Der Physiker als Nerd

Die Hitserie «The Big Bang Theory» zeichnet ein realistisches Bild des Wissenschaftlers – wenigstens fast.

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Offensichtlich macht «The Big Bang Theory» einiges richtig. Die US-Sitcom ist ein Quotenrenner und hat reihenweise Preise abgeräumt. Der Inhalt dreht sich um die Teilchenphysiker und WG-Kollegen Dr. Dr. Sheldon Cooper und Dr. Leonard Hofstadter sowie um deren Freunde, darunter der Astrophysiker Dr. Rajesh Koothrappali, der Ingenieur Howard Wolowitz und die Kellnerin Penny.

In einem Artikel in «Physics Today» geht Margaret Weitekamp, Kuratorin des Smithsonian National Air and Space Museum in Washington, der Frage nach, ob «The Big Bang Theory» (TBBT) ein stimmiges Bild von Wissenschaftlern abgibt. In vielen Filmen und Serien ist das sicher nicht der Fall, meist sind dort überhöhte oder irreführende Stereotypen zu sehen: Da ist der Typ des gedankenabwesenden Professors, völlig von seiner Arbeit absorbiert. Es gibt den genialen, aber auch verrückten Wissenschaftler wie Dr. Emmett Brown in «Back to the Future» mit wilder Mähne und irrem Blick. In «Star Trek» besitzt Mr. Spock überlegene analytische Fähigkeiten, ist aber menschlich unnahbar. Einige Filme zelebrieren den Wissenschaftler als Genie mit Makeln, etwa «A Beautiful Mind» über den Mathematiker John Nash, dessen schizophrene Psychose ihn in den Wahn führt. Und nur selten tauchen Wissenschaftlerinnen auf: Meist ist der stereotype Wissenschaftler männlich und zudem weiss.

«The Big Bang Theory», Highlights Staffel 9. Video: Youtube

Macht TBBT das besser? Weitekamp kommt zu einem differenzierten Resultat: Zwar spiele die Sitcom auch mit den eingefahrenen Stereotypen. Diese würden aber unter anderem durch die liebevoll inszenierten Charaktere durchbrochen. Nur in wenigen Aspekten vermittle TBBT ein völlig falsches Bild der Wissenschaft. Die männlichen Protagonisten der Sitcom entsprechen dem Stereotyp des Geek oder Nerd: Sie sind Computerfreaks, sitzen gern an der Spielkonsole, kennen die gängigen Science-Fiction-Serien im Detail und lieben Comics.

Der wohl am stärksten überzeichnete Charakter ist Sheldon. Er repräsentiert den Typ des engstirnigen, sozial unbeholfenen, ungeschickten und wohl auch autistischen theoretischen Physikers. Sheldon interpretiert jede Lebenssituation mit lupenreiner Rationalität. So verlangt er von seinem Mitbewohner Leonard die Unterzeichnung einer absurd detaillierten Mitbewohnervereinbarung. Alles Unerwartete bringt ihn aus dem Konzept. Und er versteht zunächst auch keine Ironie.

Finden sich unter den Physikern überproportional viele Sheldons? «Die gibt es grundsätzlich in jeder Profession», sagt der Teilchenphysiker Rainer Wallny von der ETH Zürich, der TBBT gut kennt. «Umgekehrt erlebt man unter Physikern eine ebenso grosse Bandbreite an Charakteren wie anderswo.» Allerdings könne er sich durchaus vorstellen, dass Personen wie Sheldon in der Physik ein Umfeld fänden, in dem sie sozial weniger herausgefordert würden, aber mit ihrem teils enormen Faktenwissen punkten könnten.

Opfer des «Matilda-Effekts»

Entgegen den gängigen Stereotypen treffen in TBBT Wissenschaftler unterschiedlicher Religionen und Ethnien aufeinander. Howard ist Jude, Rajesh Inder. Das reflektiert die Tatsache, dass Forschung in der Regel in einem internationalen Umfeld stattfindet. Zudem sind Frauen mit von der Partie: Sheldons Freundin, die Neurowissenschaftlerin Dr. Amy Farrah Fowler, die Mikrobiologin Dr. Bernadette Rostenkowski und die Physikerin Dr. Leslie Winkle.

Doch sind diese Wissenschaftlerinnen, wie Weitekamp schreibt, ein Opfer des nach der US-amerikanischen Frauenrechtlerin Matilda Joslyn Gage benannten «Matilda-Effekts»: Die Männer tendieren dazu, die Tätigkeit der Frauen abzuwerten oder diese nur als Anhängsel zu betrachten.

Während in vielen Filmen der Einfachheit halber auf Exaktheit verzichtet wird, ist die wissenschaftliche Korrektheit ein zentrales Merkmal von TBBT. So prüft der Astrophysiker David Saltzberg von der University of California in Los Angeles das Filmskript und füllt die oft sichtbaren Tafeln mit korrekten physikalischen Formeln. Die Darstellerin von Amy, Mayim Bialik, ist sogar tatsächlich promovierte Neurowissenschaftlerin und achtet als solche darauf, dass ihr Fachbereich korrekt wiedergegeben wird.

Wiedergabe der akademischen Kultur

Insgesamt gebe TBBT ein bis in wissenschaftliche Teildisziplinen differenziertes Bild der Forschung, schreibt Weitekamp. Falsch liege die Sitcom jedoch bei der Wiedergabe der akademischen Kultur. Als Sheldon auf einer Konferenz einen Fachvortrag hält, bezeichnet er das abschätzig als «Popularisierung» der Wissenschaft. Tatsächlich betrachten Wissenschaftler Konferenzen und Vorträge als essenziellen Teil ihrer professionellen Tätigkeit. Und als am California Institute of Technology eine Professorenstelle frei wird, schleimen sich die Protagonisten bei Mitgliedern des Wahlkomitees ein. «Das ist Unsinn», sagt Wallny. «Um die Neubesetzung einer Stelle kümmert sich ein unabhängiges Komitee.» Zudem vermittelt die Sitcom den Eindruck, das Dasein als Physiker bestehe vorwiegend aus Freizeit. «In Wahrheit kann die Tätigkeit als Nachwuchsforscher sehr fordernd sein», sagt Wallny.

Sheldon Cooper trifft Stephen Hawking. Video: Youtube

Nichtsdestotrotz pflegt die Wissenschaft ein enges Verhältnis zu TBBT. Einige prominente Physiker hatten einen Auftritt, darunter Stephen Hawking und der Astrophysiker und Nobelpreisträger George Smoot. Und wenn man von der Trump-Administration absieht, hat nicht nur das Interesse an TBBT, sondern auch jenes an der Wissenschaft zugenommen. «An der ETH Zürich steigen die Studierendenzahlen in Physik seit Jahren an», sagt Wallny. «Ob ‹The Big Bang Theory› dazu beigetragen hat, weiss ich allerdings nicht.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.03.2017, 22:28 Uhr

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