Zwischen Windeln und Wahnsinnsdeal

Das Schweizer Fotounternehmen Ifolor galt als verstaubt. Jetzt wird es Partner von Apple. Das ist auch das Verdienst von Filip Schwarz, der das KMU unkonventionell führt.

«Privat und Beruf sind nicht mehr zu trennen»: Filip Schwarz im neuen Zürcher Büro. Foto: Michele Limina

«Privat und Beruf sind nicht mehr zu trennen»: Filip Schwarz im neuen Zürcher Büro. Foto: Michele Limina

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Die Kleine hat Hunger und wird quengelig auf dem Arm der Assistentin. Aber das bringt Filip Schwarz nicht aus dem Konzept. Der Chef des ­Kreuzlinger Fotospezialisten Ifolor steht auf und wärmt seelenruhig einen Schoppen für seine drei Monate alte Tochter. «Meine Frau ist seit der Niederkunft in einer beruflichen Übergangsphase, darum muss ich die Kleine zweimal pro Woche ins Büro nehmen», erklärt der 35-Jährige, der vor zwei Jahren den CEO-Posten in der familieneigenen Firma übernommen hat.

Seine Augen wirken etwas müde hinter der markanten Brille. Daran ist für einmal nicht der Nachwuchs schuld, sondern der Technologieriese Apple. Am Mittwoch gab der Konzern an seiner Entwicklerkonferenz im kalifornischen San José eine kleine Sensation bekannt: Ifolor kommt in den erlauchten Kreis der Partnerfirmen von Apple, die direkt mit dessen Betriebssystem verlinkt sind. Konkret öffnet der Konzern seine Foto-App für fünf Drittanbieter. Mit ­dabei: die Thurgauer Traditionsfirma mit ihren 270 Angestellten.

Die Brüder lassens gern mal krachen

Ab Herbst führt Apple sein neues Betriebssystem macOS High ­Sierra ein. Dann werden die Nutzer von iPhoto direkt auf die Dienste von Ifolor zugreifen können, wenn sie aus ihren Ferienerinnerungen Fotoalben und Kalender machen oder diese auf Tassen oder Mausmatten drucken wollen. Ob auf dem iPhone oder am Computer – Ifolor hat künftig direkten Zugriff auf die riesige Apple-Fangemeinde.

Für Schwarz ist das ein Coup. Dabei hatte der Familienvater bis zum Mittwoch vergangener Woche keinen Schimmer, ob er wirklich im Boot ist. «Wir wussten nicht, was Apple an dem Tag präsentieren würde. Das war alles hochgeheim», sagt er. Und das, obwohl ein Team von 20 Angestellten seit Januar ausschliesslich an dem Projekt gearbeitet hatte. Interner Codename: «Zappa».

Apple läuft wie eine geölte Maschine, die sich um jedes Detail kümmert und sich nicht von ein paar nervösen Thurgauer Fotospezialisten unter Druck setzen lässt. Wer mit der Weltmarke ins Geschäft kommen will, muss sich an die ­Regeln halten, mehrseitige Verschwiegenheitsverträge unterzeichnen und zappeln, bis das Management im kalifornischen Cupertino die Güte hat, zu entscheiden.

«Arbeiten muss auch Spass machen, und Privat und Beruf sind doch gar nicht mehr zu trennen.» Ifolor-Chef Filip Schwar

Jetzt ist der Schuss draussen, und in der Schweiz knallen die Korken. Unter Filip Schwarz’ Vater, der heute Verwaltungsratspräsident ist, hätte eine solche Feier vermutlich in einem kurzen Anstossen mit einem Gläschen Riesling gemündet. Der Patron hätte Hände geschüttelt und einen Toast ausgesprochen. Sein Sohn Filip und dessen Bruder Hannes, der die Finanzen von Ifolor managt, lassen es ganz gerne mal krachen. Darum wurde in den frisch bezogenen Büroräumen an der Zürcher Limmatstrasse auch eine Bar eingebaut. «Es gab intern Diskussionen, ob wir das machen sollen. Aber Arbeiten muss auch Spass machen, und Privat und Beruf sind doch gar nicht mehr zu trennen», zuckt Filip Schwarz die Schultern.

