«Man muss den Schritt machen, wenn man ihn für richtig hält»

Der abtretende Bundesrat Didier Burkhalter über Mut, die Liebe zum Leben und das Recht, es nicht ständig erklären zu müssen.

«Eine entspannte Beziehung zur Macht»: Didier Burkhalter, Noch-Aussenminister

«Eine entspannte Beziehung zur Macht»: Didier Burkhalter, Noch-Aussenminister Bild: Keystone

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Nur wenige Politiker sind in der Lage, sich ein anderes Leben vorzustellen. Woher nehmen Sie diese Kraft?
Meine Frau, die Grund und Ursache für meine Lebensenergie ist. Und mein Lebensentwurf, der in hohem Masse optimistisch ist. Auch meine entspannte Beziehung zur Macht. Ich gehe alle meine Lebensetappen mit der gleichen Offenheit an, ob ich mit dem russischen Präsidenten spreche oder mit einem jungen Menschen, der sich für Politik interessiert.

Viele Bürger träumen davon, sich so wie Sie entscheiden zu können: Einfach Halt zu sagen und ein anderes Leben zu beginnen. Haben Sie mehr Mut als andere?
Nein, denn ich habe in meinem Leben viele Leute gesehen, deren Mut ich bewundere – und ich spreche nicht von den «Grossen» der Welt, sondern von Leuten aus der Bevölkerung hier in der Schweiz und auf der ganzen Welt. Seit einiger Zeit stehe ich in Kontakt mit einem schwerbehinderten Menschen aus meiner Region. Ich glaube, von uns beiden ist es diese Person, die mehr Mut beweist. Oder ein Beispiel aus dem Ausland: Ich war eben erst in Mariupol in der Ukraine. Seither habe ich immer wieder den Blick eines kleinen Mädchens vor Augen, das seine Angehörigen verloren hat, aber auch das Lächeln der Menschen, die das Mädchen in ein Spital gebracht haben – nur wenige Kilometer von dort entfernt, wo die Bomben einschlagen.

Muss man gehen, solange man seinen Job noch liebt?
Man muss den Schritt machen, wenn man ihn für richtig hält. In erster Linie aus Liebe zum Leben. Nichtsdestotrotz ist klar: Bundesrat zu sein, ist ein spezieller Job. Es ist ein Amt im Dienste der Institutionen, zu dem gehört, dass man die Menschen liebt, vor allem die jungen.

Sie haben Ihren Rücktritt in grosser Ruhe und Abgeklärtheit angekündigt. Warum war Ihnen das so wichtig?
Weil diese Entscheidung eng mit dem Respekt für die Institutionen verbunden ist. Weil ich es tief in meinem Herzen so empfunden habe. Und weil es auch meine Art ist.

Sie sagten, die Einsicht, zurücktreten zu wollen, sei wie eine Welle gekommen: In einer grossen Woge oder in vielen kleinen Kräuselwellen?
Bilder aus dem Bereich des Meeres oder des Sees kommen mir häufig in den Sinn. Das erklärt sich wahrscheinlich damit, dass ich sie schon während meiner Kindheit «aufgesogen» habe. Vor wenigen Tagen hat mich also eine grosse Welle erfasst. Sie war es, die mich weggetragen hat, aber es gab sicher auch früher schon Wellen. Eines der Geheimnisse des Lebens liegt in der Fähigkeit, die Kraft und die Natur der Winde und der Strömungen lesen zu können, wenn man auf die Wasseroberfläche blickt.

Was haben Sie an jenem Sonntag ­gemacht, als Sie sich entschieden haben, zurückzutreten?
Ich bin früh aufgewacht. Ich liebe den Sonnenaufgang, seine Farben, die Ruhe. Meine Entscheidung war glasklar. Ich habe dann mit meiner Frau darüber gesprochen, bevor ich mich an die Arbeit gemacht habe, um die Dossiers für die kommende Sessionswoche und für die Bundesratssitzung zu bearbeiten. Zwischen Dossiers, Telefonaten, E-Mails und SMS gab es aber auch Zeit für einen Spaziergang.

Sie streben nun ein Leben mit weniger Öffentlichkeit an. Was macht das denn mit einem Menschen, wenn man immer ausgestellt ist?
Es frisst die persönliche Freiheit zwar nicht auf, aber es schränkt sie sehr ein. Bundesrat zu sein, ist eine Art Stresstest für die Freiheit. Man muss sich eine zweite Haut zulegen, die man nicht mehr ablegen kann, die aber nicht wirklich die eigene ist. Das ist gut für die Institution, weil man hier von der eigenen Person absehen und alle Energie in den Dienst der gemeinsamen Projekte stecken kann. Man muss sich dessen aber bewusst sein, wenn man eine solche Funktion übernimmt. Man muss daraus auch seine Konsequenzen ziehen können, wenn diese zweite Haut derart einengt, dass man Schwierigkeiten hat, zu atmen.

Wenn Sie diese Karriere eines in der Öffentlichkeit stehenden Politikers nicht gemacht hätten: Wären Sie ein anderer Mensch?
Ich glaube nicht, dass ich anders wäre. Ich habe den Eindruck, dass ich der Zeit, die vergeht und uns ändern möchte, durchaus widerstehen kann. Zwar nicht wie eine Eiche, aber wie Schilf. Wieder etwas, das mich zum See zurückführt . . .

Dieses Leben danach voller Ver­heissungen – macht es Ihnen nicht auch Angst?
Nein. Ich verspüre übrigens nur selten Angst. Hingegen bin ich oft in Sorge, vor allem aber um andere Menschen.

Sie sagen, Sie brauchten mehr Freiheit. Was möchten Sie am ersten Tag nach dem Rücktritt am liebsten machen?
Ich freue mich am meisten darauf, mein Leben zu führen, ohne es in allen Details beschreiben zu müssen. Verstehen Sie es nicht falsch, aber ich glaube, Menschen müssen ihr Mysterium behalten können, das Recht, nicht alles zu erklären, ihre Freiheit, nicht alles auf Twitter oder Facebook stellen zu müssen. Kurz: die Freiheit, ihr eigenes Leben so zu führen, wie sie es wollen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.06.2017, 10:35 Uhr

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