Bergbahnen hängen in den Seilen

Das Wintersportgeschäft leidet – zwei Drittel der Betriebe können Investitionen nicht mehr aus eigener Kraft finanzieren.

Weist eine der tiefsten Renditen unter den Schweizer Bergbahnen auf: Rinerhorn bei Davos GR. Foto: Gian Ehrenzeller/Keystone

Weist eine der tiefsten Renditen unter den Schweizer Bergbahnen auf: Rinerhorn bei Davos GR. Foto: Gian Ehrenzeller/Keystone

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Die gute Nachricht: Endlich liegt in den Schweizer Skigebieten Schnee. Die schlechte: Das wird die Talfahrt der Bergbahnen nicht stoppen. Der Schnee kam zu spät. Das verpasste Geschäft an Weihnachten und Neujahr können auch beste Wetterverhältnisse im Februar nicht mehr wettmachen.

Die Wintersaison 2016/17 verschärft damit die finanzielle Lage vieler Bahnen weiter. Ihnen stand das Wasser schon vorher bis zum Hals. Der Trend zeigt seit Jahren nach unten. Laut einer Branchenanalyse von Bergbahnspezialist Philipp Lütolf, Wirtschaftsprofessor der Hochschule Luzern, haben sich die Ertragslage und die Finanzierung vieler Bergbahnen deutlich verschlechtert.

Im Auftrag der Berner Nebenwertebörse, an der mehr als siebzig Bergbahnen gelistet sind, hat Lütolf 44 Bergbahnfirmen untersucht, die 85 Prozent des Branchenumsatzes ausmachen. Das ­Resultat ist dramatisch: Die Hälfte der Betriebe verlor in den letzten zehn Jahren 15 Prozent an Transporteinnahmen, ein Drittel gar mehr als 20 Prozent. Einen Verlust machen zwar nur wenige Bahnen, aber der Betriebsgewinn fiel bei der Hälfte um mehr als 30 Prozent, bei einem Drittel sogar um mehr als 40 Prozent. Auch die Kapitalrendite hat sich entsprechend verschlechtert.

Top und Flops bei den Bergbahnen Tabelle vergrössern

«Rund zwei Drittel der Betriebe dürften daher künftig Schwierigkeiten haben, sich eigenständig zu finanzieren», sagt Lütolf. Sie könnten nicht einmal mehr die ­Renovationen und den Ersatz veralteter Anlagen aus eigener Kraft zahlen – geschweige denn Qualitätssteigerungen. Nicht nur die ungünstige Witterung und der fehlende Schnee in den letzten zwei Wintersaisons, sondern auch der starke Franken haben den Wintersportbahnen zugesetzt. Über die ganze Schweiz betrachtet, war die letzte wirklich gute Wintersaison 2008/09, als der Euro zum Franken noch bei 1.60 stand.

Seit damals haben die Schweizer Skigebiete rund 25 Prozent ihrer Gäste verloren. In Österreich und in Frankreich hingegen läuft das Geschäft mit dem Schneesport deutlich besser. Österreich gewinnt deutsche und holländische Gäste zulasten der Schweiz.

«Die Luft im Wintersportgeschäft wird immer dünner», sagt Lütolf. Ueli Stückelberger, Direktor des Branchenverbandes Seilbahnen Schweiz, zeigt sich alarmiert: «Die Lage ist dramatisch. Viele Bahnen kämpfen am Limit.» Zumal sich das Konsumverhalten ändert: Die Aufenthaltsdauer der Gäste wird kürzer, was zu einer noch stärkeren Abhängigkeit von Wetter und Schneelage führt.

Ausflugsbahnen sind Gewinner

Die rückläufigen Einnahmen im Wintersport haben den Wett­bewerb zwischen den Bahnen verschärft. Die Branche befindet sich daher in einem Verteilungskampf, in dem es Marktanteile auf Kosten der Konkurrenz zu gewinnen gilt. Eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entsteht: Betriebe mit Fokus auf das Wintersportgeschäft und vorwiegend europäische Gäste sind die Verlierer, während die auf das Ausflugsgeschäft, Sommerangebote und Überseegäste spezialisierten Bahnen profitieren.

