­kirchen. Ihr Auftritt ist menschennah, aber nicht anbiedernd. Ja sogar richtig cool, aber nicht zu cool. Sie verdienen Anerkennung und Unterstützung in Zeiten, in denen das Christentum zur meistverfolgten Religion der Welt geworden ist.

Vielleicht besuche ich sogar wieder einmal eine Messe. Ganz zuhinterst in der letzten Reihe, wohin es der Weihrauch nicht schafft.

Erstellt: 15.04.2017, 23:06 Uhr

Andreas Kunz, Redaktionsleiter der SonntagsZeitung

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