Männer ­altern ­anders

Wenn Männer in die Jahre ­kommen, wird häufig das Leben auf den Kopf gestellt. Oder still gelitten, kraftvoll verdrängt, laut geklagt. Erhellende Begegnungen mit ­Männern in einem gewissen Alter.

Nach mehreren Treffen wurden die Gespräche vertrauter: Stefan Gubser, Peter Brun, Andreas Tröndle (von links). Fotos: Gianni Pisano

Nach mehreren Treffen wurden die Gespräche vertrauter: Stefan Gubser, Peter Brun, Andreas Tröndle (von links). Fotos: Gianni Pisano

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«Ich habe volles Vertrauen in dich, aber ich möchte nicht öffentlich über dieses Thema sprechen.» Das war jetzt bereits die fünfte Absage in Folge. Ich hatte Männer aus meinem Bekanntenkreis angefragt, ob ich sie für mein neues Buch «Älterwerden für Anfänger» porträtieren dürfe. Das Ergebnis war nicht gerade motivierend – anscheinend war für viele Männer dieses Thema tabu. Was für ein Unterschied zu den Recherchen bei den Frauen, die ich für mein letztes Buch «Älterwerden für Anfängerinnen» geführt hatte. Die Frauen zeigten sich gegenüber dem Projekt sehr offen. Die Interviews verliefen denn auch sehr locker und entspannt, und auch schwierige Themen wurden unverblümt an- und ausgesprochen.

Neben meiner Arbeit als Journalistin war ich letztes Jahr oft mit meinem Buch «Älterwerden für Anfängerinnen» an Lesungen und anderen Veranstaltungen unterwegs. Ich lernte so viele Frauen kennen, führte spannende Gespräche und freute mich über den Verkaufserfolg, denn das Thema Älterwerden schreit ja nicht gerade nach einem Bestseller.

Als mich Verlegerin Gabriela Baumann vom Wörterseh-Verlag, die schon das Frauenbuch herausgegeben hatte, fragte, ob ich nicht Lust hätte, auch über älter werdende Männer zu schreiben, zögerte ich. Ich bin weder Soziologin noch Medizinerin, noch «Männerversteherin». Ausserdem fand ich es auf Anhieb auch ein bisschen langweilig, mich noch einmal mit der gleichen Thematik auseinanderzusetzen. Doch Gabriela gab nicht auf, und ich stimmte einer Anfangsrecherche zu.

Nicht über Gefühle reden

Und so fragte ich zuerst im Kollegen- und Freundeskreis nach, bei jenen Männern, von denen ich wusste, dass sie sicher Interessantes zu erzählen hatten. Ihre Antworten tönten alle ähnlich: «Wenn ich über meine Gefühle reden muss, dann lieber nicht.» – «Meine neue Partnerin würde nie akzeptieren, dass ich über unsere Beziehung spreche.» Den Vogel aber schoss ein guter Bekannter ab, mit dem ich schon viele tiefschürfende Diskussionen geführt hatte. Er teilte mir schriftlich mit: «Könntest du mir eine kleine Powerpoint-Präsentation schicken, was du genau von mir wissen willst?»

So viel Abwehr weckte mein Interesse. Ich legte meinen ganzen Ehrgeiz in das neue Projekt, und tatsächlich: Über viele Ecken und Umwege hatte ich Erfolg. Es vergingen allerdings drei Monate, bis ich 15 Männer gefunden hatte, die zu einem ersten Gespräch bereit waren. Es waren Männer aus den verschiedensten Berufssparten im Alter zwischen 48 und 68. Prominente wie die Schauspieler Marco Rima, Beat Schlatter und Stefan Gubser, aber auch Männer aus meinem Bekanntenkreis und solche, die mir «empfohlen» wurden. Die meisten Treffen liefen nach dem gleichen Muster ab: Am Anfang spürte ich bei meinem Gegenüber eine distanzierte Freundlichkeit, die allerdings wich, wenn wir über Berufliches sprachen. Dann tauten meine Interviewpartner richtiggehend auf.

Nach mehreren Treffen wurden die Gespräche dann auch vertrauter und ehrlicher, und ich erkannte, dass es bei Frauen und Männern durchaus gewisse Parallelen gibt, wenn es ums Älterwerden geht. Beide erleben Krisen, Tiefschläge und Eitelkeiten. Stellen sich und ihr Lebensmuster infrage. Manche brachen aus unbefriedigenden Lebenssitua­tionen aus und fingen nochmals von vorne an. Wobei die Männer dies meistens mit einer neuen Frau an ihrer Seite taten, während einige Frauen allein blieben.

«Wenn du spät Vater wirst, dann verlierst du deine Unschuld. Du bist in ständiger Sorge»: Marco Rima. Foto: Gianni Pisano

Doch es gab auch Männer, die mich von Anfang an mit ihrer Offenheit überraschten. So etwa der Kommunikationsfachmann Peter Brun, 48, der im Top-Management arbeitet und mir von seinem Coming-out in fortgeschrittenem Alter und als verheirateter Vater zweier Töchter erzählte. Oder der Tanzlehrer Andreas Tröndle, 52, der über die Vergänglichkeit des Körpers philosophierte und mich wissen liess, welchen Umgang er mit dem Älterwerden gefunden hatte, nämlich einen sehr entspannten.

Bei einem Mann, der mit seinem guten Aussehen bei vielen Frauen punktet, interessierte es mich natürlich besonders, wie er mit körperlichen Veränderungen, die das Älterwerden mit sich bringt, umgeht. Tröndle erzählte, dass er mit den Jahren viel von seiner Eitelkeit verloren habe und dass es ihm, im Gegensatz zu früher, nicht mehr so wichtig sei, gut anzukommen. Früher habe er aus der Bewunderung anderer viel Selbstbewusstsein gezogen.

