Es gab nie eine Toleranz f­ür Pädophile, auch nicht in den 80ern

Sex von Lehrern mit Schülern war damals wie heute verboten.

«Befreite Verhältnisse»: Antiautoritärer Kinderladen in Deutschland im Jahr 1970. Foto: Holger Rüdel

«Befreite Verhältnisse»: Antiautoritärer Kinderladen in Deutschland im Jahr 1970. Foto: Holger Rüdel

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Eine dreistere Ausrede für sexuellen Missbrauch von Kindern gab es noch selten. Angeblich soll es in den 70ern und 80ern üblich und toleriert gewesen sein, dass Lehrer ihre Schüler betatschten und so befreiten. Das erzählt der einst hochgelobte Pädagoge Jürg Jegge in Interviews landauf, landab. Ein absoluter Blödsinn. Als Kind dieser Zeit hätte ich das mitbekommen. Im Gegenteil, damals war das Gesetz, was die Sexualität von Jugendlichen betrifft, viel strenger als heute. Das Schutzalter galt strikt, und Sex von Lehrern mit Schülern war damals genauso verboten wie heute. Das Einzige, das geändert hat, ist die Bereitschaft der Opfer, öffentlich auszusagen, weil man Autoritäten wie Lehrer oder auch Priester nicht mehr heilighält, sondern kritisch hinterfragt. Genau das haben wir der Reformbewegung von 1968 zu verdanken.

Das musste auch erst einmal die katholische Kirche merken, in deren Erziehungsheimen lange über das Thema geschwiegen wurde. Seit Mitte der 90er-Jahre muss sie Skandal um Skandal eingestehen. Erst versuchte man zu vertuschen, dann zu verharmlosen – und vor allem versuchte man, den Skandal möglichst intern zu halten. Erst heute scheint es so, dass sich die Kirche der Verantwortung bewusst ist.

«Wer zuschaut und schweigt, der wird zu einem Mittäter.»

Dass es unter den 68ern ebenfalls einige gab, die unter dem Deckmantel ihrer Ideologie der freien Liebe ihre pädophilen Neigungen ausleben wollten, das kam erst in den Nullerjahren richtig ans Licht. Und was erschreckt: Die Mechanismen der angeblich aufgeklärten, befreiten Menschen funktionieren genau gleich wie bei der katholischen Kirche. Die Täter haben ein erstaunlich grosses Umfeld, das sie unglaublich lange deckt. Ein Umfeld, das wegschaut und die Verdienste ihres Idols nicht schmälern will. Damit machen sich die Mitwisser aber auch zu Mittätern, auch wenn sie natürlich das eigene Kind nie auf ­Jegges Schoss setzen würden. Genau so wie das eine ehemalige Mitarbeiterin Jegges unserer Reporterin Chris Winteler erzählt hat.

Einmalig am Fall Jegge ist eigentlich nur, dass er sich als Täter nach seiner Tat hinstellt und in all den Interviews kein bisschen reuig zeigt, sondern sich noch immer rechtfertigt. Im Sinne der Opfer bleibt nur noch zu hoffen, dass der Kanton Zürich die Geschichte wirklich aufarbeitet und die Ergebnisse der Recherchen veröffentlicht, selbst dann, wenn Jegge wegen der Verjährung juristisch wahrscheinlich nicht mehr viel passieren kann. Öffentlich rechtfertigen soll er sich wenigstens müssen, und es soll auch bekannt werden, wie viele Opfer es gab. Das ist das Mindeste, das er ihnen schuldet.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.04.2017, 23:31 Uhr

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