«Fabienne Suter wird es packen»

Olympiasiegerin Dominique Gisin fiebert in der heutigen WM-Abfahrt mit ihrer Schwester – und traut den Schweizerinnen viel zu.

Dominique Gisin: «Ich bin ganz glücklich in der Welt, in der ich jetzt bin»

Dominique Gisin: «Ich bin ganz glücklich in der Welt, in der ich jetzt bin» Bild: Reto Oeschger

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Wie nervös sind Sie…
… oh mein Gott…

… wenn Sie bei einer Abfahrt im Ziel stehen und oben am Start Ihre Schwester Michelle steht?
Ich bin mega nervös, 1000 Mal schlimmer nervös als wenn ich selber fahren würde. Ich habe Sie diese Saison ja einige Male bei Abfahrten vor Ort betreut…

… in Val-d’Isère und Zauchensee…
… und in Cortina telefonierten wir täglich. Es ist sehr speziell, weil ich unserer Mum versprochen habe, dass nichts passiert.

War das die Voraussetzung, dass Ihre Mutter die Abfahrts-Starterlaubnis für Michelle gab?
Ja, eigentlich schon. Es kann immer etwas passieren, dem sind wir uns schon bewusst. Aber ich würde es voll auf mich nehmen. Klar wäre ich nicht schuld. Aber ich hätte ein ganz schlechtes Gefühl, würde mir Vorwürfe machen.

Dann soll sich Ihre Schwester anders der Abfahrt nähern als einst Sie selber?
Sehr anders. Vor fünf, sechs Jahren fuhr Michelle an den Schweizer Meisterschaften erstmals die Speedrennen – und war in den Gleiterpassagen sehr schnell. In den technischen weniger, man sah ihr an, dass sie Angst hatte. Ich verstand das auch. Sie war fünfjährig, als ich mich erstmals verletzte. Sie sah bei uns Zuhause dieses Ungetüm von einer Rehamaschine, die nach der Operation das Bein beugt und streckt. Als dann bei Michelle mit 17 oder 18 das Kreuzband riss, kriegte sie eine Krise, weil sie an diese Bewegungsmaschine musste. Die war für sie der Inbegriff von allem Bösen, übertrieben gesagt. Auch meine Mutter belasteten meine Verletzungen.Einmal hörte sie durchs Küchenfenster, wie Michelle draussen Laub rechte und dazu sang: «Meine Mama ist immer so traurig, weil meine Schwester immer verletzt ist.» Darum respektierten wir auch immer, dass sie einen Bogen um die Abfahrt machte, sich auf den Slalom konzentrierte.

«Einmal sang Michelle beim Laub rechen: «Meine Mama ist immer so traurig, weil meine Schwester immer verletzt ist.»Dominique Gisin

Aber dann kamen eben jene Schweizer Meisterschaften.
Danach sagte ich ihr: «Entweder bauen wir das gemeinsam auf, dass es sicher wird und du Spass daran hast. Oder du lässt es ganz bleiben.» Ich nahm sie fortan mit auf die Besichtigungen, etwa bei den SM. Schrittchen für Schrittchen führte ich sie heran.

Weil sie gerne Abfahrten bestreiten wollte.
Ich sagte ihr dann auch: «Mikken, du hast ein Megapotenzial.» Sie hat dieses enorme Gefühl, das man hat oder nicht, egal wie viel man trainiert.

Das Gleitgefühl.
Den Instinkt. Wann in die Hocke, wann sich auch mal von der Linie lösen, und so weiter. Ich sagte ihr auch: «Du musst dir keinen Stress machen. Du hast den Slalom, bist da im Nationalteam. Wenn du in einer Abfahrt Letzte wirst – es schreibt nicht einmal jemand darüber.» Ich war wegen meinen Verletzungen erst sehr spät im Weltcup angekommen. Und hatte deshalb immer das Gefühl, ich müsste mich beweisen, mich voll runterstürzen. Ich fuhr in meinem ersten Training zu einer Weltcupabfahrt Bestzeit. Wie krank ist denn das?! Ich kannte keine Angst. Und stürzte dann auch immer wieder.

