«Ich schlafe schon lange nicht mehr mit Models»

Hans Feurer gehört zu den bekanntesten Modefotografen. Ein Gespräch über die Sinnlichkeit von Frauen, Abenteuerlust und «Scheissideen».

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ihr Name ist den Schweizerinnen und Schweizern wenig geläufig. Hand aufs Herz: Stört Sie das nicht?
Überhaupt nicht. Und es interessiert mich auch nicht. Ich habe ja wirklich fast ausschliesslich im Ausland gearbeitet.

Wo Sie unter anderem eine legendäre Kampagne für das Label Kenzo mit dem Model Iman fotografiert haben und schon jahrelang Modestrecken für Magazine wie «Vogue» oder «Elle» schiessen. Wissen Sie, was man Ihnen in der Branche nachsagt?
Natürlich. In meinem Metier heisst es, der Hans Feurer, Vooorsicht, das ist ein ganz Schwieriger. Ich bin aber einfach nicht diplomatisch, das ist alles.

Wer ist Hans Feurer wirklich?
Ich bin in erster Linie mal kein Künstler. Das ist mir wichtig. Kein Künstler. Einfach ein kunsthandwerklicher Fotograf. Ich habe ein gewisses Talent, das ich gern den Leuten zur Verfügung stelle, wenn mich die Leute im Gegenzug dafür bezahlen. Den Auftrag interpretiere ich aber auf meine eigene Art und nach meinen Massstäben.

Sie bezeichnen sich nicht als Modefotograf? Immerhin haben Sie es doch in der Mode zu Ruhm gebracht.
Ach, ich weiss nicht, was ich bin. Ein Söldner. Solange ein Angebot nicht unmoralisch ist, mache ich alles.

Mit einem passenden Salär kann man Hans Feurer also hinbiegen?
Gar nicht. Geld ist mir nicht wichtig. Ich habe auch keine Reserven. Wenn ich nicht mehr arbeiten täte, müsste ich wahrscheinlich ins Armenhaus. Ich hatte nicht wie andere den Geschäftssinn, Aufträge nur wegen des Geldes anzunehmen, nie.

Welche Angebote sind in Ihren Augen denn unmoralisch?
Ich kann Ihnen ein Beispiel geben. Einmal buchte mich der «Playboy» für eine Fotostrecke in New York. Man schickte mir Businessclass-Tickets für meinen Assistenten und mich. Als ich dort ankam, präsentierte man mir das Konzept: Sie wollten Männer in Anzügen in Kombination mit nackten Frauen auf den Bildern haben. Ich sagte: «Spinnt ihr eigentlich, was ist denn das für eine Scheissidee? Mach ich nicht.» Sie wollten sich aber nicht umstimmen lassen. Also flogen wir auf ihre Kosten wieder zurück in die Schweiz.

Ist Mode nicht an sich ­unmoralisch? Haute Couture etwa, Kleider, die sich nur Superreiche leisten können?
Sicher. Aber wo hört man auf als Modefotograf? Im Januar werde ich in Paris eine Strecke für die erste Ausgabe der arabischen «Vogue» fotografieren. Da habe ich mich auch gefragt: Ist das moralisch richtig?

Und? Würden Sie Frauen im Hijab fotografieren?
Nie im Leben. Ich werde die ­Models in Haute-Couture-Kleidern und draussen, auf der Pariser Place de la Concorde, fotografieren, da habe ich mich bei der Redaktion durchgesetzt.

Sie lichten Frauen gern auf der Strasse und in Bewegung ab, das ist zu Ihrem Markenzeichen geworden. Worin liegt der Reiz dieser Art von Inszenierung?
Ich will Echtheit zeigen, das, was im Jetzt passiert. Ich habe ja auch eine ganz bestimmte Idee von Beleuchtung: Ich arbeite nur mit Naturlicht, auch bei Nachtaufnahmen benutze ich nur das Licht der Schaufenster oder Strassenlampen.

Das macht die Arbeitstage mit Ihnen bestimmt sehr intensiv.
Ja. Oft beginnen sie sehr früh. Denn früh am Morgen und kurz vor Sonnenuntergang ist das Licht ganz besonders magisch. Dann ist die Sonne goldig und wirft lange Schatten. Dieses Spiel von Licht und Schatten fasziniert mich. Ich arbeite übrigens auch bei Regen. In solchen Fällen muss alles schnell gehen. Die Models warten dann jeweils im Trockenen. Erst wenn alles bereit ist, weise ich sie in kurzen Intervallen an, sich vor meiner Linse durch Strassen und Plätze zu bewegen.

Werden Ihre Bilder später nachbearbeitet?
Meine Bilder werden am Computer nicht bis zur totalen Sterilität retuschiert und plastifiziert, so was mache ich nicht. Ich halte mich an eine minimale Retusche. Vielleicht sehen einige Frauen dann weniger perfekt aus – aber eine kleine Sperrigkeit in Gesichtern oder an Körpern machen das, was schön ist, noch viel schöner.

