Zeit der Monster

Nach Trump und Erdogan droht jetzt auch Le Pen.

Marine Le Pen. Foto: AP/Key

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Letzte Woche hat Orban im Eilverfahren ein Gesetz namens «Lex CEU» erlassen. Das Gesetz ermöglicht es, die regierungskritische Central European University (CEU) zu schliessen. Das Ganze sei, meinen einige Kommentatoren, ein Versuch, Trumps Aufmerksamkeit zu erregen, denn die CEU wird von den USA finanziert. Trump jedenfalls wird das Notstandsgesetz Orbans schon rein ästhetisch gefallen. Denn es ist schwierig, mit legalen Mitteln näher an eine Bücherverbrennung heranzukommen als mit der Lex CEU.

Während ich das schreibe, komme ich mir fast kleinlich vor: Es ist das übliche Lamentieren im plüschigen Salon der Tatenlosigkeit. Vor 15 Jahren haben wir Intellektuellen übers Rauchverbot oder die Privatisierung des Bildungssektors gejammert, heute sind es Orban, Trump und ihre verlogene Schreckensherrschaft. Das Mütchen kann man dann bei einer Didier-Eribon-Lesung kühlen, dem in der Schweiz mit der üblichen 10-jährigen Verspätung «entdeckten» französischen Soziologen, der uns erklärt, ­warum die Arbeiterklasse seit einer Generation Le Pen oder eben Trump wählt.

Wie konnten wir unsere Welt der Herz- und Gewissenlosigkeit dieser Typen überlassen?

Aber was ist noch erklärbar daran? Schaue ich in die toten Altmänner-Gesichter unserer Führer, überkommt mich eine philosophische Verwunderung: Wie konnten wir unsere Welt der Herz- und Gewissenlosigkeit dieser Typen überlassen? Dabei ist man sich als Zeitgenosse alles Mögliche und auch Unmögliche gewohnt. Kürzlich zum Beispiel wurden zwei Bekannte von mir, UNO-Experten für Waffenschmuggel, im Ostkongo ermordet. Eine der beiden, sie hiess Zaida Catalan, hat man enthauptet. Aber wen ­interessiert heute noch eine kopflose Leiche? Oder der Aufruf der UNO, dass in Ostafrika die grösste Hungersnot der Geschichte bevorsteht? Oder die unter den Augen des Westens vergasten Kinder von Khan Sheikh­oun? Wie ein im Geschützdonner verrückt gewordenes Pferd irrt die Weltgemeinschaft über die Schlachtfelder dieser Erde, längst selbst kopflos geworden.

«Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster», charakterisierte der italienische Philosoph Antonio Gramsci vor 90 Jahren die Zeit des heraufkommenden Faschismus. Auch heute wieder werden wir von Monstern regiert, von verschlagenen, wahnsinnigen Männern – und in ein paar Wochen ist vielleicht auch eine Frau darunter: Marine Le Pen. Wir haben unsere Orientierung verloren und unser Feingefühl, und nur aus Herzenslahmheit tun wir so, als würden wir irgendwie heil aus der Sache wieder rauskommen. Aber was soll denn nach der Schliessung von Universitäten noch kommen? Nach der Vergasung von Kindern? Es gibt Momente, meine Lieben, Augenblicke in der Geschichte, in denen es um alles geht. Und in einem solchen Moment leben wir.

Bin ich jetzt zu pathetisch geworden? Habe ich gar die Nazikeule geschwungen? Aber das ist ja erst der Anfang. Denn dieser Winter unseres Missvergnügens wird, so fürchte ich, bald schon in einen Sommer der ­Verzweiflung münden. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.04.2017, 23:13 Uhr

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