Darum gab er seiner Belegschaft nach Bekanntwerden des Apple-Deals auch seine ganz eigene Art von Goodie: Jeder durfte auf Ifolor-Kosten mit der Familie essen gehen, um das Ereignis zu begiessen. «Bis jetzt hab ich noch keinen obszön hohen Spesenbeleg bekommen. Vertrauen kommt immer zurück», erklärt der junge Chef, der auch mal lila Hosen trägt, seine Führungsphilosophie.

50 Spontanbewerbungen

Eine etwas verstaubte, patriarchalische Familienfirma sei man bis vor kurzem gewesen, sagt Schwarz. Sein Grossvater hat das KMU 1961 gegründet. Unter dem Namen Photocolor Kreuzlingen fing das Unternehmen an, analoge Filme zu entwickeln und zu versenden. Heute macht dieser Teil des Geschäfts noch ein Prozent des Umsatzes aus. Ifolor erkannte in den Nullerjahren rasch, dass die Zukunft in der digitalen Fotografie liegt, und stellte rechtzeitig um. Heute erzielt das Unternehmen geschätzte 150 Millionen Franken Umsatz, unterhält zwei Produktionsstandorte, einen in Kreuzlingen und einen in Finnland. In beiden Ländern ist man Marktführer. Aber auch Deutschland, Österreich und Schweden werden beliefert.

Durch das Geschäft mit Apple dürften weitere 20 Millionen Franken Umsatz dazukommen. Halb Europa tut sich für Ifolor auf, weil das Unternehmen hier regional verankert ist: Italien, Spanien, Frankreich, Grossbritannien und die Benelux-Staaten werden künftig aus der Schweiz und Finnland beliefert.

«Es kommen aber noch ganz andere Effekte dazu, an die wir gar nicht dachten», erklärt Filip Schwarz. «50 Spontanbewerbungen von qualifizierten Spezialisten sind bei uns in den letzten Tagen eingegangen.» Der Nimbus von Apple verleiht auch dem Schweizer KMU den Hauch eines sexy Arbeitgebers.

Wegen Apple gibt es jetzt ein Zürcher Büro

Das ist ganz im Sinne von Filip Schwarz, der Ifolor längst nicht mehr als kleine Industriefirma positionieren will, sondern als die familiäre Variante von Informatik- und E-Commerce-Riesen wie Amazon, Facebook oder eben Apple. Darum hat er in diesen Wochen auch einen zweiten Standort in Zürich aufgemacht. «Ich suche Software-Entwickler und E-Commerce-Profis. Die kommen nicht nach Kreuzlingen zum Arbeiten.»

30 bis 35 neue Spezialisten braucht er nun für Zürich – unter anderem auch wegen der neuen Zusammenarbeit mit Apple. Das wird ihn eine Menge Geld kosten, seine Saläre müssen mit denen von Google und ähnlichen Firmen konkurrieren können. Boni hat er abgeschafft, weil er nichts von dieser Art Anreiz hält. Was er seinen besten Köpfen zusätzlich bieten will: Entwicklerfreiheit und ein lockeres Arbeitsklima. Das Baby mit ins Büro nehmen? Das soll nicht dem Chef vorbehalten sein.

«Apple hat im App Store unsere Software zum Herstellen von Fotobüchern gesehen. Das hat sie beeindruckt.»Filip Schwarz, Ifolor-Chef

Vom Coup, den Ifolor gelandet hat, erhofft er sich auch den ­Zugang von noch mehr Wissen. Längst tüftelt seine Mannschaft an Ideen, wie die Fotowelt aussehen könnte, wenn sich Bilder dereinst komplett in den digitalen Raum verlagern. «Ich bin mir nicht mehr sicher, ob jüngere Menschen überhaupt noch Momente für die Ewigkeit festhalten wollen. Die Fotos der Ex auf Papier? Vielleicht unerwünscht, wenn die Welt immer flüchtiger wird», philosophiert er.

Warum aber hat ihn Apple im Januar 2017 überhaupt angerufen, um über eine Zusammenarbeit zu reden? «Die haben in ihrem App Store unsere Software zum Herstellen von Fotobüchern gesehen, die präzis auf das Ökosystem von Apple abgestimmt ist. Das hat sie beeindruckt», sagt Schwarz. Es ist wie bei einem guten Foto: Es entsteht nicht selten durch Zufall. Man muss aber bereit sein, im richtigen Moment abzudrücken.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.06.2017, 23:08 Uhr

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