«Rate mal, wer dran ist»

Mit diesem Satz arbeitet die Enkeltrick-Mafia. Marcin K. und seine Helfer erbeuteten in der Schweiz eine Million Franken.

Betrüger im Smoking: Marcin «Lolli» K. im Luxushotel. Foto: PD

Betrüger im Smoking: Marcin «Lolli» K. im Luxushotel. Foto: PD

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Marcin K. liebt den Luxus: Auf Facebook postet er Bilder von seinen Edelkarossen – Ferrari, Mercedes, Porsche. Und ein Selfie zeigt ihn im Lift eines Luxushotels. K. trägt einen feinen Smoking. Mit seinem buschigen Schnauzbart sieht er älter aus als 30 Jahre. Der Mann lebt offensichtlich in Saus und Braus. Doch seinen Reichtum hat er sich ergaunert.

K., genannt Lolli, ist Enkeltrickbetrüger. Und zwar nicht irgendeiner. Er gehört zu den aktivsten Hintermännern in einem Be­trüger-Netzwerk, das Hunderte von ­Rentnerinnen und Rentnern mit Telefonanrufen um ihr Erspartes gebracht hat . Sein Vater Arkadiusz «Hoss» L., 48, gilt in Justizkreisen gar als Erfinder des Enkeltricks, er ist der Ober-Pate des Roma-Clans, der von Polen aus in ganz Europa operiert.

Grösste Enkeltrick-Betrügereien der Schweiz

Die Familie hat sich seit Ende der 90er-Jahre ein Betrüger-Imperium aufgebaut. Ein Gerichtsprozess in Deutschland zeigt jetzt erstmals, wie straff die Enkeltrick-Mafia organisiert ist – und bringt auch das Ausmass von K.s Gaunereien in der Schweiz ans Licht.

Allein in den Jahren 2012 und 2013 hat seine Bande versucht, betagten Menschen in der Schweiz rund 3 Million Franken abzuknöpfen. Opfer wurden mindestens 50 Senioren vor allem aus den Kantonen Bern und Zürich. Geschädigte gibt es aber auch in den ­Kantonen Aargau, St. Gallen und Thurgau. Bei schätzungsweise jedem dritten Anruf waren die Betrüger erfolgreich, K. erbeutete mit seinem Clan 1 Million Franken. Die Staatsanwaltschaft des Kantons Aargau hat im Jahr 2014 ein Verfahren wegen gewerbsmässigen Betrugs gegen K. eröffnet. Nebst ihm sind «eine Vielzahl weiterer Mitbeschuldigter involviert», sagt Fiona Strebel, die Sprecherin der Staatsanwaltschaft. «Eine Mehrheit von ihnen weist direkte Verbindungen zum Familien-Clan auf.» Es ist wohl der grösste Fall von Enkeltrick-Betrügereien, der je in der Schweiz untersucht ­worden ist.

Marcins K.s Masche war ausgesprochen perfid. Im Telefonbuch suchte er in ausgewählten Quartieren nach alt klingenden Vor­namen wie zum Beispiel «Peter» oder «Paul». Dann rief er die entsprechenden Telefonnummern mit seinem Schweizer Handy an. K., der perfekt und akzentfrei Deutsch spricht, meldete sich jedes Mal mit der gleichen Frage bei seinen Opfern: «Rate mal, wer dran ist?»

Opfer gaben ihre ganzen Ersparnisse

Wenn die angerufenen Rentner auf den Trick hereinfielen und den Namen eines Verwandten oder Freundes nannten, waren sie meist schon verloren. Dann übernahm K. deren Identität und packte seine Geschichten aus, erzählte von seinem Unglück im Leben und ­davon, dass er in einer Notlage sei und dringend Geld brauche, das er sobald wie möglich zurück­zahlen werde.

Die Opfer sollten sofort zur Bank gehen und Geld abheben. Manchmal verlangte Marcin K. 10'000 Franken, manchmal 40'000 oder sogar 90'000 Franken. Nicht ­selten gaben die Opfer ihre gesamten ­Ersparnisse her.

Das Geld liess Anrufer K. von einem sogenannten Abholer einsammeln. Dieser wiederum wurde von einem «Logistiker» zu einem mit dem Opfer vereinbarten Treffpunkt gelotst. Wurden die Opfer misstrauisch und schalteten die Polizei ein, schnappte diese im besten Fall einen Abholer.

Marcin K.: «Ich hab nix getan.»

An die Clan-Chefs kamen die Fahnder lange Zeit nicht heran, auch weil diese aus dem Ausland anriefen und ihre Standorte ständig wechselten. Zudem funktionierte die grenzüberschreitende Polizeiarbeit kaum.

Bei einer ersten Razzia im Jahr 2014 in Polen konnte sich Marcin K. durch einen Sprung aus dem Fenster noch vor einer Verhaftung retten. Zwei Jahre später, Ende Juli 2016, ging er der Polizei jedoch in der ungarischen Hauptstadt Budapest ins Netz. In einem Video, das K. nach seiner Verhaftung in einem Flugzeug zeigt, grinst dieser nur und sagt: «Ich hab nix getan.»

Die Chefs in Haft, Clan betrügt weiter

Im Februar wurde sein Vater von einer polnischen Spezialeinheit festgenommen. Und wegen «Haftunfähigkeit» gegen eine Kaution von 70'000 Euro gleich wieder auf freien Fuss gesetzt.

Derzeit steht Marcin K. in Hamburg vor Gericht. In Deutschland soll er 16 Rentner um insgesamt 290'000 Euro erleichtert haben. Der Prozess ist bis Ende Jahr angesetzt. Ob K. danach an die Schweiz übergeben wird, ist offen. Eine Auslieferung werde erst nach einem rechtskräftigen Urteil geprüft, sagt Strebel von der Staatsanwaltschaft Aargau. Der Entscheid dazu liege bei Deutschland. Zusätzlich laufen Strafverfahren in Österreich und Luxemburg.

An der Zahl der Enkeltrick-Betrügereien in der Schweiz hat die Verhaftung von K. aber kaum etwas geändert. Sein Clan ist weiter aktiv. Erst in diesem Jahr lancierte die Kantonspolizei Zürich an­gesichts zahlreicher neuer Fälle eine Präventionskampagne. Ob die Opfer von Marcin K. ihr Geld je wiedersehen werden, ist unwahrscheinlich. Er und seine Leute haben einen grossen Teil davon wohl schlicht ausgegeben. Das Magazin «Der Spiegel» berichtet, nach der Verhaftung von K. sei der Umsatz in den Restaurants und Geschäften nahe seines Budapester Appartements um 50 Prozent zurückgegangen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.03.2017, 23:03 Uhr

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