Die Athener Kur

Die Documenta 14 will den Pflegefall Demokratie mit Kunst heilen.

Sinnbild für die Flüchtlingskrise: Das «Marmorzelt» der kanadischen Künstlerin Rebecca Belmore mit der Akropolis im Hintergrund. Foto: Eirini Vourloumis/«The New York Times»/Redux/laif

Sinnbild für die Flüchtlingskrise: Das «Marmorzelt» der kanadischen Künstlerin Rebecca Belmore mit der Akropolis im Hintergrund. Foto: Eirini Vourloumis/«The New York Times»/Redux/laif

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Als sich am Donnerstag in Athen der Rauchvorhang der Geheimnistuerei endlich verzog und die jüngste Documenta ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit trat, erschien zuerst . . . ein Schuh. Kein eleganter High Heel allerdings, wie an einem Kunstanlass üblich, und auch keine graziöse Ballerina. Eine geschnürte Gesundheitssandale kam zur Vorschein, Farbe schwarz, Marke Borosana.

Der Borosana-Schuh für alle.

In den Sechzigerjahren im sozialistischen Jugoslawien für die Gesundheit der arbeitstätigen Bürgerin entworfen, wurde der Treter durch die serbische Künstlerin Irena Haiduk wieder in die Produktion geschickt. Die Kuratorinnen und Künstlerinnen tragen ihn hier – und bald auch die Besucherinnen, denn man kann ihn im Documenta-Shop kaufen. Der Borosana verkörpert den Geist der vom polnischen Kurator Adam Szymczyk orchestrierten Documenta 14: Solid und unglamourös, entspringt der Schuh einer gleichberechtigten Zusammenarbeit von Ärzten und Arbeiterinnen. Und schaut man genau hin, kann man sogar seinen scheuen Charme entdecken: kecke Ausschnitte an den Zehen und an der Ferse.

Wie ein riesiger Chor in der griechischen Tragödie

Einer ähnlich kargen Ästhetik gehorcht Szymczyks Documenta. Erstmals auf zwei Städte verteilt, will sie vor allem der Gesellschaft nützlich sein, genau wie der Schuh, und wie dieser ist sie auch ein Gemeinschaftsprodukt. Im effektvollen Moment der Pressekonferenz am Donnerstag hebt sich der Vorhang des Konzertsaals Megaron in Athen und gibt den Blick frei – nicht etwa auf den Direktor oder den Bürgermeister, sondern auf das gesamte Documenta-Team, mehr als Hundert Personen, die wie ein riesiger Chor in der griechischen Tragödie auf der Bühne sitzen.

Wie eine Schulausstellung: sympathisch amateurhaft

Als ob das der Dramatik noch nicht genug wäre, führt der Kuratorenchor tatsächlich sogleich ein Musikstück auf, nämlich die «Kontinuum» benannte Passage aus dem 1968 uraufgeführten Orchesterwerk «Epicycle» des griechischen Komponisten Jani Christou, eines Modernisten mit Hang zur Mystik. Mit Räuspern, Füssescharren und Murren in die neutönige Kantate einstimmend, gleichen die Documenta-Macher einem Insektenschwarm. Sechzehn von ihnen halten anschliessend eine Rede. Die Botschaft ist unübersehbar und -hörbar: Man will kein weiterer scheinheiliger Kunst-Mega­event sein, keine Alibiveranstaltung, an der die Reichen Kreuzchen auf die Kunstobjekte malen, die sie später kaufen und samt dem dazugehörigen Künstler in den Salon stellen. Nein, es geht vielmehr darum, wie Szymczyk in seiner Rede festhält, einen gemeinsamen Lernprozess anzustossen, in welchen das Publikum miteinbezogen wird. Und wenn das geschätzte Publikum nicht lernen will, dann soll es bitte sehr das Kunstkonsumieren sein lassen.

