Meat Pie gegen Bio-Bohnen

Der Graben zwischen Brexit-Anhängern und Europhilen wurde seit dem EU-Referendum nur noch tiefer – das zeigt ein Besuch in den Londoner Stadtteilen Havering und Hackney.

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Lawrence Webb genehmigte sich erst mal eine Tasse Tee. So macht man das in England. Egal, ob die Nachrichten gut oder schlecht sind. Webb, Ratsmitglied des Londoner Stadtteils Havering, hatte soeben erfahren, dass die Mehrheit der britischen Bevölkerung für den Brexit gestimmt hatte. Für den Politiker der United Kingdom Independence Party (Ukip) blendende Nachrichten: Keine fremden Richter mehr, Kontrolle der eigenen Grenzen.

Von Genugtuung beim 50-Jährigen ist heute nichts zu spüren. Seit der historischen Abstimmung ist über ein halbes Jahr vergangen. Noch immer ist Grossbritannien Teil der EU. Bisher wurde nicht einmal ein Datum fixiert, wann die Insel aus der Union austreten soll. Der Ukip-Politiker Webb hat die dunkle Vorahnung, dass er über den Tisch gezogen wird – und mit ihm 17,4 Millionen Brexit-Befürworter.

In der britischen Hauptstadt denken viele wie Lawrence Webb. London wurde nach dem Referendum zwar zur Hochburg der Europhilen gestempelt. Doch auch hier stimmten 5 von 32 Stadtteile für den Brexit. In Havering, wo Webb wohnt und Politik macht, sehnen gar 69,7 Prozent der Wähler den EU-Austritt herbei. Nur in ein paar abgelegenen Gegenden an der englischen Ostküste war die Zustimmung noch grösser.

Die Stadtteile Hackney und Havering in London

Havering gehört zu den Londoner Quartieren, die den wirtschaftlichen Aufschwung nur vom Hörensagen kennen. Die Strassen sind mit 1-Pfund-­Läden, Wettbüros und Kampfsportstudios gesäumt. In den Cafés essen die Menschen Meat Pies und Baked Beans auf Toast. «2 Mahlzeiten für 10.49 Pfund», steht auf einem Pub-Schild in der South Street. Egal, ob man mit einem der Rentner spricht, die zum Einkaufen auf Gehhilfen angewiesen sind, oder mit den 20-Jährigen, die rauchend vor einem Nagelstudio stehen, alle sind gleicher Meinung: «Die Schulen, die Spitäler, der Verkehr – alles ist am Anschlag.» Und: «Alles wird teurer, während wir immer weniger verdienen.» Kein Stadtteil trägt weniger zur Bruttowertschöpfung Londons bei als Havering. Die Greater London Authority beziffert sie aktuell auf 3,5 Milliarden Pfund. Zur Einordnung: Das reiche Quartier Westminster kommt auf einen Beitrag von 52 Milliarden Pfund. Dabei zählen beide Stadtteile rund 250 000 Einwohner. Und Havering wird immer weiter abgehängt.

Der Schuldige ist schnell gefunden. Lawrence Webb sagt: «Die unkontrollierte Einwanderung, diktiert durch die EU, sie hat uns das eingebrockt.» Er verweist auf die Zunahme der Nino-Nummern. Jeder, der in Grossbritannien lebt, bekommt eine. Ihre Halter sind sozialhilfeberechtigt. Letztes Jahr erhielten über 800 000 Einwanderer die Nummer. Genauso wie ein Jahr zuvor. Im Stadtteil Havering wurden zwischen Januar und September letzten Jahres 2755 Nummern an Ausländer vergeben, 1397 von ihnen kamen aus Bulgarien oder Rumänien. «Diese Menschen drücken die Löhne herunter», sagt Webb, «und wenn wir dagegen etwas sagen, sind wir Rassisten.»

Doppelter Lohn, verzehnfachte Hauspreise

Für den 50-jährigen Ukip-Politiker Webb zerstört die Einwanderung Havering, wie er es kannte. «Vor 33 Jahren arbeitete ich beim Detailhändler Marks & Spencer für 3.46 Pfund die Stunde.» Zum Minimallohn. Dieser habe sich seither verdoppelt. «Doch der Preis des Hauses, in dem ich mit meiner Familie wohne, hat sich im selben Zeitraum verzehnfacht», sagt Webb. Viele seiner Freunde und Bekannten könnten es sich nicht leisten, in Have­ring zu wohnen. Sie ziehen weg. «Die Regierung hat unser Land an eine fremde Macht verkauft. In meinen Augen sind das Verräter», sagt Webb. Die britische Regierung hat kürzlich deutlich gemacht, dass Grossbritannien einen klaren Trennstrich ziehen werde, eine EU-Teilpartnerschaft komme nicht infrage. Am Mittwoch unterstützten 498 der 650 Abgeordneten im britischen Unterhaus die Brexit-Pläne von Premierministerin Theresa May, so vage sie auch sein mögen. Somit ist fast alles bereit, damit die Austrittsverhandlungen im März beginnen können. Doch all das ist für Webb nur Teil einer grossen Hinhaltetaktik. Er ist überzeugt: Der Ausstieg werde so lange hinausgezögert, bis die Regierung einen Umweg gefunden hat, irgendwie doch noch Teil der EU zu bleiben.