Das ist aber auch Charaktersache.
Ein wenig schon. Aber eben auch, weil ich stets spät dran war, weil es immer hiess, es sei meine letzte Chance.

Wie ist Ihre Rolle jetzt?
Ich sehe mich als Sicherheitshaken. Wenn etwas nicht klar ist, kann ich ihr aus Athletensicht sagen, wie sich das anfühlt. Etwas vom Schwierigsten ist es, sich bei der Besichtigung vorzustellen, wie schnell man sein wird. Die Slalomfahrerin hat angesichts der Torabstände rasch das Gefühl, sie hätte viel Zeit. Aber wenn man dann mit 120 Stundenkilometer kommt, ist das was ganz anderes. In Zauchensee zum Beispiel fuhr sie ein super Training. Beim Rennen war dann die Sicht schlecht, sie kriegte Angst. Ich sagte ihr: «Kein Problem, dann bremst du eben.» Das passt, Schrittchen für Schrittchen. Sie fährt in einem Abschnitt Bestzeit, in einem anderen ist sie 35. – total okay.

So defensiv agiert Michelle aber nicht mehr. Bei der Kombinationsabfahrt, als sie die vierte Zeit fuhr, erzählte sie, ganz unten habe sie die «Psycholinie» gewählt.
Vielleicht war da die Wortwahl etwas unglücklich. Wenn sie sich wohl fühlt, traut sie sich auch etwas zu. Es war klassisch, dass sie dort attackierte, wo sie schon in den Trainings schon sehr gut gewesen war. Sie sprach von einer «Psycholinie». Aber ich hatte beim Zuschauen nicht ansatzweise das Gefühl, das wäre riskant. Wen man angreift, ist es meist sicherer.

Die Siegerehrung der Frauen-Kombination mit Wendy Holdener und Michelle Gisin.

Weil man nach vorne geht, nicht aus der Defensive agiert.
Und weil du überzeugt auf dem Ski stehst. Das kannst du nur machen, wenn du dir vorher die Sicherheit geholt hast. Du kannst keinen Dreifachsalto machen, wenn du noch nie einen einfachen gemacht hast.

Haben Sie das Gefühl, dass die Abfahrt Michelles wahre Stärke ist?
Michelle ist eine herausragende Slalomfahrerin. Es gab diese Saison auch in jedem Slalom Abschnitte, wo sie das zeigte. Im Moment passt einfach noch nicht alles zusammen. Ich habe das Gefühl, dass das nur eine Frage der Zeit ist. Wobei: Wer bin ich, die das beurteilen kann. Technisch muss ich ihr da nichts sagen. Ich glaube aber, dass die Abfahrt ihr auch für den Slalom hilft. Wenn Michelle keinen Top-Slalom-Lauf fährt, dann meist, weil sie sehr sauber und rund fährt. Wenn sie fast den Berg hochfährt, vor lauter Konzentration auf die schöne Linie. In der Abfahrt fährt man prinzipiell runter und nicht rüber. Die Grundhaltung hilft, glaube ich.

Sie kennen die grossen Emotionen von Ihrem Olympiasieg. Wie war es im Vergleich, Kombinationssilber der Schwester mitzuerleben?
Ich war fix und foxy, obwohl ich selber keine Kurve gefahren war. Das ist schon ganz anders als wenn du den Weg selber zurückgelegt hast.

Sie und ihre Geschwister Michelle und Marc haben es in den Skiweltcup geschafft, erlebten und erleben alle grosse Hochs und Tiefs. Wie wirkt sich dieser Rucksack an Erfahrungen auf die anderen aus?
Es war nicht immer einfach. Aber die positiven Aspekte überwiegen schon. Es ist eine so grosse Ehre und Freude, das so nah miterleben zu können. Ich schätze mich extrem glücklich, dass ich nach meinem krassen Weg auch noch ein Stück von Michelles Weg miterleben darf. Etwa als sie in Val d’Isère ihr erstes Weltcup-Podest feierte. Oder wie sie am Freitag hier so eine Schneeflocke holte (Anm.: Sie meint die Silbermedaille, welche die Form eines Schneekristalls hat). Jeder von uns weiss auch, was es bedeutet, was sie wirklich geleistet hat.

