Die wahre Problemzone der Frau ist das Geld

Mütter arbeiten mehrheitlich in tiefen Pensen oder gar nicht, weil sie auf den Mann als Versorger vertrauen. Das rächt sich im Alter – und belastet die Beziehung.

Was einem später an Geldern aus der 2. Säule zusteht, widerspiegelt direkt die Dauer der Erwerbstätigkeit und die Höhe der einbezahlten Beträge. Illustration: Stephan Schmitz

Was einem später an Geldern aus der 2. Säule zusteht, widerspiegelt direkt die Dauer der Erwerbstätigkeit und die Höhe der einbezahlten Beträge. Illustration: Stephan Schmitz

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Anna Hinz* starrte ungläubig auf die Tabelle. Auf die vielen Zahlen. Und vor allem auf die eine kleine Zahl, die grosses Unheil bedeutete: 1200 Franken. So hoch würde ihre Rente aus der zweiten Säule, also der Pensionskasse, einst sein. Sie überschlug im Kopf die Rechnung: Zusammen mit der AHV von geschätzten 1800 Franken ergäbe das einen Betrag von insgesamt 3000 Franken, der ihr im Alter monatlich zur Verfügung steht. Die Anwältin sagte etwas von Existenzminimum und Ergänzungsleistungen. Anna Hinz sagt: «Da hörte ich schon nicht mehr zu.»

Hinz ist 44 und hat eine Biografie, wie sie für Schweizerinnen immer noch typisch ist. Sie lebte das klassische Rollenmodell: Nach der Geburt des ersten Kindes stieg sie aus dem Beruf aus, war dann mehrere Jahre Vollzeitmutter, bis sie wieder in einem 40-Prozent-Pensum zu arbeiten anfing, als der jüngere Sohn fünf Jahre alt war. Dann kam die Scheidung, nach 11 Jahren Ehe. Sie bekam die Hälfte des Pensionskassengut­habens ihres Mannes, er bezahlt für sie und die beiden Kinder Unterhalt.

Empfindliche Reduktion

Reichen wird das Geld trotzdem nicht, wenn sie einst in Rente geht. Nach heutigen Berechnungen wird sie das Existenzminimum von rund 3100 Franken pro Monat unterschreiten und Ergänzungsleistungen beantragen müssen. Denn das schweizerische Vorsorgesystem verzeiht nichts, im Gegenteil: Alles, was während des Erwerbslebens passiert oder eben nicht, schlägt sich darin nieder. Konkret: Was einem später an Geldern aus der zweiten Säule zusteht, widerspiegelt direkt die Dauer der Erwerbstätigkeit und die Höhe der einbezahlten Beträge.

Jedes Jahr, in dem nur wenig oder gar nichts einbezahlt wurde, hat eine empfindliche Reduktion zur Folge. Die AHV ist davon weniger betroffen, aber auch da wird Anna Hinz wegen der Lücken in ihrer Erwerbsbiografie nicht die Maximalrente von 2350 Franken erreichen. Da mit der AHV allein ohnehin niemand mehr auskommen kann, sind die Bezüge aus der zweiten Säule entscheidend dafür, wie komfortabel es sich im Alter leben lässt.

Frauen haben 20'000 Franken weniger als Männer

Und da sieht es für viele Frauen nicht rosig aus: Ihre Renten sind im Schnitt 37 Prozent tiefer als jene der Männer, das entspricht 20'000 Franken pro Jahr weniger. Seniorinnen müssen deshalb mehr als doppelt so häufig wie Senioren Ergänzungsleistungen beantragen. Altersarmut ist weiblich.

Andrea Gisler ist die Anwältin von Anna Hinz und spezialisiert auf Familienrecht. Sie kennt den fassungslosen Blick, wenn sie ihren Klientinnen im Rahmen einer Scheidung das Budget präsentiert. Die wenigsten wissen, dass ihr Ausstieg aus dem Berufsleben oder das drastische Reduzieren des Pensums derart einschneidende Folgen haben würde. Andrea Gisler sagt: «Die meisten Frauen kümmern sich nicht um ihre eigene Vorsorge, übrigens auch Akademikerinnen nicht. Deshalb ist die wahre Problemzone der Frau nicht ihre Figur, sondern das Geld.»

Die Lücke lässt sich nicht mehr schliessen

Angesichts einer Scheidungs­quote von 40 Prozent ist es verblüffend, wie wenige Frauen sich für ihr finanzielles Auskommen verantwortlich fühlen. Immer noch arbeiten 80 Prozent aller Mütter Teilzeit, die Hälfte davon in einem Pensum unter 50 Prozent. Und die meisten davon werden nicht ahnen, dass erst ein Monatseinkommen ab etwa 4000 Franken einen markanten Einfluss auf die gesamte Altersrente hat. Weil erst das Einkommen über 24 675 Franken versichert ist, können Geringverdienerinnen kaum etwas ansparen.

