Der Mann der Selbstmordattentäterin

Wegen Terrorverdachts hat die Bundesanwaltschaft einen Iraker festgenommen. Die Frau des Beschuldigten wollte sich im Libanon in die Luft sprengen.

Fungierte in der Winterthurer An'Nur-Moschee auch als Vorbeter: M., mit weisser Kopfbedeckung auf dem Boden sitzend. Foto: PD

Fungierte in der Winterthurer An'Nur-Moschee auch als Vorbeter: M., mit weisser Kopfbedeckung auf dem Boden sitzend. Foto: PD

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Fatimah A.* ist 28 Jahre alt, stammt aus Syrien und unterrichtet in ihrer Wohnung Mädchen in der Scharia, dem ­islamischen Recht.

Sie lebt in Arsal, einem Städtchen voller syrischer Flüchtlinge, hoch oben in den Bergen Libanons, nahe der syrischen Grenze. Verheiratet ist sie mit einem kurdischen Iraker im Thurgau, einem vorläufig aufgenommenen Flüchtling. Ihr früherer Ehemann soll für die syrische Filiale von al-Qaida gekämpft haben. Dabei fand er den Tod. Später heiratet die Witwe dann den Thurgauer Sozial­hilfeempfänger M.* nach islamischem Recht.

In Arsal fällt A. dem libanesischen Nachrichtendienst auf, weil sie mit ihrem Mobiltelefon Fotos von möglichen Anschlagszielen macht. Anfang Mai kann sie dann noch rechtzeitig gestoppt und verhaftet werden, kurz vor einer Strassensperre der libanesischen Armee in Arsal. Dort wollte sie sich für Allah und den Islamischen Staat in die Luft sprengen.

M. soll seine zweite Ehefrau ermuntert haben

Die Frau landet im Gefängnis und wird verhört. Minutiös verfolgen die Libanesen ihre Telefon- und Internet-Kommunikation zurück, und auch sonst untersuchen sie alles, was sich finden lässt.

Dabei stossen sie auf die Thurgauer Spur: M. soll seine zweite Ehefrau dazu ermuntert haben, den Selbstmordanschlag zu verüben. Und er hat ihr Geld überweisen lassen. Unabhängig von den Ereignissen im Libanon führt die Bundesanwaltschaft schon seit letztem Jahr ein Strafverfahren gegen den 49-jährigen Kurden. Er soll eine kriminelle Organisation unterstützt und gegen das IS-Verbot ­verstossen haben.

Konkret wird ihm vorgeworfen, er habe über mehrere Jahre hinweg Propaganda für den IS verbreitet und Jugendliche im Umfeld der berüchtigten Winterthurer An’Nur-Moschee radikalisiert und für den IS begeistert. Bis die Anschuldigungen bewiesen sind, gilt die Unschuldsvermutung.

M. wechselt seinen Nachnamen und sein Geburtsdatum

Wer aber ist M.? Der Mann stammt aus der irakischen Stadt Kirkuk. Im zarten Alter von etwa 16 Jahren suchen ihm seine Eltern eine gleichaltrige Frau aus, die er dann auch heiratet. Schon ein Jahr später kommt die erste Tochter zur Welt. 1998, als der Irak noch unter der eisernen Faust von Diktator Saddam Hussein leidet, flüchtet das Paar mit seinen inzwischen drei Kindern zuerst in die Türkei und kurze Zeit später in die Schweiz und beantragt Asyl.

M. hat zu dieser Zeit noch einen kurdischen Nachnamen, der auf die Zugehörigkeit zu einem bekannten Stamm im Nordirak hinweist. Diese kurdische Sippe glaubt, dass sich ihre Wurzeln bis zum Enkel des Propheten Mohammed zurückverfolgen lassen. Später wird der vorläufig aufgenommene Flüchtling seinen kurdischen Nachnamen in einen arabischen ändern. Dabei wird auch sein Geburtsdatum korrigiert.

Die Ehefrau findet einen Job als Raumpflegerin

In der Schweiz findet M. keine bezahlte Beschäftigung – zumindest nicht offiziell. Seine Frau wirft ihm später vor, er habe gar keine Lust zu arbeiten, sondern beschäftige sich lieber mit dem Islam. Während die Ehefrau nach zehn Jahren in der Schweiz eine B-Bewilligung erhält, bleibt es für M. bei der F-Bewilligung, dem Status eines vorläufig aufgenommenen Flüchtlings. Das Paar bezieht ­während seiner Zeit im Kanton ­Thurgau etwa 390 000 Franken ­Sozialhilfe.

Dass dieser Betrag nicht noch höher ausfällt, ist der Ehefrau zu verdanken. Sie findet eine Stelle als Raumpflegerin. M. hingegen fällt durch Verkehrsdelikte auf, mehrfach wird ihm der Führerausweis entzogen. Oder er schmuggelt, zu Fuss von Deutschland kommend, mehr als 27 Kilogramm Fleisch über die Grenze, wird ­erwischt und zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.

