Hochbegabte leiden schon im Kindergarten

Die Zürcher Anlaufstelle Hochbegabung berät immer mehr Eltern, deren Fünfjährige womöglich intellektuell unterfordert sind.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Kind im Kindergarten fragte, weshalb die Menschen in Israel mit den Palästinensern streiten. Ein anderes löcherte seine Mutter mit Fragen zur Kanalisation. Eine Vierjährige wollte alles über den Tod wissen und wünschte sich, eine Leiche zu sehen: Wenn kleine Kinder solche Fragen stellen, werden manche Eltern hellhörig – und landen zum Beispiel bei Ania Chumachenco. Die Psychologin testet in ihrer Zürcher Praxis­gemeinschaft Kinder auf Hochbegabung, in einzelnen Fällen schon Vier- und Fünfjährige.

Es sind längst nicht mehr nur Eltern von Schulkindern, die sich sorgen, ihr Nachwuchs sei intellektuell unterfordert. Die Anlaufstelle Hochbegabung in Zürich nahm im letzten Jahr doppelt so viele Anrufe von Eltern von Kindern im Vorschulalter entgegen. Rund 180-mal – also mehr als alle zwei Tage – klingelte deswegen das Telefon. Hochbegabte Fünfjährige? Das klingt nach Tiger Moms, die ihre Kinder am liebsten direkt vom Sandkasten in die Schule schicken würden. Dieser Eindruck sei falsch, sagt Wolfgang Stern. Der Leiter des von der Stiftung für hochbegabte Kinder getragenen Infotelefons nimmt Anrufe aus der ganzen Schweiz entgegen: «Eltern sind unsicher – wenn sich die Tochter oder der Sohn anders als die Nachbarskinder verhält, sorgen sie sich.»

Doch muss ein fünfjähriges Kind wissen, ob es hochbegabt ist? In der Regel gar nicht, findet Stern: «Solange Eltern das Kind mit seinen Fragen ernst nehmen und seine Neugier befriedigen, bringt die Diagnose Hochbegabung in diesem Alter wenig.» Auch Psychologin Letizia Gauck sagt: «Es sollten keine Abklärungen gemacht werden ohne Anlass.» Gauck leitet das Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie (Zepp) an der Universität Basel.

Besonders wichtig – in jedem Alter – seien Begabungstests, wenn das Risiko bestehe, dass hohes Potenzial nicht erkannt werde: «Etwa bei Kindern mit Deutsch als Zweitsprache, Kindern mit grossem Potenzial und Aufmerksamkeitsdefizit – und sehr intelligenten Mädchen, die nicht auffallen wollen.» Denn obwohl besondere Intelligenz gleichmässig auf die Geschlechter verteilt ist, werden viel mehr Knaben als hochbegabt erkannt – weil sie auffallen: Mädchen ziehen sich eher zurück, wenn sie unter ihrer Hochbegabung leiden, während Knaben ihren Frust tendenziell nach aussen tragen und laut oder aggressiv werden.

Hochbegabte sind nicht öfter verhaltensauffällig

Solche Kinder sind Fälle für Caroline Benz. Die Fachärztin für Kinderheilkunde leitet die Entwicklungspädiatrische Poliklinik am Kinderspital Zürich. Sie untersucht verhaltensauffällige Kinder – auch solche mit hoher Begabung. Benz berichtet von hyperaktiven und raufenden Schülern, von Kindern, die sich zurückziehen und am Rande einer Depression stehen oder plötzlich über Bauchschmerzen klagen: «Der Kinderarzt überweist sie mir mit der Frage ‹Ist dieses Kind über- oder unterfordert?›.»

Ab einem IQ von 130 gilt jemand als kognitiv hochbegabt – zwei Drittel der Menschen liegen bei einem Wert zwischen 85 und 115. Nur etwa zwei Prozent bringen es auf 130 und mehr. Diagnostiziert Benz eine hohe Begabung, ist diese meist auf ein Gebiet beschränkt: Beispielsweise ist ein Kind sprachlich oder im abstrakt logischen Denken sehr talentiert, dafür im Visuellen durchschnittlich oder sogar darunter.

