Vom Massaker gezeichnet

Wie sich die «Charlie Hebdo»-Karikaturistin Catherine Meurisse ins Leben zurückmalte.

Catherine Meurisse, 36 : «Mir ist, als würde ich meiner eigenen Implosion zuschauen». Foto: Rita Scaglia/Picturetank

Catherine Meurisse, 36 : «Mir ist, als würde ich meiner eigenen Implosion zuschauen». Foto: Rita Scaglia/Picturetank

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Der Schlaf kann einem das Leben retten. Catherine Meurisse hat schlechte Träume an diesem Morgen vor exakt zwei Jahren: Liebesleid, Trennungsfrust. Sie träumt so intensiv, dass sie den Wecker überhört. Später fährt ihr auch noch der Bus davon. Als sie zur Redaktion kommt, hat die Konferenz längst begonnen.

Sie will den Hausflur in der Rue Nicolas-Appert, Nummer 10 betreten, da warnt sie ihr Kollege Luz, der ebenfalls zu spät kam und verstört an der Strassenecke steht. Es habe wohl eine Geiselnahme gegeben. Es ist wie eine Sprechblase aus dem Nichts: «Geht da weg!» Die beiden verstecken sich im Nachbarhaus. Dann hören sie das Geräusch der Kalaschnikows. Das wird ihr Leben für immer in zwei Teile zerreissen.

Catherine Meurisse, «Die Leichtigkeit»
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Wie malt man ein Trauma? Den Schrecken? Den Terror? Bei dem Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift «Charlie Hebdo» starben am 7. Januar 2015 die engsten Freunde von Catherine Meurisse: die Kollegen Honoré, Wolinski, Cabu, Charb. Mit ihnen hat sie zehn Jahre lang zusammengearbeitet. Doch vom Anschlag selber zeigt Catherine Meurisse in ihrem Buch «Die Leichtigkeit» nichts – sie hat ja das Massaker in der «Charlie»-Redaktion nicht miterlebt. Das Einzige, was man zu sehen bekommt, ist dieses in Schrift umgesetzte Geräusch: Tak­taktaktak. Und danach ihre innere Reaktion: Sie rennt in dem grünen Mäntelchen, das sie an dem Morgen trug, durch leere Museumsräume, an deren Wänden graue Flächen hängen. Leere Bilder. Bilder, die sie nicht mehr sehen kann. Sie rennt und rennt, über mehrere Seiten, durch farblose Räume, bis sie am Ende kopflos in der Wand verschwindet, neben Edvard Munchs gellendem «Schrei».

Sie verliert Gedächtnis und Sprache

«Die Leichtigkeit» – so nennt Catherine Meurisse ihren Bildband, in dem ihr Trauma zum Thema wird. Leichtigkeit? Eine Frau verliert bei einem Massaker ihre Kollegen und Freunde, sie steht danach selbst unter Polizeischutz, muss mit dem Zufall des Über­lebens klarkommen, soll erst mal sofort weitermachen, die Welt wartet schliesslich auf die Reaktion der überlebenden «Charlie Hebdo»-Mitglieder, verliert dann das Gedächtnis, vorübergehend auch die Sprache, vergisst zu essen und zu schlafen und hat Angst, dass sie nie wieder wird malen können.

«Mir ist, als würde ich meiner eigenen Implosion zuschauen», sagt sie einmal bei einem Psychologen, der ihr erklärt, sie sei dissoziiert, eine Notwehrreaktion des Gehirns, das so massiv von Adrenalin und Cortisol geflutet wird, dass es eine «Erinnerungsanästhesie» auslöst. Welche Leichtigkeit, bitte?

Fast zwei Jahre später sitzt sie nun da, an einem kalten Nachmittag in einem Pariser Café – und sie wirkt tatsächlich sehr leicht. Ein filigraner Körper in schwarzem Pulli, ihr schönes, schmales Gesicht, ihre ruhige Stimme, die Hände modellieren unentwegt in die Luft, was sie beschreibt: wie das ist, wenn man den eigenen Körper nicht mehr spürt. Wenn man hört, wie man beim Sprechen plötzlich alle Wörter vertauscht. Und wenn man irgendwann ahnt, dass nur die Kunst und die Arbeit einen vielleicht auf lange Sicht retten können.

