Ruag expandiert in Hochrisikoland im Nahen Osten

Der Rüstungskonzern des Bundes baut eine Tochterfirma am Golf auf, um Kriegssimulatoren zu entwickeln.

Das Leiden der  Bevölkerung:
In Taizz kämpfen jemenitische Soldaten gegen Rebellen 
Foto: AFP

Das Leiden der Bevölkerung: In Taizz kämpfen jemenitische Soldaten gegen Rebellen Foto: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Bürgerkrieg hat den Jemen ins Elend gestürzt. Mehrere Tausend Bewohner des ärmsten arabischen Landes sind bereits gestorben. Millionen, darunter viele Kinder, Frauen und Alte, haben nicht genug zu essen. An vorderster Front am Krieg beteiligt sind die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie schickten Bodentruppen ins Gefecht und bildeten auch jemenitische Regierungssoldaten aus.

Ausgerechnet jetzt baut die staatliche Schweizer Waffenschmiede Ruag in den Arabischen Emiraten eine Tochterfirma auf: die Ruag Simulation Company LLC, registriert an einer Adresse mitten in der Hauptstadt Abu Dhabi. Ein heikles Unterfangen: Die Emirate sind nicht nur Kriegspartei im Jemen, sie verschenkten auch schon illegal Ruag-Handgranaten und sorgten so dafür, dass Schweizer Waffentechnik im Syrien-Krieg zum Einsatz kam, wo das Kriegsvölkerrecht seit Jahren aufs Gröbste verletzt wird.

Anfrage an die Ruag-Medien-stelle: Wozu dient diese Firma? Antwort: «Der Zweck ist der Abbau von vertraglich bestehenden Offsetverpflichtungen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, welche die Ruag aus früheren Verträgen hat.» Offsetverpflichtungen sind in der Rüstungsbranche üblich und bezeichnen eine Art Gegengeschäft. Immer wenn die Ruag Rüstungsgüter in die Emirate exportiert, verpflichtet sie sich, einen Teil des Auftragswerts vor Ort zu kompensieren. Mit eigenen Einkäufen oder Investitionen. Häufig werden Offsetgeschäfte im zivilen Sektor abgewickelt.

Das tönt harmlos. Man könnte fast meinen, die Firma sei eine blosse administrative Notwendigkeit. Doch es ist nur die halbe Wahrheit. Die Ruag verfolgt mit ihrer Tochter in Abu Dhabi weit grössere Ziele als von der Medienstelle dargestellt. Es geht ihr auch darum, im ebenso lukrativen wie risikoreichen arabischen Raum zu wachsen.

In Fachzeitschriften einer der weltweit grössten Waffenmessen, der Idex in Abu Dhabi, schaltete die Ruag 2015 halbseitige Inserate. In grosser Schrift steht da: «Unseren geschätzten Kunden im Nahen Osten verpflichtet. Es ist uns eine Ehre, hier zu sein.» Weiter schreibt die Ruag in der Anzeige, man wolle mit der Ruag Simulation Company LLC die Präsenz im Nahen Osten ausdehnen und die Kundenbetreuung intensivieren. Es ist wohl kein Zufall, dass die Ruag ihre Niederlassung in Abu Dhabi nur drei Monate vor der Idex 2015 gegründet hatte. Denn an der Messe präsentierte die Ruag mit viel Pomp ihre neuste Entwicklung als Weltpremiere: die Cobra – ein Hightech-Mörsersystem, das damit beworben wird, in Sekundenschnelle schussbereit zu sein. In den Hochglanzprospekten für die Cobra und weitere Rüstungsgüter ist die Ruag Simulation Company LLC als direkter Ansprechpartner verzeichnet – als vierter Standort neben jenen in der Schweiz, Deutschland und Frankreich.