Sie wurden während Ihrer Karriere neun Mal am Knie operiert. Wie nahe geht Ihnen mit diesen Erfahrungen eine Situation wie der Sturz von Lara Gut, deren Kreuzband beim Einfahren für den Slalom riss? Haben Sie Phantomschmerzen? Sie kennen das ganze Prozedere, das nun für Gut folgen wird.
Es ist ein grausamer Moment, mir tut das so leid für Lara. Ihr wird der Gedanke kommen: «Warum bin ich nicht ein Lauf weniger eingefahren?» Ich hatte das «Glück», dass all meine Verletzungen in Rennen passierten. Das tönt blöd, aber dann macht man sich nie einen Vorwurf, warum man das gemacht hat. Für Lara ist es so bitter, mit der Heim-WM, sie holte Bronze, und hätte noch drei Siegchancen gehabt.

Gehören solche Verletzungen einfach zum Skirennsport?
Sie zeigen vor allem, wie menschlich der Skirennsport noch ist. Gerade auf der Speedseite herrscht enorm viel Respekt unter den Athleten. Mir wurde erst nach meinem Rücktritt bewusst, wie sehr wir uns gegenseitig Platz gelassen haben. Du kanntest jede Macke von jeder. Bei der muss ich zwei Meter Abstand zusätzlich lassen am Start. Jene quasselt ununterbrochen. Und die andere bewegt sich kaum. Ich erlebte Geplänkel über die Medien, oder im Ziel. Aber es kam nie vor, dass eine am Start bewusst eine andere gestört hätte. Jede respektiert die Blase, in der die andere sich drin befindet. Ich glaube, das hat mit den vielen Verletzungen zu tun. Ich erinnere mich gut an meinen ersten Weltcupsieg in Zauchensee. Damals kamen noch die ersten Zehn zur Siegerehrung. Da waren alle grossen Fahrerinnen jener Generation versammelt. Renate Götschl, Anja Pärson, Julia Mancuso, Lucia Recchia, Emily Brydon, Alexandra Meissnitzer. Und ich war die Kleine, die gewonnen hatte. Alle umarmten mich. Ich hatte bei jeder das Gefühl, dass sie es ehrlich meinte. Alle kannten meine Geschichte. Das ist ein Aspekt, der den Skisport die Athleten enorm zusammenkittet.

Bei Ihrem Olympiasieg in Sotschi gehörten Sie nicht zu den grossen Favoritinnen. Nun ist die Situation der Schweizerinnen in der Abfahrt am Sonntag ganz ähnlich. Wie können sie sich das zum Vorteil machen?
Der grosse Vorteil ist, dass du viel weniger Termine rechts und links hast vor dem Rennen. Du kannst dich viel mehr auf dich selber konzentrieren. In Sotschi spürte ich das. Ich war oft für mich, konnte mein Programm machen. Ich stand alleine auf, ass alleine, machte alleine Videoanalyse. Für mich passte das, ich bin ein Typ, der manchmal gerne alleine ist. Aber man muss damit umgehen können. Mit all den Gedanken, die kommen, die man aber nicht alle kontrollieren kann. Bei erfahrenen Athletinnen wie etwa Fabienne werden Gedanken an alle vorherigen Grossanlässe kommen…

… wo sie einer Medaille oft nahe war, aber doch nie erreichte…
… das gehört dazu. Dann kommt der Gedanke: Jetzt ist der Moment, mach es. In Sotschi war der Druck von aussen nicht hoch. Aber von mir: Ich wusste, dass es meine letzte Chance war, und dass es möglich war. Ich hatte lange auf jenes Rennen hingearbeitet. Am Start wusste ich, dass es funktionieren würde. Das war das unangenehmste Gefühl aller Zeiten. Ich war völlig fertig. Ich wusste, dass ich diesen Zustand kaum noch einmal würde erreichen können, mit meiner Geschichte. Das wird für Fabienne ganz ähnlich sein, wir haben einen ähnliche Werdegang gehabt. Aber da muss man durch. Und ich wünsche mir so fest, dass sie das hinbringt.

