Trump zwingt Schweizer Manager, politisch Farbe zu bekennen

Die Wirtschaftsführer haben sich in den letzten Jahren aus der Politik zurückgezogen – nun dreht der Wind.

Angst vor dem Twitter-Bannstrahl: Die ruppige, unberechenbare Gangart des neuen Herrn im Weissen Haus bringt die Wirtschaftsführer in die Bredouille.

Angst vor dem Twitter-Bannstrahl: Die ruppige, unberechenbare Gangart des neuen Herrn im Weissen Haus bringt die Wirtschaftsführer in die Bredouille. Bild: Keystone

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Der Saal des Zürcher Zunfthauses zur Meisen war prallvoll, als ABB-Chef Ulrich Spiesshofer am Dienstag vor den Mitgliedern der Handelskammer Schweiz-Amerika auftrat. Der Deutsche, der seit kurzem auch den Schweizer Pass hat, sprach zum Thema Digitalisierung. Doch insgeheim interessierte die hochkarätige Runde von Managern vor allem eins: Ob der ABB-Chef etwas zur neuen US-Regierung sagen würde. Spiesshofer nahm das T-Wort nicht in den Mund. Und in vorauseilendem Gehorsam versuchten die Anwesenden erst gar nicht, ihn mit Fragen zum US-Präsidenten verlegen zu machen.

Später, als man sich bei Saltimbocca der Lunch-Konversation hingab, waren Stil und Dekrete von Donald Trump indes das dominierende Thema. Wer naiv in die Runde fragte, warum Spiesshofer keine einzige Bemerkung zum neuen US-Regierungschef gemacht habe, bekam unisono dieselbe Antwort: «Er kann nicht.» Hauen, stechen, provozieren: Die ruppige, unberechenbare Gangart des neuen Herrn im Weissen Haus bringt die Wirtschaftsführer in die Bredouille. Sie, die sich in den letzten Jahren von der Politik distanziert haben, sehen sich unter Zugzwang. «Trump ist ein Riesenthema. Die Wirtschaftsführer sind verunsichert, wie sie reagieren müssen, und kämpfen mit Ambivalenz», beobachtet ­Roman Geiser, Chef der grössten Schweizer PR-Agentur Farner, die auch Polit-Lobbying betreibt. Jörg Neef, der mit seiner Agentur Hirzel Neef Schmid die Crème de la Crème der Wirtschaft berät, stellt fest: «Im kleinen Kreis wird das Thema heiss diskutiert.»

Schweizer Konzerne äussern nur intern Kritik an Trump

Dass Trump Gesetze lockern will, kommt den Topmanagern nach der Vorschriftenflut seit Ausbruch der Finanzkrise gelegen. Doch dann hört es bald auf mit dem Wohlwollen. Einreisesperren, Kündigung von Freihandelsabkommen, Abschottung – all das widerspricht den Prinzipien einer freien Marktwirtschaft. Tangiert sind Grundwerte, für die sich weltweit tätige Unternehmen wehren müssten.

Noch aber lautet die Devise: Kopf runter. Denn die Angst, in den Twitter-Bannstrahl des irrationalen Trump zu geraten, ist gross. ABB etwa betreibt über ­sechzig Produktionsstandorte mit 27 000 Mitarbeitenden in den USA und erwirtschaftet dort 7,5 Milliarden Dollar Umsatz. Roche beschäftigt in den USA 25 000 Angestellte. Es steht viel auf dem Spiel. Wie lange aber können sich die ­Wirtschaftsführer ihr Schweigen noch leisten?

Die Kollegen in den Vereinigten Staaten mucken bereits auf. Ford-Chef Mark Fields, Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, Starbucks-Chef Howard Schultz und andere haben gegen den Immigrationsstopp opponiert.