Seit Januar 2017 lebt das Paar getrennt, nachdem M. angeblich seine Frau geschlagen, gewürgt und mit dem Tod bedroht hat. Deswegen läuft bei der Thurgauer Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren. M. bestreitet die Vorwürfe allerdings vehement. Seit der Trennung wohnt er in einem Thurgauer Asylheim und ist vollumfänglich von der Sozialhilfe abhängig.

Der Moschee-Verein erteilt M. ein Hausverbot

Spätestens mit dem Beginn des ­Syrienkriegs im Jahr 2011 nehmen Leute im Umfeld von M. wahr, wie er sich radikalisiert. Ungefähr zu dieser Zeit besucht er regelmässig den Moschee-Verein es-Selam, eine der drei Moscheen in Wil SG. Von Anfang an habe er sich dort aggressiv und provozierend benommen, erzählt ein Zeuge. Es kommt zu verbalen Auseinandersetzungen, und der Moschee-­Vorstand sucht das Gespräch mit dem Kurden. M. wird mündlich verwarnt.

Doch dann beginnt er offenbar, mit dem IS zu sympathisieren.

Anhänger von Terrororganisationen stellen unter den Schweizer Muslimen eine verschwindend kleine Minderheit dar. Der Moschee-Verein hat die Zivilcourage, M. ein Hausverbot zu erteilen. «Die Sicherheit der Bürger und der Moschee-Besucher sind ein wichtiges Anliegen für uns Muslime. Moscheen sind ein Ort des Friedens, der Spiritua­lität und der Zusammenkunft und nicht von Hass und Radikalisierung. Jeder ist verpflichtet, zur öffentlichen Sicherheit beizutragen», begründet der Moscheeverein seinen Schritt in einem E-Mail.

M. wechselt die Moschee, fährt nach Winterthur

Der mutige Vorstand lässt es damit aber nicht bewenden. Er informiert die Behörden der Stadt Wil und die Polizei. Doch die Vertreter des Staats unternehmen nichts, zumindest nichts, was für die Öffentlichkeit sichtbar wäre. M. agitiert weiter wie bisher, nur wechselt er jetzt das Gotteshaus.

Mit dem dunklen BMW seines Sohns fährt M. die rund 20 Mi­nuten von seinem Wohnort zur berüchtigten An’Nur-Moschee in Winterthur. Er trägt ein Hemd, das bis zu den Knien reicht, und Pluderhosen, wie sie in Afghanistan und Pakistan üblich sind. ­Seine Kleider sind schwarz und sehen aus wie jene der IS-Terroristen in Syrien und im Irak.

Der deutsche Journalist und Terrorismusexperten Shams Ul-Haq, der 2016 monatelang verdeckt in Schweizer Moscheen recherchiert und dabei auch M. in Winterthur kennen gelernt hat, sagt, dass der radikale Kurde eine Zeit lang zum An’Nur-Vorstand gehörte.Manchmal darf er auch als Vorbeter fungieren, wie andere Quellen berichten. So sagt der Aushilfsimam in einem Bittgebet zum Beispiel Folgendes: «Du bist unser Herr, so gib uns den Sieg über die Ungläubigen (…) und erniedrige die Polytheisten, vernichte die Feinde der Religion und hilf den dich anbetenden Jihadisten überall, oh Herr der Welten.»

Die Polizei findet Datenträger und sieben Handys

Auch wenn die Bundesanwaltschaft zum Fall nicht Stellung nehmen will, verdächtigen Insider M., er habe Jugendliche für den IS anwerben wollen. Bei einem der Jugendlichen handle es sich um einen italienischen Konvertiten und Bauarbeiter mit psychischen Problemen, der dann seinerseits zwei junge Besucher der An’Nur-Moschee radikalisiert habe. Ausserdem soll der Konvertit noch von mindestens einem anderen, etwas älteren Moschee-Gänger indoktriniert worden sein. Das alles wirkt wie eine Kaskade von Radikalisierungen.

Mindestens sieben regelmässige Besucher der An’Nur-Moschee sind ins syrisch-irakische Kriegsgebiet gereist, um sich dem IS anzuschliessen, unter ihnen auch der junge Hajan D., den M. gut kannte. Wie dieser stammt auch der inzwischen in Syrien ums Leben gekommene Jihadist aus dem kurdischen Norden des Iraks.

Trotz aller Warnungen lassen die Behörden M. gewähren. Es ist die Anzeige seiner Ehefrau wegen häuslicher Gewalt und Verstosses gegen die von den Behörden verhängte Kontaktsperre, die schliesslich im März 2017 endlich zu einer Aktion führt. Die Thurgauer Polizei durchsucht das kleine Zimmer der Asylunterkunft, in dem der Sozialhilfebezüger wohnt. Dabei finden die Beamten neben Kameras und Datenträgern sieben Mobiltelefone. Ausserdem hat M. einen iPod im Kühlschrank versteckt. Wochen später lässt die Bundesanwaltschaft den mutmasslichen IS-Anhänger festnehmen und in Untersuchungshaft stecken. Der Anwalt von M. will zu den Vorwürfen keine Stellung nehmen.

* Name der Redaktion bekannt (SonntagsZeitung)

Erstellt: 09.07.2017, 07:23 Uhr

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