Jeder vierte Schweizer hält Manager für korrupt

Wirtschaftsvertreter schneiden viel schlechter ab als Politiker und Beamte.

Schlecht fürs Image von Schweizer Führungskräften: Die Untersuchungen gegen den Weltfussballverband Fifa während Sepp Blatters Präsidentschaft. Foto: reuters

Schlecht fürs Image von Schweizer Führungskräften: Die Untersuchungen gegen den Weltfussballverband Fifa während Sepp Blatters Präsidentschaft. Foto: reuters

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Korruption? Aber doch nicht in der Schweiz. Laut Um­fragen hält das Volk Bestechung und Schmiergelder für ein Randphänomen. Der gute Ruf beschränkt sich allerdings auf die Politiker und die öffentlichen Institutionen.

Für die Wirtschaft zeigt sich ein düstereres Bild. 23 Prozent von 1000 befragten Schweizern halten in einer repräsentativen Erhebung von Transparency International die Manager von Unternehmen für korrupt. Zum Vergleich: Die Parlamentarier werden von 11 Prozent als bestechlich eingestuft, bei der Polizei liegt der Wert bei 4 Prozent. Laut Experten haben Korruptionsfälle, in die Schweizer Unternehmen und Organisationen verwickelt waren, Spuren hinter­lassen. «Nach all den Skandalen in der Wirtschaft steigt das Misstrauen in der Bevölkerung, und das wohl zu Recht», sagt Guido Palazzo, Professor für Unter­nehmensethik an der Universität Lausanne.

Zu hoher Druck führt zu Korruption

Michael Faske, Leiter Betrugsbekämpfung beim Beratungsunternehmen EY Schweiz, sieht das ähnlich. Spektakuläre Fälle wie die Ermittlungen beim Weltfussballverband Fifa oder die Panama Papers, die mit Schweizer Be­teiligung gegründete Briefkasten­firmen zur Verschleierung von ­Vermögen aufdeckten, hätten das Thema Korruption in der Schweiz stärker ins Bewusstsein gerückt. Gut in Erinnerung bleibt auch der Skandal um den Sportrechtehändler ISL, der Schmiergelder in der Höhe von 141 Millionen Franken an hohe Funktionäre zahlte.

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Dabei brüsten sich viele Unternehmen mit immer schärferen Kon­trollen und speziellen Abteilungen, die gegründet wurden, um die Gesetze einzuhalten. Gleichzeitig steigt der Druck, Gewinne zu steigern und die Kosten zu senken. Das könne Mitarbeiter dazu drängen, illegale Methoden anzuwenden, sagt Palazzo. «Zu Korruption kommt es meistens nicht wegen Charakterschwächen von Mitarbeitern, sondern wegen aggressiver Zielvorgaben der Unternehmen.»

Nicht nur Korruptionsfälle, sondern auch die wiederkehrenden Bussen für Schweizer Banken wegen Steuerdelikten rücken Wirtschaftsführer in ein schlechtes Licht. Beim Wirtschaftsdachverband Economiesuisse ist man sich des angeschlagenen Rufs von Schweizer Unternehmen bewusst. Einige wenige Fälle von Korruption oder Bussen wegen Steuer­vergehen könnten in Umfragen viel Schaden anrichten, sagt Chefökonom Rudolf Minsch. Dabei nähmen Schweizer Firmen die Korruptionsbekämpfung sehr ernst. «Das Image der Unternehmen ist schlechter als die Realität. Viele Schweizer Firmen verlieren im Ausland Aufträge, weil sie sich an die Gesetze halten.»

Auch Manager sehen das Problem

Nicht nur die Bevölkerung, sondern auch die Manager selber sehen Korruption in der Schweiz als zunehmendes Problem. Diesen Trend zeigt eine weltweite Umfrage von EY, an der über 4000 Führungskräfte und andere Mitarbeiter teilnahmen, davon 100 in der Schweiz. Auf die Frage, ob Bestechung im Schweizer Geschäftsleben weit verbreitet sei, ant­worteten 18 Prozent mit Ja. Dieser Wert liegt zwar deutlich unter dem Durchschnitt westeuropäischer Länder. Doch während dort der Trend zur wahr­genommenen Korruption rückläufig ist, zeigt er in der Schweiz nach oben.

Viele jüngere Angestellte haben wenig Skrupel, Schmiergelder zu bezahlen Bestechungsgelder werden meistens diskret eingefordert. «Schmiergeld fliesst heute nicht wie in Hollywood-Filmen über ein Nummernkonto oder mit Bargeld im Briefumschlag. Das läuft subtiler ab», sagt EY-Experte Faske. Er schildert folgenden Fall: Ein Schweizer Unternehmen, das in einem Schwellenland eine Fabrik bauen wollte, wurde dazu aufgefordert, im Ort Strassen und einen Kindergarten zu bauen. «Auch das kann eine Form der Schmiergeldzahlung sein.» Weil das Unternehmen die Forderung ablehnte, verzögerte sich das Projekt um Jahre. Die Behörden liessen sich mit den Bewilligungen viel Zeit.

Die Studie von EY zeigt auf weltweiter Ebene, dass besonders jüngere Angestellte wenig Skrupel haben, auf solche Angebote einzugehen. Ein Viertel der Befragten zwischen 25 und 34 Jahren rechtfertigt das Bezahlen von Schmiergeld, um einen neuen Auftrag zu gewinnen. Von den über 45-Jährigen gaben nur 10 Prozent an, bei Bedarf so zu handeln. Michael Faske hält dies für besorgniserregend. «Die jungen Mitarbeiter sind die zukünftigen Chefs. Unethisches Verhalten droht somit zu einem noch grösseren ­Problem zu werden.»

Die Ergebnisse der Umfrage erstaunen Wirtschaftsethiker Guido Palazzo von der Universität Lausanne nicht. «Auch bei Prüfungen wird immer häufiger betrogen.» In der abstrakten digitalen Welt sinke die Hemmschwelle für Wirtschaftsdelikte. Das Problem: Entscheide fällt heute nicht ein Handelsreisender vor Ort, sondern oft jemand am Hauptsitz – weit weg vom eigentlichen Geschehen.

Schweizer Gesetz zeigte sich lange milde

Bestechung betrifft nicht nur weltweit tätige Grosskonzerne. Viele mittelständische Unternehmen aus der Schweiz sind in korrupten Ländern aktiv. Für sie ist es besonders schwierig, gegen inländische Anbieter mit oft laschen internen Richtlinien anzutreten. Kleineren Unternehmen fehle im Vergleich mit ­Multis die Marktmacht, sagt Eric Martin, Präsident von ­Transparency International Schweiz. «Oft bleibt kleineren Firmen keine andere Wahl, als sich aus ­korrupten Märkten zurückzuziehen oder Schmiergelder zu bezahlen.»

Das Schweizer Gesetz zeigte sich bei Korruption lange milde. Hier ansässige Unternehmen konnten Schmiergelder sogar von den Steuern abziehen. Nur wenn Bestechungszahlungen unter Privaten zu einer Wettbewerbsverzerrung führten, wurden sie ge­ahndet. Und selbst dann nur auf Antrag des Opfers. Erst seit Juli 2016 wird die Bestechung von Privaten in der Schweiz von Amtes wegen verfolgt. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.04.2017, 23:03 Uhr

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