Etwa 15 Prozent der hochbegabten Kinder leisten nicht das, was ihrem Potenzial entspricht – zum Beispiel weil sie sich im Unterricht nur langweilen oder in der Klasse ausgegrenzt werden. «Doch die meisten Kinder leiden nicht an ihrer speziellen Begabung und werden auch nicht verhaltensauffällig», sagt Caroline Benz.

Begabtenförderung schon in der Kinderkrippe

Und was ist mit jenen Eltern, die überzeugt sind, ihr Sprössling sei hochbegabt – und dann enttäuscht hören, dass das Kind ADHS hat? Das Basler Zentrum Zepp erlebt solche Eltern – «aber nur in einer kleinen Minderheit», wie Psychologin Giselle Reimann sagt. Diese Diagnosen seien schwierig zu kommunizieren: Die Eltern haben sich fixe Erklärungen für das Verhalten ihres Kindes zurechtgelegt – und greifen dann unter Umständen die Experten für deren vermeintliche Fehleinschätzung an. Doch viel öfter, sagt Reimann, reagierten die Eltern erschrocken, wenn sie vom hohen IQ ihres Kindes erfahren – oder sie verheimlichten die Diagnose gar, um dem Stempel «überehrgeizige Eltern» zu entgehen.

Wie kritisch Hochbegabte angegangen werden, zeigt der Fall von Maximilian, dem bekanntesten Wunderkind der Schweiz. Der 13-Jährige mit einem IQ von 149+ bestand mit neun Jahren die Matura, nächstes Jahr geht er an die Uni. Seine Eltern wurden als Rabeneltern bezeichnet, die ihren Sohn der Kindheit beraubten. Dabei sind gemäss Zepp 10 bis 15 Prozent der Schüler in einzelnen Fächern unterfordert – also nicht nur Hochbegabte.

Das kann früh beginnen: Eine Studie zeigte 2005, dass mindestens ein Fünftel der Erstklässler im Kanton Zürich so gut rechnen und lesen konnten, dass sie in der zweiten Klasse zurechtgekommen wären. Experten fordern schon lange einen flexiblen Schuleintritt. Glaubt man Psychologin Ania Chumachenco, bräuchten selbst einige der Kleinsten im Kinder­garten spezielle Förderung. Doch sie ernte oft Kritik, wenn sie vorschlage, dass ein Kind eine Klasse überspringe.

Die Anlaufstelle Hochbegabung kritisiert, dass Krippen und Kindergärten besonders wissensdurstigen Kindern oft nicht gerecht würden. In Deutschland gibt es Bestre­bun­gen, dass bereits Kitas Talente erkennen und fördern. Doch das ist in der Schweiz Wunschdenken: Hochbegabung sei kein Thema, heisst es bei Kibesuisse, dem Verband Kinderbetreuung Schweiz. Auch die Betreuerinnen hören davon nichts in der Ausbildung. Eine verpasste Chance, sagt Sonja Fuchs, Leiterin der Krippe Chinderburg in Zürich. «Das Kita-Personal muss sensibilisiert werden – das hat nichts mit ­Pushen zu tun.» Es gehe darum, dem Kind die Freude am Lernen zu erhalten und Anzeichen von Frustration zu erkennen.

Oder erst einmal dem Kind seine Fragen beantworten: Das vierjährige Mädchen, das vom Tod fasziniert war, wollte einen toten Menschen sehen. Also gingen die Eltern mit ihm ins Krematorium und besichtigten eine Leiche – die Kleine war zufrieden. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.07.2017, 21:19 Uhr

Anahí hat IQ 141

«Sie ist faul und kann nicht einmal malen»

Die von der Volksschule vorgeschlagene Psychotherapie empfand Anahí nach kurzer Zeit als «unlogisch». Foto: Michele Limina

Anahí packt ihren Turnsack, schlüpft in die Schuhe und verabschiedet sich. Sie will in die Klavierstunde – obwohl diese wohl gar nicht stattfindet. «Ich bin zu mehr als 50 Prozent sicher, dass es heute wegen der Ferien keinen Unterricht gibt», ruft die Mutter Verena Niederberger. Die Tochter geht trotzdem.