Ohne Wenn und Aber Zugang zum europäischen Binnenmarkt

Es ist ein Szenario, das sich viele Menschen nur ein paar U-Bahn-Stationen entfernt sehnlichst wünschen: Wenn es nach den Einwohnern von Hackney geht, soll Grossbritannien weiterhin ohne Wenn und Aber Zugang zum europäischen Binnenmarkt haben.

In Hackney findet man keine Wettbüros oder Hollywood-Nagelstudios, sondern das Technology and Learning Center und das kulturell einflussreiche Empire Theatre. In den vielen Cafés sitzen Männer mit trendigen Bärten und tätowierte Frauen vor teuren MacBooks. Sie essen keine Meat Pies, sondern vegane Burger; und Baked Beans on Toast kommt für sie nur infrage, wenn die Bohnen und das Brot bio sind. Gerade mal 21,5 Prozent der Menschen in Hackney wollten den Brexit. Nur in Gibraltar und im kleinen Londoner Stadtteil Lambeth waren es weniger. «Wir sind dankbar, dass die Menschen zu uns kommen. Ohne sie wären wir nicht dort, wo wir heute sind», sagt Guy Nicholson, Hackney-Stadtrat für Planung und Business-Investments und Mitglied der linken Labour-Partei. «Mit dem Brexit steigt das Risiko, alles zu verlieren», sagt der 56-Jährige.

Gut ausgebildete Neuzuzüger

Noch brummt Hackney allerdings. Seit der Finanzkrise 2008 verzeichnet das Londoner Borough ein Wachstum von über 40 Prozent. Die Mieten explodieren zwar auch hier, doch im Viertel sind neue Jobs entstanden, teilweise sehr gut bezahlte. Mother London, eine der weltweit grössten Werbeagenturen, baut die Büros in Hackney aus. Der Onlinehändler Amazon plant laut Nicholson, eines der drei Europa-Zentren mit 3500 Mitarbeitern nach Hackney zu verlegen. «Diese Wachstumsfirmen tun das trotz Brexit», sagt Nicholson, «aber wenn wir wegen des EU-Austritts neue administrative Hürden bekommen, ziehen wir weniger Talent an und verlieren diese Firmen wieder.» Der britische Arbeitsmarkt alleine gebe nicht genügend her. Die Anzahl Menschen, die es nach Hackney zieht, ist gewaltig. Letztes Jahr lösten allein zwischen Januar und September 8355 Menschen aus allen Teilen der Welt im boomenden Londoner Quartier eine Sozialversicherungsnummer. Das ist mehr als dreimal so viel wie in Havering, obwohl die beiden Londoner Stadtteile bevölkerungsmässig gleich gross sind. Allerdings ist die Herkunft der Menschen eine andere. 4445 kamen im Falle Hackneys aus Ländern wie Frankreich, Deutschland oder Italien. Rund fünf Prozent waren Nordamerikaner. Sie sind in der Regel besser ausgebildet als die Rumänen oder Bulgaren, die es nach Havering zieht.

Nur alternde, rückgratlose, ideenlose Politiker

Auch Schweizer Grossunternehmen investieren in Hackney. Die Schweizer Grossbank UBS hat über zwei Millionen Franken in die öffentliche Mittelschule Bridge Academy investiert. Der Fokus der Schule liegt auf Mathematik und Musik. Andere Banken tun dasselbe. «Sie zeigen damit ihre Verbundenheit zum Standort London und investieren in die nächste Generation Mitarbeiter», sagt Nicholson. Doch wie lange noch? Am Weltwirtschaftsforum in Davos sprach der Verwaltungsratspräsident der UBS Axel Weber von tausend Londoner Stellen, die wegen des Brexit woanders angesiedelt werden könnten. Auf Nachfrage sagte die UBS, entschieden sei noch nichts. Die britische Bank HSBC hat bereits beschlossen, wegen des Brexit über tausend Mitarbeiter nach Paris überzusiedeln.

«Was wir brauchen», sagt Nicholson, «ist ein gescheiter Plan und viel Diplomatie unserer Regierung. Nur so können wir in Zukunft genügend Talente anlocken und ausbilden.» Doch Nicholson sieht in Theresa May und ihrem Kabinett nur alternde, rückgratlose, ideenlose Politiker. «Ich bin besorgt», sagt der Lokalpolitiker. Als sich Premierministerin May kürzlich auf einem Flugzeugträger hinstellte, um ihren Brexit-Plan darzulegen, sei zur Sorge noch Scham hingekommen. Nicholson sagt: «Kriegsbilder sind das Letzte, was wir Briten brauchen. Jetzt müssen wir Brücken bauen.» Das tiefe Misstrauen gegenüber der eigenen Regierung: Es ist das Einzige, was den Politiker aus Hackney mit dem Politiker aus Havering verbindet. Ansonsten leben die beiden Männer in Welten, die miteinander komplett unvereinbar scheinen. Abgesehen vom britischen Tee natürlich. Den trinken beide, egal, ob die Nachrichten gut oder schlecht sind.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.02.2017, 21:34 Uhr

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