Frau Frei zieht aufs Land

Redaktorin Martina Frei hat sich den Traum vom eigenen kleinen Bauernhof erfüllt: Sie nimmt es mit ungiftigem Unkraut, Wassereinbrüchen und der Marder-Party über ihrem Schlafzimmer auf.

Seit meinem siebten Lebensjahr hatte ich mir einen kleinen ­Bauernhof gewünscht. Foto: Basil Stücheli

Seit meinem siebten Lebensjahr hatte ich mir einen kleinen ­Bauernhof gewünscht. Foto: Basil Stücheli

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Nach all der Arbeit hatte ich mich auf ein paar gemütliche Freitage gefreut. Und jetzt das. Seit gestern Abend schneit es, feine Schneekristalle, die der Wind durch alle Ritzen bläst – Ritzen, die ich bis heute gar nicht bemerkt hatte. Am Morgen sind nicht nur meine beiden Pferde irritiert: Es hat auch im Stall geschneit, etliche Quadratmeter Stroh am Boden sind weiss bedeckt.

Ich schaffe garettenweise durchnässtes Stroh hinaus. Stopfe alles Mögliche in die Ritzen und Löcher knapp unter dem Dach – alte Lumpen, ausgediente T-Shirts, kaputte Säcke. Spätnachmittags ist der Pferdestall schliesslich schneedicht. Zeit fürs Frühstück.

Am nächsten Tag setzt der Föhn ein. Tonnen von Schnee schmelzen in Nullkommanichts . An einer Stelle fliesst das Wasser nicht übers Dach ab, sondern bahnt sich ­seinen Weg in den Stall. Ich rase los, hole Eimer und Leiter, wechsle den ­Eimer, bastle notdürftig eine Art Dachkännel, wechsle den Eimer, schleppe Ziegelsteine heran, um dem Kännel ein Gefälle zu geben. Während ich über Kopf hantiere, fliesst das eiskalte Wasser unablässig weiter, in meine Ärmel, am ­Körper hinab bis in die Socken. Nach zwei Stunden funktioniert die improvisierte Umleitung, die durchweichte Einstreu ist auf den Misthaufen befördert und der Stall wieder auf Vordermann gebracht. Ich bin nass bis auf die Haut und friere.

Landleben: Redaktorin Martina Frei auf der Weide mit ihren Pferden. Foto: Basil Stücheli

Danach schiebe ich drei Tage lang die Krise. Was um alles in der Welt hat mich geritten, als ich mich auf dieses Unterfangen eingelassen habe? Ich könnte jetzt in einer warmen Stadtwohnung auf der Couch liegen. Stattdessen stehe ich um halb sechs Uhr auf, um die Pferde zu versorgen, chrampfe den ganzen Tag und kehre abends in eine 14 Grad kalte Wohnung ­zurück, weil ich keine Zeit zum Anfeuern des Holzofens hatte. Das kommt davon, wenn sich der Kindheitstraum erfüllt. Seit meinem siebten Lebensjahr hatte ich mir einen kleinen ­Bauernhof gewünscht. Was das an Arbeit bedeutet, war mir bewusst, denn unsere Familie verbrachte früher viele Wochenenden auf dem Bauernhof von Bekannten. Dort sah ich den Kühen beim Kalben zu, klaubte die Hühnereier aus den Nestern, fuhr auf dem Traktor mit, suchte die jungen Kätzchen im Heu und kletterte auf die Apfelbäume. Ich träumte davon, einmal einen eigenen kleinen Hof zu haben.

Als nächstes Traktorfahrkurs für Frauen

Sollten Sie ähnliche Pläne hegen, lesen Sie bitte erst diesen Artikel. Und wenn Sie sowieso nie aufs Land zügeln wollen, erst recht: Sie können gleich schadenfroh feixen.

Jahrelang hatte ich nach einem Hof Ausschau gehalten, vergeblich. Dann sah ich ein kleines Inserat – Bingo! Ein idyllischer kleiner ­Weiler im Mittelland, rund 30 Häuser, 150 Einwohner, alle sind per Du, dazu ein paar Dutzend Pferde, Kühe, Esel, Schafe, Geissen, Hunde, Katzen, Hühner. Seit gut zwei Jahren wohne nun auch ich hier, mit drei Pferden, zwei Katzen und einem menschlichen Mitbewohner.