Titlis, Pilatus, Jungfrau, Stanserhorn – heute belegen ausnahmslos Ausflugsbergbahnen die vordersten Plätze bei der Rentabilität. Noch vor zehn Jahren waren drei Wintersportbahnen unter den Top 4. Heute schaffen es Davos-Klosters und Samnaun nicht einmal mehr unter die besten zehn. Nur Zermatt konnte sich dem negativen Trend weitestgehend entziehen, dank dem Matterhorn und der hohen Schneesicherheit.

Schweiz wird abgehängt Grafik vergrössern

Guter Schnee alleine ist jedoch kein Garant für wirtschaftlichen Erfolg. Das zeigt die deutlich negative Entwicklung der ebenfalls hoch gelegenen Skiorte Saas-Fee und St. Moritz. Ihre Rendite, gemessen am Cashflow in Prozent der Anschaffungswerte, liegt im Fünfjahresdurchschnitt nur noch bei 2,8 beziehungsweise 2,6 Prozent. Mindestens 3 Prozent müssten es sein, um die nötigen Ersatzinvestitionen mit eigenen Mitteln finanzieren zu können.

Saas-Fee und St. Moritz sind mit ihrer ungenügenden Rendite nicht allein. Gegenüber einer Auswertung von vor vier Jahren habe sich das Gesamtbild deutlich verschlechtert, sagt Lütolf. Die Gegenmassnahme wäre eigentlich die Schliessung überzähliger Bergbahnen. Dies kann jedoch fast nirgends beobachtet werden. Im Gegenteil: Die meisten Orte haben in den letzten Jahren versucht, mit Investitionen Gäste zu gewinnen oder wenigstens den Rückgang zu stoppen. Bis jetzt grösstenteils ohne Erfolg, was die Finanzlage deutlich verschlechtert. Einzige Ausnahme ist Gstaad, wo 2019 die Gondelbahn Rellerli abgebaut werden soll.

Künftig weniger Skigebiete

Zu einem grösseren Bergbahnensterben werde es trotz der schlechten Lage vieler Betriebe nicht kommen, glaubt Verbandsdirektor Ueli Stückelberger. «Da Bergbahnen in der Regel ein ganz wichtiger Magnet für den Tourismus einer Destination sind, werden sich die Regionen sehr gut überlegen, ob sie auf diesen Magnet verzichten können.» Stückelberger hofft deshalb, dass Hoteliers, Wirte, Ferienwohnungsbesitzer, die Baubranche und die gesamte lokale Bevölkerung die Bahnen mit Kapitalzuschüssen am Leben erhalten. Oder dass die Gemeinden mit Subventionen, der Gratisabgabe von Boden oder der Übernahme der Beschneiungskosten aushelfen.

Nur in Orten, wo nicht eine ganze Destination von einer Bergbahn abhängt, kann sich Stückelberger vorstellen, dass der Betrieb eingestellt wird. Es werde jedoch künftig weniger Skigebiete geben. Und in gewissen Orten werde das Skifahren auf einen Teil des Gebiets reduziert.

Ein Betrieb, der sich vor fünf Jahren komplett vom teuren, aber verlustbringenden Skigeschäft verabschiedet hat, ist die Luftseilbahn Kronberg in Appenzell-Innerrhoden. Stattdessen vermarktet sie im Winter die längste Schlittelpiste der Ostschweiz, das Wandern und das Schneeschuhlaufen. Mit Erfolg, wie Verwaltungsratspräsident Markus Wetter sagt. Die Gästezahl sei nun im Winter höher als früher, bei verschwindend kleinen Fixkosten. «Für uns ist das aufgegangen.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.01.2017, 08:15 Uhr

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