Medaillenfeier im House of Switzerland nach dem Goldsieg in Sotschi

Was trauen Sie den vier Schweizerinnen zu: Fabienne Suter, die im Training zwei Mal Zweite war?
Für Fabienne ist es nur eine Frage, ob sie den Prozess durchmacht. Sie wird es packen. Wo sie sich klassiert, entscheidet sie alleine.

Jasmine Flury, die positive Überraschung der Saison und der WM-Trainings?
Sie ist endlich wieder jene Jasmine, die ich vor langer Zeit kennen gelernt habe. Im Weltcup war sie anfänglich etwas verloren. Nun ist sie wieder wie einst. Man sieht ihr die Freude am Skifahren an, ich schaue ihr sehr gerne zu. Diese Strecke hat sie im Griff, ich traue ihr eine Sensation zu.

Corinne Suter, der es diese Saison noch nie so richtig lief?
Es wird wichtig sein, dass sie ihre Ruhe wiederfindet. Sich nicht aus dem Konzept bringen lässt von dem, was diese Saison nicht rund lief. Sie muss sich von den Erwartungen befreien, die sie an sich hatte. Alle dachten, jetzt käme das erste Podest. Aber das ist auch nicht tragisch. Sie ist noch jung.

Und Ihre Schwester Michelle?
Mikken… Den unteren Teil hat sie vielleicht besser im Griff als jede andere. Wenn sie das Rezept oben auch findet, dann ist auch bei ihr alles möglich.

«Im Vorfeld war ich kurz davor, anzufragen, ob sie noch eine Vorfahrerin bräuchten.» Dominique Gisin

Sie sind als Expertin des Tessiner Fernsehens an der WM. Kribbelt es in Ihnen, wenn Sie wieder die Nähe des Skizirkus spüren?
Es ist schön, Gast zu sein. Im Vorfeld war ich kurz davor, anzufragen, ob sie noch eine Vorfahrerin bräuchten. Auf den Besichtigungen spürte ich ebenfalls die Lust aufs Rennfahren. Aber es erstaunt mich, dass das Gefühl nicht stärker ist.

Noch mehr Emotionen?
Nein, nein, davon habe ich genug. Mein Weg war gut, wie er war. Ich bin sehr gerne mit Michelle dabei. Aber sonst bin ich ganz glücklich in der Welt, in der ich jetzt bin. Meine Rolle in der Skiwelt habe ich gelebt. Auch wenn ich gerne den Athletinnen mehr mitgeben würde. Aber dafür eine Trainerausbildung machen und dann täglich um 6 Uhr bei minus 30 Grad draussen stehen – da ist mir meine Karriere noch zu nahe im Moment. Aber ich kann mir vorstellen, in den Medien als Expertin künftig mehr zu machen, das schon.

Sie konzentrieren sich weiter auf Ihr Physikstudium. Wie weit sind Sie da?
Ich habe die Basisprüfungen überlebt, das war eine sehr grosse Hürde. Wenn ich das nicht gepackt hätte, wäre ich ausgestiegen. Jenes Jahr zu wiederholen wäre ein zu grosser Aufwand gewesen in meinem Alter. Jetzt habe ich das dritte Semester abgeschlossen. Im Optimalfall fehlen mir nun noch eineinhalb Jahre bis zum Bachelor. Und wenn es ein halbes Jahr länger dauert, weil ich mit Michelle unterwegs war, ist das auch okay. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 12.02.2017, 10:07 Uhr

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