Die ersten Mauern auf unserem Gehöft (genau genommen, gehört es der Bank, aber das lassen wir jetzt mal) wurden vor bald 200 Jahren hochgezogen. Eine Hektare Land, viele Obstbäume, Gemüsegarten, Hühnerhaus und ein ausgedienter Kaninchenstall. Sehr hilfsbereite Nachbarn. Rehe, die mit ihren Kitzen fast bis ans Haus kommen. Traumhafte Sonnenuntergänge. Füchse, die beim Einnachten kurz vorbeischauen. Ein glücklicher Ort.

Nach dem Pferdespaziergang: Die dritte Weihnacht auf dem Bauernhof bescherte mir endlich ein paar ruhige Tage. Foto: Basil Stücheli

Ein Ort auch, an dem ich ständig dazulerne. Zum Beispiel das Traktorfahren. Mein Traktor, Baujahr 1969, fährt tadellos – vorausgesetzt, man nimmt die Kurve nicht so eng wie ich und setzt dabei den Anhänger an einem stämmigen Weidepfosten fest. Wir brauchen eine halbe Stunde, um das Gefährt ein paar Zentimeter freizubekommen. Und was mache ich? Fahre den Anhänger gleich nochmal gegen den Pfosten. Diesmal hilft nur die Axt, mit der wir den Pfosten entzweien. «Daran musst du dich gewöhnen», sagt Lukas, der Biobauer ist und mir hilft. «Es gibt Tage in der Landwirtschaft, da passiert einem nur solcher Mist.»

Das Nächste, was ich mache, ist ein Traktorfahrkurs für Frauen, nehme ich mir vor. Doch dazu kommt es nicht. Weil immer etwas anderes ansteht. Zum Beispiel die Frage: Welche Einstreu im Pferdestall? «Holzschnitzel», empfiehlt Pferdehalter Pirmin. «Das wird nicht funktionieren», prophezeit der Strohlieferant. «Probiers», rät Ruedi.

Hunderte von Franken verlocht

Aber welche Holzschnitzel? Mit Rinde oder ohne? Feucht, trocken, Weich- oder Hartholz? «Frisch ab Wald», schlägt ein Nachbar vor. «Auf keinen Fall frische!», warnt Pirmin. Hartholz werde brutal hart, gibt Ruedi zu bedenken. «Weichholz zerbröselt», sagt der Tierarzt.

Ich bestelle 13 Kubikmeter «Weichholzschnitzel ohne Rinde getrocknet» und schaufle sie in den Stall – Resultat: Vermengt mit Pferdeäpfeln verwandeln die Pferde das im Nu in eine Schweinerei. Ich habe Hunderte von Franken verlocht. Abhilfe muss her, schnell. Zum Glück naht das 1.-August-Wochenende. Während die Schweiz feiert, schaufle ich die 13 Kubikmeter Holzschnitzel aus dem Stall hinaus, schleppe 2 Tonnen Split und 7 Tonnen Pflastersteine hinein, mein Mitbewohner befestigt damit den Boden, legt Gummimatten drauf, und zuletzt streuen wir Hanfeinstreu darüber.

Und dann die Heuernte! Drei Freundinnen erklären sich bereit zu helfen. Freundliche Nachbarn, die von der Landwirtschaft mehr verstehen als ich, haben die Wiese gemäht, das Gras geschwadert und das Heu zu Ballen gepresst. Wir vier bringen mit dem Traktor das Pferdefutter für den Winter ein. Aber wie schaffen wir rund 80 Heuballen in die Scheune hoch? Mit vereinten Kräften – zwei schieben von unten, zwei ziehen von oben. Eine ist am Ende so erschöpft, dass sie nur noch auf allen Vieren durch die Scheune kriecht.

Anderntags kommt der Strohlieferant und sieht die schön aufeinander gestapelten Heuballen. «Frische Ballen musst du auf die schmale Seite legen», klärt er mich auf. «Wenn sie auf der breiten Seite liegen, schwitzen sie die Feuchtigkeit nicht richtig aus.» Also packe ich die rund 1,5 Tonnen Heuballen wieder auseinander und staple sie richtig. Das gibt Muskeln.