Hier zeigten sich Parallelen zu meinen Interviewpartnerinnen. Auch bei ihnen wuchs mit zunehmendem Alter das Selbstwertgefühl – unabhängig von der Meinung anderer. Während Frauen in vielen Phasen ihres Lebens hormonellen Veränderungen unterworfen sind, verstehen viele Männer ihren Körper als Ressource und schenken ihm oft erst Beachtung, wenn er nicht mehr so funktioniert, wie sie das gewohnt sind.

Männer stecken den Kopf in den Sand

Und viele verdrängen auch grössere Beschwerden, bis sie vielleicht durch einen gesundheitlichen Ernstfall zur Auseinandersetzung mit sich selbst und ihren Gewohnheiten gezwungen werden. Der Androloge Christian Sigg, den ich für das Buch interviewte, erklärte mir: «Der alternde Mann ist in der Forschung ein unbekanntes Wesen.» Bis vor 20 Jahren seien die biologischen Zusammenhänge beim Mann völlig unzureichend erforscht worden. Der Sinkflug der männlichen Hormone ab 40, und was damit einhergeht, war also weitgehend unbekannt.

Der Grund: «Männer haben sich immer für alles interessiert, ausser für sich selber», sagt Mediziner Sigg. Ausserdem dächten viele Männer, sie hätten keine gesundheitlichen Probleme. Ignoranz? «Es ist eher die Angst des alternden Mannes, wenn er merkt, dass etwas nicht mehr so funktioniert wie früher», sagt Sigg. Dazu komme, dass das Wissen über Gesundheit bei vielen Männern verglichen mit jenem der Frauen extrem schlecht sei. Frauen sind informiert, kennen ihren Körper und können Symptome deuten. «Männer sind Verdränger. Zwar erleiden viele von ihnen beim geringsten Schnupfen tausend Tode, wenn es aber ernst wird, stecken sie den Kopf in den Sand», ist der Arzt überzeugt.

«Wenn man im reifen Alter jemanden findet, der so gut zu einem passt, ist das ein Wunder»: Beat Schlatter. Foto: Gianni Pisano

Wie der Schauspieler Stefan Gubser, 59, der erzählte, wie er aus einer jahrelangen Überforderung heraus vor ein paar Jahren an einer Erschöpfungsdepression und Panikattacken erkrankte und sich darum wochenlang zurückzog. Ein empfindlicher Einschnitt für Gubser, der seit 35 Jahren erfolgreich in seinem Beruf arbeitet. In dieser Zeit hat er rund 80 Rollen in 200 Filmen gespielt. Sollte er nach dieser langen Zeit nicht selbstsicherer sein? «Nicht unbedingt. Mit dem Alter werde ich immer sensibler», erzählte Gubser. «Die Klippen, die ich umschifft, die Tiefschläge, die ich erlebt habe, haben mich nicht unbedingt mutiger gemacht. Im Gegenteil: Ich bin vorsichtiger und selbstkritischer geworden.»

Eine Midlife-Krise? «Vielleicht hatte die Angst vor dem Älterwerden auch einen Einfluss auf meinen Zustand, aber die Hauptursache meiner Krise war, dass ich mir über Jahre hinweg zu viel zugemutet hatte.» Gubsers grosse Herausforderung in dieser schwierigen Zeit: Er habe lernen müssen, das Älterwerden und alles, was es mit sich bringe, zu akzeptieren: «Ich musste mir zugestehen, dass meine Kräfte nachliessen und ich definitiv in der zweiten Lebenshälfte angekommen war. Damals wurde mir eigentlich das erste Mal bewusst, wie endlich das Leben ist.»

Sinnkrise und körperlicher Abbau

Zwar wird das Älterwerden der Männer gesellschaftlich nicht so tabuisiert wie bei den Frauen: Viele Männer gelten in ihren Fünfzigern noch immer als attraktiv. Im Gegensatz zu Frauen, die oft das Gefühl haben, sie seien «unsichtbar» geworden. Doch auch viele Männer spüren um die Lebensmitte herum eine gewisse Sinnkrise sowie einen körperlichen und geistigen Abbau. Besonders heftig können diese ­Beschwerden werden, wenn es scheint, als ob die Lebenschancen vertan wären. Einige Männer können nicht verschmerzen, dass ihnen der «grosse Wurf» nicht gelungen ist und es vielleicht keine Chancen mehr geben wird, andere hadern mit unerfüllten Wünschen und Träumen.

Apropos viel zitierte Midlife-Krise. Diese wird oft im Zusammenhang mit einem radikalen Wechsel im Leben eines Mannes vermutet. Und natürlich gibt es diese Wendepunkte, wie den 50-Jährigen, der zum ersten Mal Vater geworden ist und in «Älterwerden für Anfänger» erzählt, welche Herausforderung, aber auch Freuden dies mit sich bringt. Frauen haben diese Chance einer späten Familiengründung nicht mehr, und die Beziehung zu einem jüngeren Mann ist nicht so selbstverständlich wie im umgekehrten Fall. Aber der 50-Jährige, der mit der halb so alten Blondine auf seiner Harley in den Sonnuntergang braust, ist ein Klischee, das immer weniger der Realität entspricht. Sinnfragen lassen sich auch bei Männern nicht mehr jahrelang ­hinausschieben, denn das Leben ist, egal ob man Mann ist oder Frau, eine einzige grosse Herausforderung.

Silvia Aeschbach, «Älterwerden für Anfänger», Wörterseh-Verlag, 180 S., ca. 25 Fr.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.05.2017, 07:51 Uhr

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