Neulich im Schloss Bellevue

Milo Rau traf den deutschen Bundespräsidenten. Und erinnerte ihn an den Kongo. Die Kolumne.

Frank-Walter Steinmeier mit dem kongolesischen Präsidenten Joseph Kabila Kabanga. Foto: dpa

Frank-Walter Steinmeier mit dem kongolesischen Präsidenten Joseph Kabila Kabanga. Foto: dpa

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vorgestern Abend war ich in Berlin im Schloss Bellevue zu Gast. Frank-Walter Steinmeier, seit ein paar Monaten deutscher Bundespräsident, hatte einige Künstler und Kulturpolitiker zum Sommerempfang gebeten, darunter auch mich. Zum Einwärmen las ich ein Steinmeier-Porträt: Der Präsident sei «nicht sexy, aber glaubwürdig», hiess es dort. «Mit seinem weissen Haarschopf» erinnere er «an den mächtigen Zauberer Gandalf aus ‹Herr der Ringe›».

In der Rede, die der deutsche Bundespräsident dann abends im Festsaal des Schlosses vor einer gewaltigen EU-Flagge hielt, ging es um die «freiheitlichen Werte», welche «von ­allen Seiten unter Beschuss» stünden. Wir Künstler seien die Gralshüter der Toleranz und der globalen Gerechtigkeit, er, der Bundespräsident, zähle auf uns. Daraufhin brach lautes Klatschen los, und es wurden Häppchen und Sekt gereicht.

Warum ich das berichte: Vor ein paar Jahren hat Steinmeier eine tatsächlich Gandalf-ähnliche Rolle in ­meinem Leben gespielt. Das war im Januar 2015, als ich in der Demokratischen Republik Kongo das «Kongo-­Tribunal» vorbereitete und Steinmeier – damals noch Aussenminister – in Kinshasa zu Gast war. Er sollte dem kongolesischen Präsidenten Kabila, der ein paar Tage zuvor 40 Demonstranten hatte erschiessen lassen, für die deutsche Wirtschaft ein paar Rohstoffdeals abluchsen. Was ihm allem Vernehmen nach auch gelang.

«Immer wieder verunglückten Passagierflugzeuge bei der Landung, rollten ins Vulkangestein hinter der Bahn»

Mein Problem bestand nun darin, dass im Flugzeug des Aussenministers, auf das ich gehofft hatte, keine Plätze mehr für mich und mein Team frei waren. Die einzige brauchbare Landebahn im 1500 Kilometer entfernten ostkongolesischen Minen­gebiet – wohin die Reise aus Kinshasa ging – war damals eine viel zu kurze Piste. Immer wieder verunglückten Passagierflugzeuge bei der Landung, rollten ins Vulkangestein hinter der Bahn. Die neue und genügend lange Startbahn sollte genau einen Tag nach unserem Flug eröffnet werden. Eben zur Feier von Steinmeiers Besuch.

Meine etwas fatalistisch veranlagte Produzentin Mascha schrieb deshalb vor Abflug ein Testament, in dem es hiess: «Dass wir diesen Flug nicht überlebt haben, daran ist Aussenminister Steinmeier schuld.» Sie verfügte, dass das Testament im Fall eines tödlichen Crashs der deutschen Regierung zur Kenntnis gebracht werden müsse. Natürlich passierte nichts, und so nutzte ich die Chance beim Sommerempfang vor zwei Tagen, dem Bundespräsidenten aus dem Testament meiner Produzentin vorzulesen.

Er lauschte meinem Vortrag und lächelte mir unter seinem weissen Haarschopf zugleich staatsmännisch und kumpelhaft zu, kurz: Gandalf-mässig. Dann entschuldigte er sich und fügte hinzu, dass auch die neue Landebahn unter aller Sau gewesen sei. Vielleicht sogar noch übler als die alte. Was eigentlich erstaunlich sei angesichts des märchenhaften Rohstoff-Reichtums des Kongo. Und so standen wir im Schloss Bellevue, und die EU-Flagge blähte sich still im Abendwind. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 17.06.2017, 23:09 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Weekend-Abo

Unter der Woche Zugang auf das digitale Angebot, am Wochenende die Zeitung im Briefkasten. Jetzt testen.

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss Mit Selbstliebe an die Spitze

Blog Mag Achtung, Schnittwunden

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Feuer frei für Feuerwerk: Wenn die Griechen auf Hydra die Seeschlacht gegen die Türken vom 29. August 1824 nachspielen, versinkt die türkische Flotte mit viel Schall und Rauch im Meer (24. Juni 2017).
(Bild: Alkis Konstantinidis) Mehr...