Die alte Garde tritt ab: Peter Brabeck, Rolf Soiron, Franz Humer, Walter Kielholz (v. l.). Fotos: PD

In der Schweiz setzt man auf interne Statements, die als Kritik an Trump verstanden werden können. «Wir streben danach, ein Arbeitsumfeld zu schaffen, in dem alle Mitarbeitenden, unabhängig von Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, sexueller Orientierung oder Religion ihre Beiträge leisten können», beschied Roche-Chef Severin Schwan diese Woche seinen Angestellten im Intranet. Auch ABB und Novartis wandten sich an die Belegschaft.

Bei der Kritik nach aussen ­beschränkt man sich vorerst darauf, zu betonen, wie wichtig es ist, Spitzentalente aus aller Welt ­anziehen zu können. Der US-Präsident selbst wird dabei kaum ­namentlich erwähnt.

Doch der Druck, deutlicher zu werden, steigt – auch weil es die Mitarbeitenden erwarten. «Werte und Haltungen werden in der Arbeitswelt wieder wichtiger», sagt PR-Profi Geiser. «Ein CEO ist heute auch Sinnstifter.»

Sergio Ermotti wagte sich als Erster aus der Deckung

Wo aber sind sie, die Chefs, die Flagge zeigen? Sie haben sich nach dem Grounding der Swissair im Jahr 2001 zunehmend aus der Politik zurückgezogen. Nestlé-Präsident Peter Brabeck, Swiss-Re-Präsident Walter Kielholz, Lonza-Präsident Rolf Soiron: Sie gehören zu den letzten Vertretern einer Generation von Chefs, die einen engen Bezug zur Schweizer Politik hat. Alle drei treten in absehbarer Zeit altershalber zurück. Bereits abgetreten ist der langjährige Roche-Lenker Franz Humer, der ebenfalls zu den Schwergewichten zählte.

Kielholz und Co. sind in einer Wirtschaft gross geworden, die eng vernetzt und mit Bern verwoben war. Es war die Zeit, als die FDP den Kurs bestimmte und der Unternehmensdachverband Economiesuisse Gewicht hatte. «Als Leiter Public Affairs bei der Credit Suisse war es in den 80er-Jahren mein Ziel, möglichst viele Wirtschaftsführer in politische Ämter zu bringen», erinnert sich Berater Jörg Neef. Heute haben 63 Prozent der Geschäftsleitungsmitglieder der SMI-Konzerne einen ausländischen Pass. Das Aktionariat dieser Unternehmen ist stark globalisiert worden – mit der Folge, dass sich die wenigen Schweizer Topmanager zunehmend weniger getrauen, sich in die grossen Politdebatten einzuschalten. Die Finanzkrise machte sie zusätzlich mundtot. Auch die Dynamik der sozialen Medien hemmt die Chefs, Klartext zu reden.

Haben Potenzial als Nachfolger: Peter Voser, Magdalena Martullo, Monika Ribar, Sergio Ermotti (v. l.). Fotos: PD

Doch die Anzeichen mehren sich, dass der Wind dreht. UBS-Chef Sergio Ermotti wagte sich 2015 aus der Deckung. Der Tessiner kritisierte in einem Positionspapier die vielen wirtschaftsfeindlichen Initiativen und stellte politische Forderungen. Prompt hagelte es ­Kritik. Doch UBS-intern wurde die ­Aktion als gelungen wahrgenommen. ­Ermotti feilt seither diskret an ­seinem politischen Image. Als Schweizer und Chef einer wieder stärkeren Bank hätte er als einer der wenigen in der Finanzbranche das Zeug dazu. Credit-Suisse-­Präsident Urs Rohner ist nie in die Rolle hineingewachsen. Zu den neuen «Kielholz und Brabecks», die politische Meinungsführerschaft haben, gehören auch Ems-Chefin und Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher und Peter Spuhler. Als Unternehmer sind sie freier. Zu gewichtigen Stimmen unter den angestellten Managern könnten laut Experten SBB-Präsidentin Monika Ribar oder ABB-Präsident Peter Voser werden.

Sie müssen bloss wollen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.02.2017, 23:03 Uhr

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