Das gesamte Documenta-Team bei der Pressekonferenz vor der Eröffnung. Foto: AFP

Dementsprechend sieht es in den Ausstellungssälen dieser Documenta aus – die sich in den bestehenden Kulturinstitutionen Athens befinden, nämlich im Museum Zeitgenössischer Kunst, hier nur kurz und zischend Emst genannt, im Odeon genannten Musikkonservatorium oder im neuen Gebäude des Benaki-Museums in Piräus. Man begegnet kaum bekannten Namen, und die Installationen wirken ein bisschen wie eine Schulausstellung: sympathisch amateurhaft. Die Werke sind zum Teil einfach nur an die Wand gepinnt, die Saaltexte sind von Hand geschrieben und mit Montageband an die Wand geheftet oder auf dem Boden ausgelegt und mit einem Stein beschwert.

Im Herzen des Museums Zeitgenössischer Kunst, in einer Bierbrauerei, die wegen der Krise nach dem Umbau fast noch nie als Museum betrieben wurde, haben die hier wirkenden Kuratoren (sie sind irgendwie alle für alles zuständig, eine Arbeitstechnik, die sie im internen Documenta-Speak «weben» nennen) zwei riesige Fotoarbeiten der albanisch-englischen Künstlerin Lala Meredith-Vula aufgehängt. Sie zeigen die Versöhnung zweier durch Blutrache mörderisch entzweiten Familien in Kosovo, die einander öffentlich vergeben.

Das gibt es ja auch noch: Griechenlands düstere Lage

«Eine Geste kann für eine Gesellschaft mehr Wirkung haben als alle Rechtsverträge», ermahnt die Kuratorin Monika Szewczyk und wiegt sich wohlig auf ihren Borosana-Sohlen. Die Documenta 14 vertraut auf diese Geste und sucht sie mit der Kunst wiederzubeleben. Wohl darum herrscht in der ganzen Stadt eine emsige Performance-Tätigkeit. Sogar auf dem Philopappos-Hügel westlich der Akropolis, einem beliebten Ausflugsort Athens, hat die kanadische Künstlerin Rebecca Belmore, die dem indigenen Volk der Anishinaabe angehört, ein Flüchtlingszelt aus Marmor aufgestellt, eine symbolische Zuflucht für die Obdachlosen dieses Planeten. Und die Argentinierin Marta Minujin stellt gleich neben der Museumstür ein Fass mit Oliven auf – mit denen könnte doch Griechenland seine Schulden zurückzahlen?

Lala Meredith-Vulas Versöhnungsfoto. Foto: Eirini Vourloumis / «The New York Times»/Redux/laif

Ja, stimmt, das gibt es ja auch noch: Griechenlands düstere Lage. Darum ist man doch eigentlich da, um der Wiege unserer Demokratie solidarisch beizustehen. «Learning from Athen» heisst sogar dieser Teil der Schau. Ganz schön demütig strebt man damit eine Kommunikation auf Augenhöhe an. Dumm nur, dass die Absicht nicht wirklich durchschlägt. Jemand hat in Athen einen Spruch auf die Wände angebracht, der geht so: «Liebe Documenta, ich bin nicht bereit, mich exotisch zu gebärden, nur um dein Kulturkapital zu mehren. Dein Volk.» Es heisst, die griechischen Künstler seien sauer, weil nicht mehr von ihnen bei der Auswahl berücksichtigt worden sind (obwohl es einige griechische Künstler durchaus gibt unter den Ausgestellten, etwa den 65-jährigen Apostolos Georgiou). Szymczyk konnte mit seinem umfangreichen Vorbereitungsprogramm das Unausweichliche nicht verhindern: Was aus Deutschland kommt, empfindet man hier, im wirtschaftlich gedemütigten Land, als eine koloniale Geste.

