Der Dreh ins Glück

Alles wird digital? Von wegen! Vinyl, Dunkelkammer und Buchdruck feiern Auferstehung.

Stetig steigende Verkaufszahlen: Vinyl-Platten. Foto: Getty Images

Stetig steigende Verkaufszahlen: Vinyl-Platten. Foto: Getty Images

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Es lebe das Paradox! Je weiter die Digitalisierung fortschreitet, desto analoger wird es uns ums Herz.

Letztes Jahr wurden etwa in der Schweiz achtmal mehr Schallplatten verkauft als noch vor vier Jahren. Seit drei Jahren gehen die E-Book-Verkäufe in den USA kontinuierlich zurück (in der Schweiz stagnieren sie seit drei Jahren unter 10 Prozent). Geschäfte für Gedrucktes schiessen in hippen Quartieren wie Trendbars aus dem Boden (etwa die Magazin-Buchhandlung Print Matters in Zürich). Die magischen Vorgänge in einer Dunkelkammer ziehen eine wachsende Anzahl junger Fotografen an. Die Digitalisierungspropheten reiben sich die Augen – wars das etwa? Entwickeln wir uns etwa zurück in Richtung Wachsmatrize und Steintafeln? Doch natürlich wäre eine solche Wendung absurd, zu gross sind die praktischen Vorteile der neuen Technologien im Alltag.

«Echte Dinge», die riechen oder verkratzen können

Und doch, «eine neue Welt kreiert neue Bedürfnisse», wie der US-Autor David Sax in seinem Buch «Die Rache des Analogen» feststellt. Seine These: Gerade die jungen Menschen hätten Sehnsucht nach «echten Dingen», die berührbar seien, die riechen, die knittern oder verkratzen könnten. In einer digitalen Welt aufgewachsen, hungerten sie nach einem sinnlicheren Interface mit der Welt, als es der Bildschirm sein könne. Im Verlauf seiner umfassenden Recherche stellt Sax sogar fest, dass, je jünger seine Gesprächspartner seien, desto weniger verliebt zeigten sie sich in digitale Gadgets. Es sind gerade Silicon Valley Kids, die etwa dem altmodischen Notizheft Moleskine einen neuen Geschäftsaufschwung bescheren.

«Keine Technologie stirbt – niemals», postulierte schon vor Jahren der Herausgeber der Zeitschrift «Wired», Kevin Kelly. Das Phänomen geht aber weiter als das: Eine neue technologische Lösung schenkt der alten offensichtlich ein komplett neues, besseres Leben. Oder hat man früher je von Platten gehört, die auf 180-Gramm-Vinyl gepresst waren? Vinyl war einfach Vinyl. Heute ist das ehemalige Massenprodukt aber zu einem Luxusprodukt mutiert, zu einer Boutique-Version seiner selbst. Was sich verändert hat, ist eben nicht die Natur der analogen Objekte oder Prozesse, sondern unsere Einstellung zu ihnen.

«Du hängst an der Nadel, du hängst von ihr ab»

«Vinyl zwingt dich in die Knie», sinniert etwa der Musiker Jack White in einem Interview, «du hängst an der Nadel, du hängst von ihr ab. Du schaust der Platte zu, wie sie sich dreht und dreht. Es ist wie am Lagerfeuer. Hypnotisch.» Der Vergleich mit dem Lagerfeuer offenbart einen weiteren Vorteil des «Echten». Ob es sich um Musik oder Brettspiele handelt, Kommunikation mit anderen Mitgliedern unserer Spezies gehört meistens dazu, und diese macht uns Menschen nun mal ausgeglichener. Da ist das Digitale im Nachteil – Ego-Shooter geht ohne.

Nach und nach gehen wir dazu über, uns die digitale Welt durch ihre «Analogisierung» verdaulicher zu machen. Jüngstes Beispiel davon sind etwa die aus Plastik hergestellten Emoji-Figuren, mit welchen gerade der Grossverteiler Coop eine Sympathiewelle auslöst. Die vom Bildschirm vertrauten Frätzchen als Puppen in der Hand halten zu dürfen, lässt Kindergesichter vor Glück erstrahlen. In die gleiche Kategorie gehören wohl auch die mit Digitalbefehlen wie Ctrl oder Enter bestickten Sofakissen.

Im Film «A Serious Man» der Brüder Coen, der das Leben in den 1960er-Jahren in den USA beschreibt, spielt die analoge Fernsehantenne eine wichtige Rolle. Ständig muss der Protagonist aufs Dach steigen und an sie klopfen, während unten in der Wohnung die Familienmitglieder horchen, ob sich dadurch der Empfang verbessert. In dem Film der Mystiker Coen ist die Antenne eine Gottesmetapher, weil sie Signale «von oben» an die Irdischen leitet. Ein etwas gewagter Vergleich, zugegeben. Und doch zeigt er auf eine sehr hübsche Weise, wie elementar die analoge Technologie die Menschen mit ihrer Welt (und auch ihrem Himmel) verbindet: Es lässt sich nun mal nicht ans Internet klopfen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.04.2017, 22:42 Uhr

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