Der malende Mundartrocker

Patent-Ochsner-Frontmann Büne Huber malt seit Jahren. Jetzt zeigt er ­erstmals alle seine Bilder.

«Oui, je regrette, Edith»:Büne Huber mit seinem Bild von Edith Piaf. Foto: Marco Zanoni

«Oui, je regrette, Edith»:Büne Huber mit seinem Bild von Edith Piaf. Foto: Marco Zanoni

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Edith Piafs traurige Augen erkennt man sofort. Ihr ikonisches Gesicht ist mit wenigen Strichen hingepinselt. Im Hintergrund läuft blaue Farbe über die Leinwand, was das Gemälde unfertig und doch harmonisch wirken lässt. Genau so ungekünstelt wie ein Patent-Ochsner-Song. Büne Huber betrachtet es und sagt: «In meinen Bildern gebe ich mehr von mir preis als in meinen Songs.»

Zum ersten Mal zeigt Büne Huber eine umfassende Schau seiner Malerei. Der Berner Mundartrocker hat schon immer gemalt und in Interviews auch oft darüber gesprochen, wie seine Bilder seine Musik beeinflussen und umgekehrt, aber erst einmal, 2001, hat man sie gesehen. Und auch nur einen Teil davon. Seither ist viel Neues entstanden: 65 Leinwände stehen in Hubers Atelier herum. Ein Teil davon hängt bald im neuen Erweiterungsbau des Zürcher Landesmuseums.

Von Volksmusik bis Ethnorock

«Oui, je regrette, Edith», steht in wackligen Buchstaben neben dem ebenmässigen Antlitz der legendären Chanteuse. Das Piaf-Bild malte Huber, als seine erste Ehe in die Brüche ging. In der Krise habe er Sachen gesagt, die er heute lieber nicht gesagt haben möchte. In der Malerei könne er seine Reue besser verarbeiten als in seinen Songs. Sie ermögliche tiefere Einblicke, sagt er. Denn: «Beim Malen stehe ich weniger unter Beobachtung.» Patent Ochsner ist eine der beliebtesten Mundartbands der Schweiz. Gleich mit ihrem Debütalbum «Schlachtplatte» und den Hits «Scharlachrot» und «Bälpmoos» schaffte sie 1992 den Durchbruch und gehört seither, zusammen mit Züri West und Polo Hofer, zum überragenden Dreigestirn des Berner Mundartrock. Büne Huber hat auch schon ein Soloalbum veröffentlicht und mit seiner Band Theatererfahrung gesammelt, etwa im Stück «Die schwarze Spinne» in der Gessnerallee in Zürich. Eine grenzüberschreitende Vielfalt zeichnet auch Patent Ochsners Musik aus: Von Volksmusik bis Ethnorock durchzieht diese Lumpenlieder ein einmaliger Charme. Das wird man auch parallel zur Ausstellung wieder feststellen können: Im Innenhof des Landesmuseums findet ein viertägiges Festival statt, an dem nur Patent Ochsner auftritt. Ein Open Air zu Ehren einer Band – ein neuartiges Konzept.

Malen, wo sich einst Hermann Hesse zurückzog

«Ich bin nervös», sagt Büne Huber. Als Musiker sei er es sich gewohnt, dauernd im Rampenlicht zu stehen, aber als Maler sei er völlig ungeschützt. Daumen rauf, Daumen runter? Der 55-Jährige weiss nicht, wie das Publikum reagieren wird. Aber er habe endlich aufhören wollen, seine eigenen Leinwände zu sammeln und im Atelier zu horten. Jetzt spricht er sich selber Mut zu: «Ich bin kein Hosenscheisser.» Die Bilder stehen am Boden, an die Wand gelehnt. Huber hat ein neues Atelier am Stadtrand von Bern bezogen, in einem Patrizierhaus, wo sich einst Hermann Hesse nach gescheiterter Ehe zurückzog. Bei ihm zu Hause, wo er eigentlich am liebsten arbeitet, hat Huber im Moment keine Ruhe. Sein 18-monatiger Sohn hat das Atelier als Arbeitsraum entdeckt. «Keine Sekunde kann ich mich da vertiefen», sagt Huber. Jetzt kommt er hierher in die Abgeschiedenheit. Und lässt sich von seinen Albträumen quälen.