Keine Gewichtssorgen

Im selben Sommer entdecke ich das giftige Jakobskreuzkraut auf der Pferdeweide. Den ganzen Nachmittag rupfen wir es eiligst aus. Irgendwann, der Sack ist voll, melden sich Zweifel. Ich simse der Tierärztin ein Foto. Weil wir halb im Funkloch wohnen, muss ich erst zu einer Stelle laufen, wo Empfang ist. Eine Stunde später die Antwort: «Das ist etwas völlig Ungiftiges.»

Ums Gewicht jedenfalls brauche ich mir hier keine Sorgen zu machen. Ich habe schon überlegt, die «Bauernhof-Diät» anzubieten. Die Gäste dürften essen, was und so viel sie wollen. Einzige Bedingung: Sie werden zu allen anfallenden Arbeiten herangezogen.

Das Schöne daran ist: Man kommt in einen Flow, verliert sich auf eine angenehme Weise. Lacht über die Katze, die plötzlich halb in der Giesskanne verschwindet, weil sie genau dort trinken will. Hat die besten Ideen, wenn beim Stallmisten die Gedanken schweifen. Freut sich mit den Pferden, die auf der Weide Luftsprünge machen. Sieht den Milan am Himmel seine Kreise ziehen. Verschiebt die ungeliebte Hausarbeit. Werkelt hier, macht dort, kommt vom Hundertsten ins Tausendste, wird nie fertig.

Schlafstörungen kenne ich nicht

«Das musst du noch lernen», hat mir ein befreundeter alter Bauer gesagt, «auch mal alle fünf gerade sein lassen.» Eine schwierige Aufgabe. Denn egal, wohin mein Blick hier schweift, denke ich: «Das sollte ich auch mal anpacken.» Meist aber bleibt nur Zeit für das unmittelbar Anstehende: Kirschernte, Pferdeäpfel von der Weide sammeln, Traubenernte, Hufpflege, Unkraut jäten, mit den Pferden spazieren, Wassertränke putzen, Hasel- und Baumnüsse einsammeln … Zum Glück erhalte ich immer wieder Hilfe von Nachbarn, Familie und anderen guten Geistern.

Schlafstörungen? Kenne ich nicht. Sobald mein Kopf das Kissen berührt, bin ich weg – es sei denn, die Marder veranstalten wieder ihr Remmidemmi, ausgerechnet über dem Schlafzimmer. Nachdem das wochenlang so geht, rufe ich den Jadgaufseher zu Hilfe.

Er leiht mir eine Falle, ich lege ein rohes Ei hinein und warte – bis ein Kollege zu Besuch kommt. So eine Falle habe er auch mal aufgestellt, erinnert er sich. Aber das Einzige, was er gefangen habe, sei die Nachbarskatze gewesen, die mit eingeklemmtem Schwanz darin festsass. Das soll nicht passieren, ich schliesse die Türen der Falle. Erstaunlicherweise scheint sie trotzdem zu wirken. Es herrscht Ruhe – bis der Jagdaufseher die Falle abholt. Kaum ist sie weg, veranstalten die Marder wieder Party. Gut zwei Jahre sind nun vergangen, seit wir hier wohnen. Die erste Weihnacht habe hier ich mit Schnee und Tauwasser gekämpft. Bei der zweiten war eines der Pferde krank und brauchte besondere Pflege. Jetzt, bei der dritten Weihnacht, hatte ich tatsächlich ein paar ruhige Tage – ich kann es selbst kaum fassen. Dazu beigetragen hat auch die neue Heizung, die inzwischen läuft. Sie erspart mir das Heizen mit Holz bis in die späte Nacht. Damit gewinne ich Stunden, die ich auch dafür nütze, um Freunde wiederzusehen. Das kommt leider zu kurz, seit ich hier lebe.

Warum ich mir das alles antue? Weil ich mir trotz allem im Moment kein schöneres Leben vorstellen kann. Das kommt davon, wenn sich der Kindheitstraum erfüllt. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.01.2017, 21:53 Uhr

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