Die Besserwisser

Weil die Eltern der Volksschule misstrauen, entstehen in der Schweiz fast im Monatstakt Privatschulen.

Altersdurchmischte Freilernschule: Dandelion in Zürich. Foto: Joseph Khaskhouri

Altersdurchmischte Freilernschule: Dandelion in Zürich. Foto: Joseph Khaskhouri

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Der Rat war kurz und machte aus der Mutter Angela Joerg eine Schulleiterin. «Gründen Sie doch eine eigene Schule, das ist einfacher.» Joerg, unzufrieden mit dem offiziellen Bildungswesen, hatte eigentlich nur vorgehabt, sich mit anderen Eltern zu vernetzen, die ihre Kinder zu Hause unterrichten.

Stattdessen eröffnete Joerg mit Mitsteitern Dandelion, zu Deutsch Löwenzahn. Eine Privatschule in Zürich – mit dem Motto «Vom Leben lernen». Konzept: Die Schüler entscheiden, ob, was und wie sie lernen wollen. Den Unterrichtsplan denken sich nicht Pädagogen aus, sondern die Kinder selbst.

«Gründen Sie doch eine eigene Schule, das ist einfacher.»Schulleiterin

Und so vergehen vom Thema Dachs und seinen Spuren im Schnee, von der Architektur des Römer Kolosseums, dem Vulkanausbruch bei Pompeji bis zum Beschluss, eine eigene Zeitung zu kreieren, gerade mal zwei Stunden. Zwischendurch hangeln sich die Jungs wie Tarzan von einem Fenster zum nächsten oder stapeln Holzklötzchen. Die Lehrmittel sind ein bisschen Montessori aus Holz und ein bisschen Plastik aus China. Haben die Kinder keine Lust, dürfen sie bei Dandelion auch nichts tun.

Etwa 5 Prozent der Schüler in der Schweiz besuchen eine Privatschule, 165 davon gibt es allein im Kanton Zürich, das sind rund 20 Prozent mehr als noch vor ­sieben Jahren. Bei den meisten handelt es sich um internationale oder konfessionell geprägte Schulen, es gibt aber auch alternative mit eigener Methodik.

Lehrplan einhalten ist nebensächlich

Dandelion ist das jüngste Beispiel von altersdurchmischten Freilernschulen, die derzeit fast im Monatstakt entstehen – die meisten aus Eigeninitiative und mit privaten Mitteln von Eltern, deren Misstrauen gegenüber dem Schulsystem so gross ist, dass sie kurzerhand ihre eigene Schule gründen. Die Bewegung, bei der sich die Kinder das Wissen selbst aneignen und die Lehrer in der Extremform nur noch Statisten sind, wirkt wie die Zuspitzung dieser Abkehr von der Volksschule, die früher noch kaum jemand infrage stellte.

Das Interesse daran ist offenbar gross. «Allein in den Tagen nach unserer Eröffnung haben sich drei Personen gemeldet, die auch eine solche Schule gründen wollen», erzählt Angela Joerg. Die bereits etablierte Freilernschule Villa Monte in Galgenen SZ ist mit rund 130 Kindern bis unters Dach gefüllt. Die Eltern finden wie Angela ­Joerg und die Dandelion-Mitgründerin Caroline Gimpel Menzl, ihre Kinder seien im Schulsystem zu viel Druck ausgesetzt und müssten sich einem Lernprogramm unterordnen, das keine Rücksicht auf die individuellen Interessen und Fähigkeiten nehme. «Der Druck fördert weder die Begeisterung noch die ­Freude noch das Lernen. Schlimmstenfalls vergeht den Kindern die Lust am Lernen», sagt Joerg.

«Meiner Meinung nach ist das freie Lernen die beste Frühförderung.»Angela Joerg, Mutter

Eine eigene Schule zu gründen, ist nicht nur erlaubt, sondern auch einfacher als gedacht. Privatschulen müssen sich zwar an den Lehrplan halten und den Anschluss an die Volksschule garantieren – nach der Unterstufe müssen die Kinder etwa schreiben, bis 1000 rechnen oder die Rolle vorwärts auf der Matte können –, und auch eine qualifizierte Lehrperson vor Ort ist Pflicht, aber: «Mit welchen Methoden Privatschulen die Ziele erreichen, liegt in deren Verantwortung», sagt Marion Völger, die das Volksschulamt der Bildungsdirektion des Kantons Zürich leitet.

Selbst wenn das bedeutet, dass die Kinder tun und lassen dürfen, was sie wollen. In der heute so leistungsorientierten Zeit, in der Eltern schon bei ihren Babys die Weichen für eine akademische Zukunft zu stellen versuchen, mutet das besonders weltfremd an. «Meiner Meinung nach ist das freie Lernen die beste Frühförderung», sagt Angela Joerg. Es stärke die Selbstständigkeit und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. «Für mich ist vielmehr fraglich, was vom Wissen, mit dem die Kinder ohne deren Eigeninteresse gefüttert werden, am Ende übrig bleibt.»

Offenbar tatsächlich weniger als gedacht. Studien zeigen, dass nach der obligatorischen Schulzeit nicht einmal 10 Prozent des Wissens übrig bleibt, und bei Pisa-Studien schneidet die Schweiz regelmässig schlecht ab, obwohl sie eines der teuersten Bildungssysteme weltweit hat. Kürzlich etwa stellte sich heraus, dass jeder fünfte 15-Jährige nicht imstande ist, einen Text zu verstehen. Das alles hat Eltern und Bildungsverantwortliche verunsichert und ist mit ein Grund für den aktuellen Überaktionismus an allen Fronten.