«Keine gute Tat bleibt je ungestraft», sagt dazu Adam Szymczyk (am Mittwoch der «New York Times» gegenüber). Wenn dieser Spruch bloss nicht querschlägt! Schliesslich soll laut anderen Aussagen des Kurators das Von-Athen-Lernen eine ernsthafte Absicht sein, und nicht etwa eine versteckte milde Gabe. Auch wenn das Lernen, wie der poetisch inspirierte Chefkurator ausführt, vor allem darin bestehen soll, das bisher Gelernte wieder zu verlernen. In Vorfeld der Documenta erzählte Szymczyk, man müsse angesichts der ernsthaften Erkrankung der westlichen Demokratien – Ermüdung, Erstarrung, Populismus – zurück in der Geschichte gehen und die Weichen, die falsch gestellt worden sind, wieder auf Idealismus statt auf Materialismus stellen.

Das Geschenk: «Gift to Athena» des amerikanischen Künstlers Stanley Whitney. Foto: Reuters

Das passiert in Athen, indem man ältere Künstler und Künstlerinnen ausgräbt, die nicht berühmt wurden, weil der Zeitgeist das egoistisch-narzistische Streben stärker belohnte. In diese Kategorie gehört der Grieche Georgiou oder auch der dunkelhäutige US-Maler Stanley Whitney. Den Komponisten Jani Christou mit seiner Vorstellung eines transzendenten Kontinuums – eines gesellschaftlichen Bandes, in das jeder nach Belieben und nach Möglichkeit einstimmen darf, erklärt Szymczyk schon fast zu einem Schutzpatron der Documenta (der Komponist starb 1970 bei einem Autounfall und blieb weitgehend ein Geheimtipp).

Der eindeutige Verlierer heisst Kassel

Es sind auffallend die 1960er-Jahre, die auf die Spuren einer im Ansatz vorhandenen besseren Entwicklung abgeklopft werden. Fast so, als ob die anti-neoliberale Einstellung der Documenta-Macher die gesellschaftliche Befreiung von 1968 für all das in ihren Augen Böse, das sich jetzt offenbart, verantwortlich machen würde. Wörter wie «Würde» oder «Ritual», der 1968 bewegten Jugend ein Sinnbild der Langeweile und Erstarrung, werden hier plötzlich andächtig bewundernd ausgesprochen – als Garanten einer Gesellschaft, in der Schutz und Rücksicht herrscht, anders als auf der Überholspur des Turbokapitalismus.

«Learning from Athen», das heisst für die vielen Kunsttouristen in diesen Eröffnungstagen auch, Athen überhaupt kennen zu lernen – eine coole Stadt, in der das Wohnen noch erschwinglich ist und in der die Wirtschaftskrise eine rasende Beschleunigung aller Vorgänge verhindert, was der Lebensqualität zugute kommt. Künstler jedenfalls lieben Athen – die Stadt sei «das neue Berlin», heisst es, womit etwas Gutes gemeint ist, eine Stadt mit Freiräumen.

Damit wäre aber auch der eindeutige Verlierer der Zweiteilung festgemacht – der eigentliche Austragungsort der Documenta, Kassel. «Wer will schon nach Kassel?», fragte jüngst ein Arte-Journalist, womit er die schlimmste Befürchtung der Stadt in Hessen aussprach und eine gehässige Diskussion auslöste. «Kassel fasziniert» verkündet ein mickriges Plakat des Touristenbüros im Innenhof der monumentalen Athener Konzerthalle Megaron, wo sich die Fachwelt trifft. Die Säulen des erhabenen Gebäudes strecken sich endlos zum blauen Himmel hoch, mit einer Tasse starken südlichen Kaffees in der Hand blinzelt man in die Sonne und fragt die Kasseler Touristiker innerlich – «seriously?».

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.04.2017, 21:22 Uhr

D 14: Geteilte Documenta

Adam Szymczyk, 46, verschreibt der weltgrössten Schau der Zeitgenössischen Kunst eine Teilung auf zwei Städte. Einerseits findet sie in Kassel statt, wo sie seit 1955 alle fünf Jahre zu Hause ist (dort geht es am 10. Juni los), andererseits aber auch in Athen, wo man vorgestern die Eröffnung feierte (beide Ausstellungen bis 17. September). Zur Website

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