«Lordy» und die nackten Kinder

Das Kollektiv Anonymous hackte mehrere Kinderpornoseiten. Unter den Nutzern waren auch Schweizer – die Bundespolizei ermittelt.

Ermittlungen gegen Kinderpornografie im Darknet sind besonders schwierig.

Ermittlungen gegen Kinderpornografie im Darknet sind besonders schwierig. Bild: Illustration Anne Weick

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Vor seinem Computer, irgendwo in der Westschweiz, fühlt sich der Surfer mit dem Benutzernamen «Lordy» wohl völlig sicher. Am 10. November 2016 um 5.07 Uhr morgens schaut er sich auf einem Internetforum Videos von nackten Kindern an. Im Laufe des ­Tages scrollt er durch Dutzende Beiträge . Ihre Titel: «9-jähriges Mädchen masturbiert» oder «Heisse 11-jährige Russin». Die Seite surft Lordy im Darknet an, dem verborgenen Teil des Internets, zu dem man nur mit einem speziellen Webbrowser Zugriff hat. Dieser ver­hindert, dass die besuchten Seiten oder die Internetprovider ihn über seine IP-Adresse identifizieren können. So schützen sich Pädophile vor der Überwachung durch die Strafverfolgungs­behörden. Auch für Lordy scheint das aufzu­gehen – bis Anfang Februar 2017: Dann gerät er plötzlich ins Visier des berüchtigten Hackerkollektivs Anonymous. Ein Mitglied der Gruppe infiltriert die Firma Freedom Hosting II, die zu diesem Zeitpunkt rund 10 000 Webseiten im Darknet hostet – darunter auch die Pädophilenforen, in denen Lordy aktiv ist. Laut Anonymous finden sich auf den Servern in über der Hälfte der Daten Hinweise auf Kindsmissbrauch. Die ­Hackergruppe ist bekannt dafür, gegen Anbieter von kinderpornografischem Material vorzugehen. Die erbeuteten Datenbanken stellen die Hacker darauf ins Internet. Zwar hat Anonymous alle Videos und Fotos aus der Datenbank gelöscht. Aus den Einträgen ist aber klar ersichtlich, dass es sich um pädokriminelle Aufnahmen handelt.

Tausende von Nutzern: Ausschnitt aus einer Foren-Datenbank (Bild: Screenshot).

Die SonntagsZeitung hat die publizierten Daten analysiert: In den drei grössten Pädophilenforen waren insgesamt über 130 000 Nutzer aus der ganzen Welt angemeldet, die Plattformen waren seit mindestens Sommer 2015 aktiv.

Mehrere Spuren führen in die Schweiz

Dank den Anonymous-Daten lassen sich zum ersten Mal die Aktivitäten der Nutzer eines Pädophilenforums detailliert nachverfolgen: Es ist eine erschütternde Erfahrung. Man erfährt, wer sich welche Bilder anschaut, und liest die begeisterten Kommentare. Einsehbar sind alle Beiträge inklusive Datum und Uhrzeit, private Nachrichten, sogar Angaben zum «bevorzugten Alter» der abgebildeten Minderjährigen. Eine Analyse der Foren zeigt auch: Dutzende Spuren führen in die Schweiz. In 9 Fällen sind die zur Registrierung verwendeten Schweizer E-Mail-Adressen der Nutzer verknüpft mit Konten in sozialen Medien und führen damit zu Namen und Adressen von in der Schweiz wohnhaften Personen. Einige dieser Forennutzer mit Schweizer E-Mail-Adresse hatten sich nur einmalig registriert und waren ­danach nicht mehr aktiv. Andere haben sich zweifellos über längere Zeit Bei­träge mit Nacktbildern und Videos von sexuellen Handlungen mit Minder­jährigen angeschaut. Ob die Besitzer der E-Mail-Adressen sich auch tatsächlich selber in den Foren angemeldet haben, ist unklar. Theoretisch können sie auch von anderen für die Registrierung benutzt worden sein. Nicht alle der neun Schweizer E-Mail-Adressen sind aber im Internet auffindbar. Und eine Überprüfung in einer Datenbank gehackter E-Mail-Adressen hat keine Treffer ergeben. Neben der Nutzungsstatistik ver­raten die Daten auch einiges über das Innenleben der Pädophilen. Lordy zum Beispiel hat ein «bevorzugtes Kindermodell», wie er auf seinem Profil angegeben hat. Am 3. Dezember 2016 um 14.31 Uhr meldet er sich erneut im Forum an und schaut sich gezielt Bilder von «Natasha» an. Laut der Beschreibung ist das Mädchen neun Jahre alt und stammt aus der Ukraine.