Catherine Meurisse, «Die Leichtigkeit»
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Damals, am 7. Januar 2015, hat ihr vielleicht erst mal Luz das Leben gerettet, weil er sie warnte. Ganz bestimmt aber hat er sie ein paar Monate später ins Leben zurückgeschubst: Im Mai 2015 veröffentlichte er selbst «Katharsis», einen Band, mit dem er sehr schnell auf den Terror und das Trauma reagierte. Catherine Meurisse hat dieser Band erschüttert, einfach, weil es ihn plötzlich gab. «Wir Überlebenden klebten vorher im Kollektiv zusammen. Luz hat es als Erster gewagt, wieder ‹ich› zu sagen. Kurz war da ein schockhafter Schmerz: Er verlässt uns. Aber er hatte recht. Und er hat mir damit einen Tritt in den Hintern gegeben.»

Luz hat in «Katharsis» Einzelszenen gesammelt, grotesk, traurig, schrecklich, witzig, das Leben unter Polizeischutz, die Erinnerungen an die ermordeten Freunde, das Leben mit dem Trauma, das bei ihm zu einer Art Beule wird, die durch seinen Körper wandert und ihn nach Belieben deformiert, ja völlig aus der Fassung bringt.

All diese Themen kommen auch bei Meurisse vor. Etwa die Leibwächter, die ihr als Frau schnell zu Leibe rücken; der absurde Pariser Solidaritäts-Tsunami, überall «Je suis Charlie»-Plakate, -Sprechchöre, -Produkte: nur ganz unten auf der Seite, winzig klein, sie in der «Charlie»-Redaktion, allein vor einem leeren Blatt, mit einer Sprechblasenwolke über sich: «Wer bin ich?»

Catherine Meurisse, «Die Leichtigkeit»
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All die Anekdoten sind aber hier kunstvoll eingebettet in eine grössere Erzählung. Die Geschichte einer Heilung klänge frivol; wie soll man rundum heilen von solch einem Erlebnis? «Die Geschichte einer Rettung», sagt Meurisse, eher fragend. «Einer Rettung durch Schönheit?» Sie lacht leise, weil es pathetisch klingt. Und doch ist genau dies das Thema ihres Buchs, in dem sie alle Register ihres zeichnerischen Könnens zieht, karikaturhaft sparsame Federzeichnungen mit üppigen Aquarellen, Kreidezeichnungen, Buntstiftskizzen mischt.

Das erste Bild nach den Anschlägen, das Luz malte, zeigt zwei schreckgeweitete Augen: Ein Polizist hatte ihn am Abend des 7. Januars gebeten, zu zeichnen, was er gesehen hatte. Luz malte diese Augen, immer wieder, zitternd, riesig. Und einen winzigen Körper, der daran hing, wie ein schockstarrer Homunkulus. Sein Buch zeigt die Augen auf dem Cover, das Selbstporträt eines Traumatisierten.

Catherine Meurisse, «Die Leichtigkeit»
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«Ich habe die Monate nach dem Anschlag genau so durchlebt», sagt Meurisse, «mit diesem schreckgeweiteten Blick. Man hat nach so einem Schock eine schmerzhaft gesteigerte Wahrnehmung, als hätte man viel zu grosse Augen.» Ein fernes Echo von Luz’ Selbstbildnis findet sich in Edvard Munchs Schrei, neben dem sich Meurisse in die Wand rettet.

Auch bei ihr wurde das erste Bild, das sie nach den Anschlägen malen konnte, zum Cover ihres Buches. Es zeigt den Moment, als sie ein paar Wochen nach dem Anschlag erstmals das Meer wiedersieht. Eine strichdünne Figur, die über eine riesige Düne unter einem wolkendurchtosten Himmel stapft.

Sie erinnert sich noch genau daran: «Dieser Anblick des Atlantiks löste ein seltsam fundamentales Gefühl aus. Ich bin auf einem Planeten. Es gibt dieses Meer, es gibt den Planeten, es gibt mich. Das war extrem archaisch.» Passend dazu gleitet ein Flugsaurier durch den Sonnenuntergang.