«Scharlachrot» von Patent Ochsner. Video: Youtube

«Dieses Bild hat noch keinen Song.» Büne Huber zeigt auf eine grosse, quadratische Leinwand, die Haifische zeigt und das strenge Gesicht eines alten Mannes. Es ist Hubers toter Grossvater, dessen Geist ihn jeweils heimsuchte, wenn er als kleiner Bub nicht einschlafen konnte. Eine beklemmende Stimmung geht von dem Gemälde aus. Zu krass für einen Patent-Ochsner-Song? «Eher zu intim», sagt Büne Huber. Er finde es als Songschreiber nicht interessant, «den Ranzen aufzureissen und in den Eingeweiden herumzuwühlen». Aber in der Malerei gehe es bei ihm heftig zu und her. Viele private Geschichten kommen hervor. So ist etwa sein nach einem Herzinfarkt halbseitig gelähmter Vater zu sehen. Oder auch einfach Ferien an der ligurischen Küste.

Auch Hofer oder Lindenberg betätigen sich als Maler

Büne Huber lacht immer wieder sein hexenartiges Lausbubenkichern, wenn er seine Malerei erklärt. Als tue er etwas Verbotenes, Heimliches. Als sei er sich doch nicht so sicher, dass er als Rockstar seine zweite grosse Leidenschaft öffentlich zur Schau stellen kann. Dabei ist er nicht der Einzige: Auch Polo Hofer oder Udo Lindenberg betätigen sich als malende Musiker. Und verschaffen sich durchaus Respekt, wenn sie mit ihrem Werk an die Öffentlichkeit treten. Oft entdeckt man in ihren Zeichnungen Aspekte, die in der Musik nur angedeutet sind. Bei Udo Lindenberg etwa den Humor. Bei Büne Huber sieht man etwas anderes: die zukünftigen Patent-Ochsner-Songs. Über ein Dutzend grosser Gemälde steht gestapelt an der Wand. Sie lassen sich zu einem zwanzig Meter langen Leporello aufreihen. Und haben einen direkten Bezug zu Hubers Musik: Die letzten drei Patent-Ochsner-Alben sind in ihnen zu sehen, die Trilogie «Rimini Flashdown» 1 bis 3.

Der liebenswerte Charme der Musik ist zu sehen

Herr Flüeme etwa, die Figur eines alten Mannes, taucht in einem Song auf «Finito Lavoro», dem dritten Album, auf. Er ist schon auf dem ersten Bild zu sehen, das viele Jahre vor dem Erscheinen des Albums entstand. Wie erklärt sich Huber das Phänomen, dass er seine Musik zuerst malt, bevor er sie in Songs übersetzt? «Die Bewegung des Malens bringt andere Gedanken ins Spiel. Einen anderen Flow», sagt er. «Musikalisch weiss ich oft erst Jahre später etwas damit anzufangen.» Hubers Bilder sind also so etwas wie gemalte Demotapes. Der liebenswerte Charme der Musik ist in ihnen zu sehen. Und wer sie anschaut, hört schon ein Stück von den zukünftigen Songs. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.05.2017, 21:17 Uhr

Patent-Ochsner-Festival

An vier Abenden in Folge tritt Patent Ochsner am neuen Open-Air-Festival Unique Moments im Innenhof des Landesmuseums in Zürich auf (7. bis 10. Juni). Es sind 2017 die einzigen Konzerte der Berner Mundartrock-Band. Büne Huber zeigt seine Bilder in einer Ausstellung im Auditorium und baut seine Bildwelten auch in die Bühnenästhetik ein. Dem Publikum erzählt er die Geschichten dahinter.
www.unique-moments.ch

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