1850 Franken Schulgeld für freies Lernen der Kinder

«Welche Schule brauchen wir?», fragt auch das neu erschienene Buch der Berner Journalistin Mireille Guggenbühler, die mit zahlreichen Bildungsexpertinnen und Lehrern gesprochen hat. Viele finden, die klassische Schule hinke der gesellschaftlichen Entwicklung hinterher. Unter anderen Daniel Hunziker, Leiter der Initiative Schulen der Zukunft. Man wisse etwa, dass Siebenjährige Entwicklungsunterschiede von bis zu vier Jahren aufwiesen. Trotzdem: «Seit 150 Jahren sitzen alle Kinder nach Geburtsdatum sortiert in derselben Klasse und lernen dasselbe», wird er im Buch zitiert. Die Lehrpersonen sagten den Kindern, was zu tun sei. Irgendwann wunderten sie sich, dass diese nicht in der Lage seien, selbstständig zu arbeiten.

«Der Druck, in die Privatschule zu gehen, ist trotzdem nicht gross bei uns», findet Etienne ­Bütikofer, der in Bern ein Büro für Bildungsfragen leitet. Es gebe viele öffentliche Schulen, die sehr progressiv arbeiteten. Und Lehrpersonen seien sich oft zu wenig bewusst, wie viele Freiheiten ihnen blieben. Allerdings sei dafür eine Umstellung des Unterrichts nötig, viel Zeit und viel Effort der Lehrpersonen. «Dafür fehlen die Ressourcen öfters.» Einige öffentliche Schulen setzen aber bereits heute teilweise auf selbstbestimmtes Lernen, allerdings wieder mit unerwünschtem Effekt: Besorgte Eltern haben ihre Kinder von der Schule genommen und auf Privatschulen mit konservativ geführtem Unterricht geschickt, weil sie fürchteten, ihre Kinder lernten zu wenig, und die Disziplinlosigkeit sei zu hoch. Auch der Lehrplan 21 ist vielen zu lasch: Sie fürchten, ihren Kindern werde zu wenig Wissen vermittelt. Genau das lassen sich die Eltern der Freilernkinder so viel kosten: 1000 Franken Schulgeld monatlich sind eher die Regel als die Ausnahme, bei Dandelion sind es gar 1850 Franken. Zwar sind die Ferienbetreuung und der Mittagstisch inbegriffen, spätestens ab zwei Kindern aber können sich das nur Gutverdienende leisten.

Lateinisch schreiben wegen der coolen Römer

Nicht nur wegen der fehlenden sozialen Durchmischung ist Elsbeth Stern, Professorin für Lehr- und Lernforschung an der ETH Zürich, skeptisch. «Die Schule sollte den Geist erweitern und Dinge lehren, auf die man selbst nicht kommen würde.» Eine lange Leine sei zwar generell sinnvoll, es sei jedoch kontraproduktiv, den Kindern völlige Freiheit zu geben. «Wir sehnen uns alle nach Einfachheit und sind über­fordert von zu vielen Möglichkeiten.» Je freier die Kinder seien, desto stärker schlüge sich die soziale Herkunft nieder. Kinder, die daheim wenig gefördert würden, würden immer stärker den Anschluss verlieren. Es müsse die Aufgabe der Lehrpersonen sein, die Auswahl zu steuern und einzuschränken.

«Es ist interessant, welche Ängste das freie Lernen bei Erwachsenen auslöst», sagt Angela Joerg, «aber es funktioniert.» Ihr Sohn sei der beste Beweis. Weil er die Römer cool finde, habe er wochenlang nur lateinische Wörter schreiben wollen, bis 100 rechnen lerne er dank Centurios Legionären – projektorientiertes Lernen nennt das Joerg, die früher eine Werbeagentur geleitet hat. Im Kindergarten habe es Niklas überhaupt nicht gefallen. «Ich musste dort immer die Hände waschen und im Kreis sitzen», erzählt der Siebenjährige und perfektioniert mit Holzklötzlein den Nachbau des Römer Kolosseums, das ihm die Lehrerin auf ihrem Smartphone gezeigt hat. «Und ich musste immer singen», ergänzt der achtjährige Luis. Jetzt müssen sie gar nichts mehr, die Lehrerin klinkt sich nur subtil ein.

«Mit welchen Methoden Privatschulen die Ziele erreichen, liegt in deren Verantwortung.» Marion Völger, Leiterin Volksschulamt der Bildungsdirektion des Kantons Zürich

Dass auf diese Weise über­behütete Egoisten herangezüchtet werden, die nur nach dem Lustprinzip handeln, glaubt Joerg nicht. «Die Kinder sind in ein soziales Gefüge eingebunden, in dem sie untereinander Kompromisse aushandeln und sich immer mal unterordnen müssen. Ausserdem bleiben wir die Leitwölfe.» In der Villa Monte hingegen bringen sich die Erwachsenen nur ein, wenn die Kinder es verlangen oder wenn es ums Aufräumen geht. «Das wäre mir zu extrem», sagt Joerg, die versucht, das Beste aus mehreren Konzepten herauszupicken. Werden die Kinder damit nicht zu Versuchskaninchen? «Mag sein, aber motivierte Versuchskaninchen in glücklicher Freilandhaltung.»

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.03.2017, 21:52 Uhr

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