«Das zeigt ja, dass die Kleinen schon Sexuelles mögen.»Forennutzer

Dass die Kinder zu diesen Aufnahmen gezwungen werden, dass sie in den Videos leiden, das scheint den Forennutzern egal zu sein. Sie bewegen sich in einer Parallelwelt, in der sie ihr Tun rechtfertigen können. Am Abend dieses 3. Dezember zum Beispiel, kurz vor Mitternacht, taucht ein Eintrag auf über die «Befragungen von Kindern durch die Polizei wegen des Verschickens von Nacktbildern». Ein Forennutzer kommentiert: «Das zeigt ja, dass die Kleinen schon Sexuelles mögen.» Die E-Mail-Adresse, die Lordy nutzt, gehört gemäss unseren Recherchen einem älteren Mann und Familien­vater aus der Westschweiz. Die Adresse war insgesamt fast ein Jahr bei zwei verschiedenen Foren angemeldet.

Cybercrime-Spezialisten ermitteln gegen Forennutzer

Jetzt dürfte sich die Polizei für Lordy ­interessieren. Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) und die Abteilung Cybercrime der Zürcher Kantonspolizei analysieren die Datenbanken ebenfalls. «Wir haben klare Hinweise gefunden, dass es sich um pädokriminelles Material handelt», sagt Fedpol-Sprecherin Cathy ­Maret. Seit der Verschärfung des entsprechenden Artikels des Strafgesetzes Mitte 2014 drohen alleine beim Konsum von verbotener Pornografie drei Jahre Gefängnis. In Grossbritannien haben die Recherchen eines Journalisten der «Sunday Times» in den Anonymous-Daten ebenfalls zu Ermittlungen geführt.

Ob sie unter den Forennutzern bereits Schweizer identifizieren konnten, will das Fedpol mit Verweis auf die laufende Untersuchung nicht sagen. Auch die Recherche-Ergebnisse der SonntagsZeitung kommentiert Sprecherin Maret nicht. Eine zu genaue Beschreibung von Verdächtigen könnte diese dazu bringen, ihre Spuren zu verwischen. Darum ist Lordy nicht der tatsächliche ­Nutzername hinter der Schweizer ­E-Mail-Adresse. Auch die Daten und Zeiten seiner Forumsbesuche sowie die Titel der angeschauten Beiträge sind hier leicht verändert wiedergegeben. Das Forum, in dem sich Lordy hauptsächlich bewegte, war laut der Bundespolizei vor dem Anonymous-Angriff stark besucht. Mit seinen 82 000 Mitgliedern dürfte es eines der grössten ­gewesen sein. Bereits vor zwei Jahren gelang ­Ermittlern ein Schlag gegen eine Pädophilenplattform im Darknet. Das ­Forum «Playpen» mit rund 150 000 Mitgliedern wurde 2015 vom FBI gekapert. Während zwei Wochen liessen die amerikanischen Bundespolizisten die Plattform weiterlaufen und speicherten unterdessen die Daten aller Besucher. Diese Informationen leitete das FBI weiter. Die «Pacifier» («Nuggi») genannte internationale Operation gegen Kinderpornografie hatte in der Schweiz bis im letzten Jahr zu 42 Verhaftungen und Strafverfahren geführt.

Problem: Gestohlene Daten taugen vor Gericht nichts

Im Unterschied zum Fall «Playpen» beruhen die laufenden Untersuchungen aber nicht auf Informationen von ausländischen Strafverfolgungsbehörden. Sondern eben auf gestohlenen Daten, gehackt von Anonymous. Das macht es für die Schweizer Ermittler schwieriger: «Dieses Material ist nicht per se gerichtsverwertbar», erklärt Maret von der Bundespolizei. Die Hinweise auf mutmassliche pädokriminelle Handlungen aus den gestohlenen Daten alleine reichten für die Polizei nicht, um ein Strafverfahren zu eröffnen. «Erst wenn der Verdacht sich erhärtet, kann die Polizei Ermittlungen auslösen.» Dazu kommt, dass Pädophile mobil sind, wie die Ermittler betonen: Wird eine Austauschplattform für Kinderpornografie von den Behörden aufgedeckt, fliehen die Nutzer zum nächsten Forum. So dürften Hunderte oder gar Tausende Playpen-Nutzer auf die von Anonymous gehackten Seiten ausgewichen sein. «Das ist ja hier wie das neue Playpen», schreibt etwa ein Forenmitglied in seinem ersten Beitrag. Im Darknet erschwere zudem die weitgehende Anonymität der ­Nutzer die Ermittlungen, sagt Fedpol-Sprecherin Cathy Maret. «Hinter den Usern stehen aber immer Menschen», betont sie. «Und Menschen machen Fehler.» 25. Januar 2017, 14.34 Uhr: Lordy meldet sich zum letzten Mal im Forum an. Dieses Mal geht es nicht um nackte Mädchen. Lordy liest einen Eintrag über eine geschlossene Gruppe, wo sich die Nutzer mit einem echten Foto vorstellen sollen. «Wir wollen Freunde werden und ein Netzwerk aufbauen», schreibt der Foren-Administrator. «Gesichter sind leichter zu merken als Nutzernamen.» Bedingung dafür: Das Profilfoto beinhaltet kinderpornografisches Material. Wenige Tage später zeigt die Forenseite nur noch folgende Aussage: «Hallo Freedom Hosting II, ihr wurdet gehackt.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.06.2017, 12:06 Uhr

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