Welche Frauen fotografieren Sie am liebsten?
Die, welche ihren Job mit Energie und Überzeugung machen. Gute Models sind wie gute Schauspielerinnen.

Und wie würden Sie erklären, was Sie als Modefotograf tun?
In der Mode versucht man, Bilder zu machen, die zeigen, wie eine Frau gern sein möchte. Traum­projektionen. Heute ist das aber nicht mehr so inspirierend wie früher. Die Sechziger- und Siebzigerjahre waren viel aufregender. Heute ist man in der Mode nur noch auf Geld und Kommerz fixiert. Sie sehen, ich bin ein wenig zynisch geworden.

Wozu ist die Mode in Ihren Augen da?
Sie steht Frauen zur Verfügung. Männerkleider sind ja weniger interessant. Eine Frau kann, indem sie sich auf eine gewisse Art anzieht, schminkt oder frisiert, in eine selbstbestimmte Rolle schlüpfen. Mode offeriert diese Möglichkeit.

«Da ist etwas Unbändiges in mir. Eine wahnsinnige Liebe zur Natur. Sie bewegt mich tief»

Sie stellen Frauen gern als kämpferische Amazonen dar.
Natürlich. Ich bin Feminist. Ich liebe Frauen, sie sind viel stärker als Männer.

Interessiert Sie Verletzlichkeit denn gar nicht?
Das habe ich nie überlegt . . . nein. Vielleicht habe ich unterbewusst immer gegen die Unterdrückung von Frauen angekämpft. Frauen sind stark, ich denke da unter anderen an meine Mutter. Frauen sind wichtiger als Männer. Männer sind nicht nötig, zum Befruchten schon recht. Frauen gebären, ziehen auf, tragen Verantwortung. Ich habe in meinen Bildern immer lieber Frauen gezeigt, die Kämpferinnen sind, als Frauen, die sich als Lustobjekte im Dienst von Männern sehen.

Es heisst, Sie hätten sich ­ursprünglich für den Beruf entschieden, weil Sie schöne Frauen kennen lernen wollten.
Das stimmt. Das war 1966, und ich befand mich mitten in einer zweijährigen Reise durch Afrika.

Wie kam es zu der Reise?
Schon mit zwanzig arbeitete ich in Paris für die renommierte Werbeagentur J. Walter Thompson, danach zog ich nach London und arbeitete als Art Director mit Leuten wie Helmut Newton. Ich entwarf Kampagnen und Beilagen für grosse Zeitungen. Ich verdiente viel Geld, war ständig an Sitzungen, und andere führten meine Ideen aus. Irgendwann hatte ich genug davon. Ich brauchte Inspiration und Freiheit. Also kündigte ich, kaufte einen Land Rover und schiffte nach Afrika ein.

Wie muss man sich dieses Abenteuer in den ­Sechzigerjahren vorstellen, als noch kaum Touristen nach Afrika reisten?
Ich empfand es als unglaublich ­facettenreich. Ich schlief am ­Feuer, war immer in Bewegung. Aber es war auch gefährlich. Ich musste wegen illegalen Einreisens diverse Male ins Gefängnis und wurde ausgeraubt. In Afrikas einsamen Nächten und schwierigen Situationen dachte ich auf einmal: Das Grösste wäre es, Modefotograf zu sein und mit all den schönen Frauen zu arbeiten.

Also traten Sie ein Jahr später die Heimreise an.
Zurück in London verputzte ich mein letztes Geld für eine Foto­studio-Miete, machte mich an die Arbeit und hatte in zwei Monaten ein Portfolio zusammen. Es ging ab wie eine Rakete. Unter anderem prägte mich damals die Arbeit für das Magazin «Nova», einen Gegenpol zur kommerziellen «Vogue», die im Dienst von Luxusmarken stand. «Nova» stand im Dienst des Volks, von Frauen. Die Models trugen keine Stöckel­schuhe von Chanel, sondern ausgelatschte Turnschuhe. Die «Vogue» ­hasste uns. Und ich war mit Überzeugung dabei.

Haben Sie damals zum ersten Mal fotografiert?
Nein. Ich besass schon als kleiner Bub eine Kamera, das gehörte zu meinem Leben wie Malen und Zeichnen.

Woher stammt Ihre ­Risikofreude, die Abenteuerlust? Auch aus Ihrer Kindheit?
Vielleicht. Mein Grossvater war ­Jäger im Berninagebiet. Ich stand unter seinen Fittichen und war viel in der Natur. Ich bin der älteste von drei Brüdern. Wir sind noch immer eng miteinander verbunden. Unsere Kindheit war hart, aber wunderschön.

Sie hatten Ende Jahr eine Rückenoperation, flogen aber schon kurz darauf nach ­Amerika für drei Aufträge. Rührt diese «Gschaffigkeit» ebenfalls von diesen ersten Jahren her?
Zwangsläufig, ja. Wir hatten das Pech, dass der Vater die Familie verlassen hat, als ich zwölf war. Wir wuchsen in einem Armenquartier in Zürich-Schwamendingen in einer Sozialwohnung auf. Meine Mutter arbeitete von elf Uhr morgens bis nachts um eins. Ich kochte für die Brüder und kümmerte mich um den Zusammenhalt. Mit vierzehn schaffte ich die Aufnahmeprüfung für die Kunstgewerbeschule und bezahlte dafür mit meinem eigenen Geld. Geld, das ich mit Schwarzarbeit in der Nacht verdient hatte.