Anahí ist elf Jahre alt, nach den Sommerferien kommt sie in die sechste Klasse der Privatschule Talenta in Zürich. Wer die Talenta besuchen will, muss einen IQ von mindestens 130 Punkten haben. Anahí hat 141. Nur einer von 1000 Menschen ist so gescheit. Anahís Mutter musste trotzdem jahrelang dafür kämpfen, dass die Behörden die Hochbegabung akzeptierten.

Erste Zeichen für die überdurchschnittliche Intelligenz gab es schon früh. Als das Mädchen drei Jahre alt war, hörte die Mutter ein Klassikkonzert. Und plötzlich sagte die Tochter: «Jetzt hat die Musik einen Purzelbaum geschlagen.» Als Anahí fünf Jahre alt war, wollte sie wissen, ob es sich im Verhältnis zu den Wohnungskosten nicht besser rechnen würde, eigenes Land zu kaufen und selber darauf zu bauen.

Anahí und ihre Mutter wohnen in einem Block in Zumikon ZH. Zum Gespräch gibt es Hahnenwasser und Sirup. Das Mädchen sitzt zwei Stunden mit am Küchentisch. Wenn die Mutter die Erlebnisse zu ungenau schildert, korrigiert die Tochter. Sie wollte früher mal Ärztin werden, heute Forscherin oder Astronomin. Im Moment liest sie «Sophies Welt» von Jostein Gaarder, ein Lieblingsbuch hat sie aber nicht. Anahí mag das Fach Philosophie. Sie spielt Klavier, Geige und Schach.

In der ersten Klasse fragte sie, wieso sie lebe

Verena Niederberger ist in Paraguay aufgewachsen, als Tochter eines Schweizer Auswanderers. Sie besuchte die «Primarschule im Dschungel», wie sie selber sagt. Im Alter von 18 Jahren siedelte sie in die Schweiz über, lernte Deutsch, liess ihre Matur anerkennen und machte eine KV-Lehre. Dann studierte sie Psychologie an der Universität – heute arbeitet die 47-Jährige bei den Verkehrsbetrieben Zürich. Die Probleme mit Anahí beginnen in der ersten Klasse. Das Mädchen wirkt geistesabwesend, ist zuweilen aggressiv, kaut auf ihren Fingernägeln, verletzt sich oft beim Spielen, kann nachts nicht mehr schlafen. Es fragt: «Wieso gehe ich zur Schule, wenn ich nichts lerne? Wieso lebe ich überhaupt?»

Die Mutter ist alarmiert. Sie bittet die Lehrerin um eine psychologische Abklärung. Diese will davon nichts wissen, sie sagt: «Anahí ist faul. Sie kann nicht einmal malen. Sie ist nicht besser als andere. Sie ist normal.» Die Lehrerin weiss nicht, dass ihre Schülerin schon schreiben und gut rechnen kann. Sie weiss nicht, dass Anahí zu schüchtern ist, um auf dem Klavier im Klassenzimmer zu spielen.

Die Mutter lässt sich abspeisen, versucht aber auf eigene Faust, ihre Tochter zu unterrichten. Und wird immer wieder verblüfft: Einmal trägt sie Anahí zur Strafe auf, die Sechser-, Siebner- und Achterreihe des Einmaleins auswendig zu lernen. Als die Mutter 20 Minuten später aus der Dusche kommt, sagt die Tochter: «Ich glaube, ich habs.»

Abermals ersucht die Mutter um eine Abklärung ihrer Tochter – und nun willigt die Schule ein. Dabei kommt nicht nur heraus, dass Anahí höchstbegabt, sondern auch depressionsgefährdet ist. Die Schule schlägt ein Überspringen einer Klasse vor – ohne weitere Fördermassnahmen – und eine Psychotherapie. Die Psychologin sagt jedoch: Es braucht zusätzliche Fördermassnahmen ausserhalb des Unterrichts. Oder eine spezialisierte Schule wie die Talenta. Diese kostet 25'000 Franken im Jahr.

