Terroristen-Freund wollte Asyl in der Schweiz

Bilal A., Islamist und Vertrauter von Berlin-Attentäter Amri, narrte die Behörden

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Die Schweiz gerät zunehmend in den Sog der Ermittlungen zum Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz vom 19. Dezember. Neue Dokumente belegen, dass auch der Verbindungsmann des Weihnachtsmarkt-Attentäters Anis Amri, 24, Spuren in der Schweiz hinterlassen hat.

Beim Verbindungsmann handelt es sich um Bilal A., einen 26-jährigen Islamisten aus Tunesien. Mit ihm hat Amri am Vorabend des Anschlags in einem Berliner Lokal gegessen – die beiden unterhielten sich intensiv. Es ist möglich, dass Bilal A. wusste, was Amri vorhatte, und sogar bei der Planung mitwirkte.

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Der Amri-Freund ist auch in der Schweiz fichiert, wie Recherchen jetzt zeigen. Am 14. Oktober 2014 ersuchte er hier um Asyl, seine Fingerabdrücke wurden in die europäische Datenbank Eurodac eingespeist. Doch nur zehn Tage später nahm er seinen Antrag zurück. Was er dann machte, wissen die Behörden nicht. Es sei kein Nachweis seines Aufenthalts mehr möglich. Das geht aus einem Briefwechsel zwischen dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sowie dem Landeskriminalamt Berlin hervor. Die deutschen Amtsstellen hatten im Zug eines Dublin-Verfahrens Informationen aus der Schweiz eingeholt.

Erst ab dem 17. Juli 2015 gibt es wieder eine Spur: Dann reiste Bilal A. nach Deutschland ein.

Wegen Sozialbetrugs in Berlin in Haft

Der Mann ist ein Meister der Täuschung, der die Behörden immer wieder an der Nase herumführte. Mindestens drei Tarnidentitäten nutzte er in der Schweiz. Sie lauten Fathisalah Rajb Meheni, Fathi Mheni und Fathi Meheni. Bilal A. gab jeweils an, in Libyen geboren zu sein.

In Deutschland trickste er noch dreister, führte zusätzlich 15 Aliasnamen. Bilal A. änderte Alter, Herkunftsstaat und Geburtsort, wie es ihm passte. Unter verschiedenen Namen reichte er immer wieder neue Asylgesuche ein und bezog so aus mehreren deutschen Bundesländern gleichzeitig Sozialhilfe. Zurzeit sitzt er wegen Sozial­betrugs in Berlin in Haft.

Als Libyer bessere Chancen auf Asyl

Für den Gebrauch von Bilal A.s Tarnnamen in der Schweiz gibt es nur eine stichhaltige These. Vermutlich tauchte er nach dem Rückzug des Asylgesuchs unter und wurde dann später bei einer Kontrolle erneut behördlich erfasst –sei es wegen eines Delikts oder wegen illegalen Aufenthalts. Bei der Befragung gab er einen erfundenen Namen an – dies führte zum Zusatzeintrag. Dass drei ähnlich lautende libysche Namen existieren, muss nicht heissen, dass Bilal A. dreimal erfasst wurde. Bereits ein kleiner Schreibfehler kann im zentralen Migrationsinformationssystem der Schweiz zu einem ­neuen Alias-Namen führen.

Bilal A. wusste wohl, dass er als Libyer bessere Chancen hatte, in der Schweiz bleiben zu können, weil zwischen den Ländern kein Rückübernahmeabkommen besteht. Mit Tunesien gibt es eine Migrationspartnerschaft, die Zwangsausschaffungen erlaubt.

Handy und SIM-Karte aus der Schweiz

Doch was machte Bilal A. hier? Wo ersuchte er um Asyl? Traf er Amri in der Schweiz? Die Behörden mauern, schieben den Datenschutz vor. Eine Stellungnahme des Bundesamts für Polizei und des Staatssekretariats für Migration enthält nur Allgemeinplätze.

Dabei gibt es nach Amris Lastwagen-Terrorfahrt in Berlin mit 11 Toten und 55 Verletzten immer mehr Berührungspunkte zur Schweiz. Amri war sicher einmal im Land, und einmal wurde er auf dem Weg zu einer Hochzeit in der Schweiz an der Grenze verhaftet. Auch die Tatwaffe, eine Erma-Pistole, mit der Amri den polnischen Lastwagenfahrer erschoss, stammt aus der Schweiz. Sie wurde in den 90er-Jahren importiert. Wie Amri an die Waffe kam, ist nicht bekannt. Auch das Handy und die SIM-Karte des Berlin-Attentäters sollen in der Schweiz gekauft worden sein. Das meldeten «Die Welt» und «10 vor 10» am Freitag.

Bilder vom Tatort auf Bilals Handy

Das Asylgesuch des mutmasslichen Amri-Komplizen ist nun ein neues Puzzleteil im Terrorkomplex. Wie nah sich die zwei Tunesier standen, berichtete gestern die «Süddeutsche Zeitung» mit Berufung auf Ermittlerkreise. So sagte Bilal A., früher habe er von Amri günstig Haschisch und Kokain erhalten. Aber er habe nichts gewusst von dessen Attentatsplänen, erst mit dem Bekennervideo zur Jihadisten-Miliz IS seines Freundes sei für ihn alles klar geworden. Die Ermittler fanden auf dem Handy von Bilal A. auch Bilder und Videos vom Anschlagsort, dem Breitscheidplatz im Berliner Viertel Charlottenburg. Der Islamist sagte, er habe die Fotos und Videos nicht selber gemacht, sie seien ihm zugeschickt worden. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 28.01.2017, 23:04 Uhr

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