Unter diesen Umständen hätte man auch auf die schiefe Bahn geraten können.
Bei uns ist das nicht passiert, weil wir gemeinsam mit unserer Mutter kämpften. Ich stellte viele ­fragwürdige Sachen an, aber es ging ums Überleben. Dass wir ­damals lernten, auch in ungewohnten Situationen einen Weg zu ­finden, hat mich aber zu einem freieren Menschen gemacht.

Und zu einer Art Hemingway der Mode.
Da ist etwas Unbändiges in mir. Eine wahnsinnige Liebe zur ­Natur. Sie bewegt mich tief. Eine Sensibilität gegenüber Naturphänomenen hatte ich schon als Kind: Ich erinnere mich an Lichtspiele auf Vorhängen und wie es sich anhörte, wenn eine Biene durchs Fenster flog. So empfinde ich heute noch.

Sie sind jetzt 77 Jahre alt. Gibt es aktuelle Gepflogenheiten, auf die Sie sich nicht mehr einlassen?
Ich hab kein Handy. Virtualität und Computertechnologie töten den Geist ab. Meine Fantasie soll mit der Natur, mit dem Planeten Erde, mit der Wirklichkeit verbunden sein. Mit Sinnlichkeit, nicht mit Elektronik. Ich bin Zenbuddhist. Das zeigt sich auch in meinen Fotos: Ich lasse weg und lasse weg, bis nur noch die Essenz übrig ist.

Wie ist es eigentlich, wenn man als Modefotograf älter wird?
Wenn man ein bisschen bekannter ist, kann man gewisse Dinge einfordern. Und falls Sie auf den sexuellen Aspekt, Teil meiner ­ursprünglichen Motivation, an­spielen: Ja, ich war ein Don Juan. Aber ich schlafe schon lange nicht mehr mit Models. Sexualität war eher ablenkend. Meine Bilder ­können noch immer sexy sein, aber wenn, dann sind sie es nicht mehr auf die gleiche Art.

Das Älterwerden ist in diesem Job also eine Bereicherung?
Auf jeden Fall. Ich weiss, wo ich eine Chance habe, etwas Interessantes zu machen und wo nicht. Ein erfahrener Kunstschreiner weiss auch, mit welchem Holz er überhaupt keine Chance hat, einen Rahmen zu machen. Der beisst sich nicht mehr die Zähne an einem ­falschen Stück Holz aus.

Werden die Erinnerungen an Ihr reiches Leben immer klarer, oder verblassen sie allmählich?
Sie kommen wie Wellen aus der Kindheit zurück. Mit unglaublicher Klarheit.

Worauf sind Sie stolz?
Dass ich immer die Wahrheit sage. Und dass man sich auf mich verlassen kann. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 01.01.2017, 10:39 Uhr

Im Ausland ein Star

Hans Feurer wurde 1939 im Toggenburg geboren und arbeitet seit fast fünfzig Jahren international als Fotograf, etwa für den Pirelli-Kalender oder Magazine wie «Playboy» oder «Vogue».

Feurer inszeniert Models als furchtlose Amazonen, schafft magische Licht- und Schattenspiele, oft vor eindrücklicher Naturkulisse. In der Schweiz blieb er nahezu unbekannt, mit nur vereinzelten Aufträgen für die «Annabelle» und einer Kampagne für Kodak. Hans Feurer lebt heute mit seiner Frau im Zürcher Oberland. Foto: Niklaus Stauss/Keystone

Fotoausstellung

Hans Feurer ist am Samstag, 7. Januar, um 15.30 Uhr am Photo Forum der Werkschau für Schweizer Fotografie, Photo 17, zu Gast. Dort spricht er über sein Leben als Fotograf und seine liebsten Arbeiten.

Artikel zum Thema

Modelabels weigern sich, die First Lady einzukleiden

SonntagsZeitung Die Labels sind im Clinch: Melania Trump einzukleiden, bedeutet Verrat – aber auch viel Geld. Mehr...

Kidman, Cruz, Thurman ungeschminkt

Video Der neue Pirelli-Kalender setzt auf natürliche Schönheit. Mit dabei unter anderem Nicole Kidman, Penelope Cruz und die 71-jährige Helen Mirren. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Blogs

Mamablog 20 Spielideen für den Strand
Blog Mag Essen als Kult
Politblog Barbaren unter uns

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Erinnert an einen Pizzaiolo: Auf riesigen Tellern lässt diese Frau in der chinesischen Provinz Jiangxi Chilischoten, Spargelbohnen und Chrysanthemum-Blüten an der Sonne trocknen. (21. Juli 2017)
Mehr...