«Ein anderer Mensch» in der neuen Schule

Verena Niederberger arbeitet mit einem Pensum von 80 Prozent – sie ist keine Grossverdienerin. Von Anahís Vater ist sie geschieden. Er ist freischaffender Künstler, hat kein regelmässiges Einkommen. Trotzdem entscheidet sich die Mutter für «etwas, das ich mir nicht leisten kann» – für die Talenta. Auch weil die Tochter die Psychotherapie nach kurzer Zeit als «unlogisch» empfindet. Die Mutter schreibt Stiftungen und Gönner an – irgendwann erhält sie eine Zusage. Eine wohlhabende Frau übernimmt einen Teil der Schulkosten. Anahí blüht auf, nach einer Woche in der neuen Schule ist sie «ein anderer Mensch», wie die Mutter sagt. Die Tochter sagt: «Es gefällt mir – zu 100 Prozent.»
Dominik Balmer

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Ist Ihr Kind hochbegabt?

Was bedeutet begabt?


  • Besondere Begabung: 10 bis 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben in einem oder mehreren Bereichen eine besondere Begabung. Ihr Entwicklungsstand liegt auf diesem Gebiet deutlich über demjenigen ihrer Alters­genossen.

  • Hochbegabung: Etwa 2 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben eine Hochbegabung in einem oder mehreren Bereichen. Ihr Entwicklungsstand liegt auf diesem Gebiet in ausgeprägtem Mass über demjenigen ihrer Altersgenossen.

  • Höchstbegabung: Etwa eine von 100'000 Personen kann als höchstbegabt im Sinne eines Genies bezeichnet werden.


Hohe Begabungen können sich auf sehr unterschiedliche Arten manifestieren. Dennoch gibt es Merkmale, von denen einige bei besonders begabten Kindern vermehrt auftreten.

So erkennen Sie Begabungen:

  • aussergewöhnliche Neugier, Wissensdrang, frühes Detailwissen (z. B. über Dinosaurierarten oder zum Weltall)

  • Interesse für philosophische und ethische Fragen

  • ausgezeichnetes Gedächtnis

  • gute Beobachtungsgabe

  • früh grosser Wortschatz, auffällige Lese- und Schreibfertigkeit und/oder ungewöhnliche mathematische Auffassungsgabe

  • Scharfsinn, Sarkasmus, Humor

  • ältere Bezugspersonen

  • Individualismus, unkonventionelles Verhalten, kritisches Denken

  • ausgeprägtes Moralbewusstsein, Beschäftigung mit Fragen zu Gut und Böse, Gerechtigkeit usw.


Experten empfehlen eine Abklärung auf Hochbegabung nie als Selbstzweck, sondern nur, wenn dazu ein Anlass besteht – etwa wenn das Kind unter der Situation leidet.

Eine Abklärung auf Hochbegabung kann sinnvoll sein, wenn

  • die schulische Leistung unter dem Potenzial bleibt

  • das Kind durch unangepasstes, unruhiges oder aggressives Verhalten auffällt

  • das Kind sich zurückzieht oder in eine Depression fällt

  • das Kind über undefinierbare Kopf- oder Bauchschmerzen klagt


Hochbegabt und/oder verhaltensauffällig?
Hochbegabte Kinder sind nicht häufiger verhaltensauffällig als durchschnittlich Begabte. Sie können aber ähnliche Verhaltensauffälligkeiten zeigen wie Kinder mit beispielsweise einer ADHS- oder einer Autismus-Störung.

  • ADHS: Gegen eine ADHS-Diagnose und für Hochbegabung spricht unter anderem, wenn sich das Kind nur in der Schule auffällig verhält, wenn seine Hyperaktivität nicht ziellos ist und wenn das Kind seine Aufgabe nach einer Ablenkung schnell wieder aufnehmen kann.

  • Autismus-Spektrum-Störung: Gegen eine Autismus-Diagnose und für Hochbegabung spricht unter anderem, wenn das Kind mit Veränderungen gut umgehen kann, mit anderen Begabten unauffällig im Sozialkontakt ist sowie Empathie und Emotionen zeigt.


Tina Huber
Quellen: Amt für Volksschule Kanton Thurgau;Zentrum für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie, Basel; Stiftung für Hochbegabte Kinder

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Kommentare

Die Welt in Bildern

Alle wollen einen Schnappschuss von den Royals: Während des Besuchs von Herzogin Kate und Prinz William im polnischen Gdansk versammeln sich unzählige Schaulustige auf dem Marktplatz, um den Moment fotografisch festzuhalten. (18. Juli 2017)
(Bild: Bogdan Popescu) Mehr...