Catherine Meurisse, «Die Leichtigkeit»
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Sie trägt das ganze Buch hindurch den Mantel, den sie am 7. Januar anhatte. Als sei das Jahr 2015 ein ewiger Wintertag gewesen. Als sei sie in einer Art Trauersack gefangen. Oft ist sie von hinten zu sehen, wie sie in eine Landschaft, in ihre ungewisse Zukunft hineinläuft. Sie läuft und läuft und kommt erst ganz zum Schluss des Buchs erstmals zur Ruhe.

«Ja», stimmt sie zu, «das habe ich ganz unbewusst so gemalt, das ist mir erst danach aufgefallen. Als hätte ich aus der Perspektive eines Erwachsenen einem Kind dabei zugeschaut, wie es die ersten Schritte ins Leben unternimmt.»

«Unglückliche Gemarterte, sich windend»

Der entscheidende Schritt war eine Reise nach Rom, im November 2015. Sie hatte vom Stendhal-Syndrom gelesen, diesem ästhetischen Taumel, der sich durch zu viel Kunst und Schönheit einstellen kann. «Ich hatte eine ganz simple Gleichung im Kopf, vielleicht kann solch ein Schönheitsschock den Schock des Massakers auslöschen.» Sie durfte in der Villa Medici wohnen, in deren Garten Statuen von Niobes Kindern stehen. Die anderen Stipendiaten nehmen die Steinfiguren nur als typisch römischen Gartenhintergrund wahr, sie aber wurde geradezu angesprungen vom Schmerz der Statuen. Niobes Kinder wurden von Apoll und Artemis mit Pfeilen getötet, weil Niobe es gewagt hatte, sich über deren Mutter zu stellen. Niobe selbst erstarrte nach dem Gemetzel zu Stein, was Meurisse völlig plausibel erscheint; es war bei ihr schliesslich genauso: innere Erstarrung, Dissoziation aufgrund eines Massakers.

Mit dieser Empathie geht sie durch Roms Museen und Kirchen, und es ist frappierend, die Kunstgeschichte mit ihrem schreckverzerrten Blick zu sehen, als eine einzige Abfolge von Grausamkeiten. «Natürlich gibt es zarten Fragonard und die stille Schönheit von Vermeer», sagt sie, «aber ich war nur noch angezogen von Gewaltdarstellungen.» In einer schlafenden Frau sieht sie eine junge Enthauptete, in einer Tänzerin eine «unglückliche Gemarterte, sich windend».

Der Todesschmerz legt sich in ihren Zeichnungen untrennbar um die Schönheit dieser Figuren wie die Schlangen um Laokoon. All die zerstörten Körper aber haben bei Meurisse das alte Trauma nicht aufgerissen, im Gegenteil, es war eine Kunsttherapie der ganz ­eigenen Art.

«Eine Skulptur ist ein Körper, der von einem Künstler bearbeitet wurde. Ich habe meine Freunde ja nicht mehr gesehen, sie waren einfach weg, ich konnte mich nicht von ihnen verabschieden. Aus ­diesen verstümmelten und zugleich wunderschönen Marmorbüsten haben sie mich plötzlich angesehen, und ich konnte sie gehen lassen.»

Und sie konnte, noch in Rom, das Buch schreiben, malen, zeichnen, ja die Zeichnungen und Bilder scheinen ihr geradezu aus den Fingern gequollen zu sein.

In Frankreich war «Légèreté», das kurz nach ihrer Reise, zum Jahrestag des Anschlags im Januar 2016 erschien, ein Riesenerfolg. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.01.2017, 21:57 Uhr

Catherine Meurisse

Die heute 36-jährige Französin wurde mit 25 – noch während des Studiums – von «Charlie Hebdo» als Zeichnerin engagiert und blieb im Team.

Sie entkommt dem Attentat vom 7. Januar 2015 knapp, elf ihrer Kollegen werden von den Terroristen getötet, darunter die Zeichner Jean Cabut, Bernard Verlhac, Philippe Honoré und Georges Wolinski.

Meurisse leidet danach unter einer dissoziativen Störung, die sie nun überwunden hat.

Catherine Meurisse: «Die Leichtigkeit», Carlsen, 139 Seinten, 28.90 Franken.

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