«Viele Frauen haben nach wie vor ein Urvertrauen in den Mann als Versorger», sagt Andreas Borter, Geschäftsführer des Schweizerischen Instituts für Männer- und Geschlechterfragen (SIMG). Dabei hätten immer mehr Männer das Bedürfnis, die Ernährerrolle aufzuteilen, aber: «Gespräche über die Erwerbsbeteiligung der Mütter sind oft schwierig», sagt Borter.

Im Klartext: Es sind die Frauen, die die Wahlfreiheit für sich in Anspruch nehmen und entscheiden, ob sie etwas zum Familien-einkommen beitragen wollen. Kurzfristig beschert ihnen das ein Leben, in dem sie ganz oder oft für die Familie da sein können, langfristig aber ungeahnte finanzielle Probleme: «Ich wusste das alles nicht. Mir hat nie jemand gesagt, dass ich quasi dafür bestraft werden würde, Vollzeitmutter gewesen zu sein», sagt Anna Hinz. Sie wollte deshalb ihr 40-Prozent-Pensum spätestens dann deutlich erhöhen, wenn ihr jüngstes Kind 16 Jahre alt sein würde, also in rund sieben Jahren. Dann wäre sie 51 und hätte bis zur Pensionierung noch genug Zeit, ihre Pensionskasse zu äufnen. Dachte sie.

Bloss: Ein Aufstocken ändert nichts, die einmal entstandene Lücke lässt sich nicht mehr schliessen. Und auch wenn es vor allem jene Frauen betrifft, die in einem Tieflohnsegment tätig sind, können selbst solche mit einem durchschnittlichen oder hohen Einkommen die verlorenen Jahre nicht mehr wettmachen. Sie müssen ebenfalls damit rechnen, mit den Beträgen aus AHV und Pensionskasse das Existenzminimum zu unterschreiten.

Andrea Gisler ist nicht nur Anwältin mit eigener Kanzlei, sondern auch Präsidentin der Frauenzentrale Zürich. Sie hat dort vor einem halben Jahr eine Vorsorgeberatung ins Leben gerufen; für 390 Franken (490 Franken für Nicht-Mitglieder) können sich Frauen von der selbstständigen Vermögensberaterin Silvia Villars aufklären lassen. Villars weiss, wie gering das weibliche Interesse für Vorsorge und Finanzen im Allgemeinen ist: «Frauen beschäftigen sich meist erst dann mit dem Thema, wenn sie an einem Wendepunkt stehen. Konkret beim Tod des Partners oder bei einer Scheidung.» Für die Männer hingegen sei kein Ereignis von aussen nötig. Für sie gehöre es so selbstverständlich dazu, sich beraten zu lassen, «wie das Auto in den Service zu bringen».

Das Thema Rollenverteilung wird kaum besprochen

Der Mann als Versorger – das archaische Bild will trotz Emanzipation nicht verschwinden. Und die Männer rebellieren kaum dagegen, solange der Beziehungshimmel noch voller rosa Wolken hängt. Der Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen will vorbeugen – und bietet ab 2017 im Rahmen der Kampagne «Men­care» Crashkurse für werdende Väter an. Firmen können das Modul für ihre Angestellten buchen. «Die Geburt wird akribisch vorbereitet, aber das eigentlich heisse Thema, die Rollenverteilung und ihre Konsequenzen, wird kaum besprochen in der Schwangerschaft», begründet Männercoach Andreas Borter die Initiative.

Auch die Politik hat das Problem erkannt. 2016 erschien ein umfangreicher Bericht des Bundesamts für Sozialversicherungen, der sich mit dem «Gender Pension Gap» beschäftigt, eben mit der Tatsache, dass Frauen deutlich weniger Rente zur Verfügung steht als Männer. Sabina Littmann, Leiterin Forschung und Evaluation im Bundesamt für Sozialversicherungen, sagt: «Aus der Gleichstellungsperspektive ist die traditionelle Rollenteilung das grösste Hindernis für eine bessere Altersvorsorge von Frauen.»

Die Zahlen bestätigen das: Bei Ledigen ist bezüglich der zweiten Säule kaum ein Unterschied zwischen den Geschlechtern auszumachen, weil jene Frauen für sich selbst sorgen – bei den Verheirateten hingegen, wo fast immer noch das herkömmliche Rollenmodell gelebt wird, ist er am grössten (47 Prozent). Der Bericht hält deshalb fest: «Der Gender Pension Gap wird erst abnehmen, wenn Frauen und Männer sich gleichermassen auf dem Arbeitsmarkt engagieren wollen und können.»

Noch deutlicher wird die Untersuchung der Schweizerischen Konferenz der Gleichstellungsbeauftragten vom Juni 2016: «Es empfiehlt sich, dass der Beschäftigungsgrad von Frauen und Männern während ihrer ganzen Erwerbszeit nicht unter ein Minimum von 70 Prozent fällt.» Der Bericht schliesst mit dem Fazit: «Der Gewinn, der daraus resultiert, Zeit mit den Kindern und für die Familie zu verbringen, geht auf Kosten der Altersvorsorgeleistungen.»

Und auf Kosten der Allgemeinheit, die später für allfällige Ergänzungsleistungen aufkommen muss.


* Name geändert. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 31.12.2016, 22:58 Uhr

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