Offensichtlich werden an der Niederlassung in Abu Dhabi auch militärische Güter entwickelt. So lassen sich nämlich im Internet mehrere Stelleninserate finden, mit welchen die Ruag in Abu Dhabi Personal sucht, aktuell einen Projektmanager und einen Software-Entwickler.

Werden Truppen an Ruag-Geräten ausgebildet?

Konfrontiert mit der Recherche, krebst der Ruag-Sprecher zurück. «Dass die Ruag diese Plattform (Anm.: gemeint ist Ruag Simulation Company LLC) für weitere Geschäfte in den Vereinigten Arabischen Emiraten nutzen wollte und will, dürfte klar sein», heisst es plötzlich in seinen schriftlichen Antworten. Auf Nachfrage gibt er auch bekannt, dass im Moment vier Personen für die Ruag in Abu Dhabi arbeiten.

Die kritischen Fragen zur Tochterfirma in der Wüste werden beim Rüstungskonzern schliesslich zur Chefsache. Konzernchef Urs Breitmeier empfängt zum Gespräch. Er erklärt, dass die Ruag im Rahmen des Offsetprogramms verpflichtet sei, in den Emiraten mehrere Dutzend Millionen Dollar Wertschöpfung zu generieren. Es sei geplant, den Personalbestand im Laufe des nächsten Jahres auf 10 bis 15 Personen zu steigern.

Die Ruag-Mitarbeiter sollen vor Ort militärische Simulatoren entwickeln. Maschinen also, mit welchen die Soldaten lernen, zu schiessen oder Panzer auf dem Kampffeld richtig zu bedienen. Möglicherweise werden sogar jemenitische Regierungstruppen an den Ruag-Simulatoren ausgebildet. Gemäss der lokalen Zeitung «The National» erhielten diese von den Emiraten Kampf-, Waffen- und Erste-Hilfe-Training.

Den Arabischen Emiraten geht es mit dem Offsetprogramm nicht nur um die Schaffung von Arbeitsplätzen. Sie wollen sich auch Wissen des Schweizer Rüstungskonzerns aneignen. Ruag-Chef Breitmeier betont: «Wir machen in Abu Dhabi nur, was wir auch nach Schweizer Gesetzgebung exportieren dürften. Die Ruag Simulation Company wird unter keinen Umständen dazu genutzt, die strengen Exportbestimmungen zu umgehen.»

Die Ruag hat gemäss Breit­meier zwar die volle Kontrolle über die Firma. Doch sie gehört zu 51 Prozent lokalen Geschäfts­leuten. So verlangen es die Offsetregeln der Vereinigten Arabischen Emirate. Die Namen der lokalen Partner hält die Ruag unter Verschluss. Nur so viel: Es seien keine staatlichen Stellen beteiligt.

Emirate erwiesen sich als unzuverlässige Partner

Weshalb die ganze Geheimnistuerei? Grund Nummer eins ist der Krieg im Jemen. Ein Jahr lang blockierte der Bundesrat deswegen sämtliche Waffenexporte in die Region, bevor er letzten Frühling wieder einige Geschäfte erlaubte. Wenn der staatseigene Rüstungskonzern gleichzeitig in einem der Krieg führenden Länder eine Niederlassung aufbaut, ist das kein gutes Timing. Und es stellt die Neutralität der Schweiz infrage. Grund Nummer zwei ist die belastete Vorgeschichte. Gleich zweimal erwiesen sich die Vereinigten Emirate nämlich schon als unzuverlässiger Partner. Sie verletzten die Verträge, indem sie Ruag-Waffen an andere Länder weitergaben. So verschenkten sie Zehntausende Ruag-Handgranaten nach Jordanien, wovon dann 2012 prompt ein Teil bei den Rebellen der Freien Syrischen Armee im Syrien-Krieg auftauchte. Und ein paar Jahre zuvor verkaufte die Ruag 40 ausgediente Panzerhaubitzen an die Emirate. Diese gaben sie dann weiter nach Marokko – ein Land, das die Schweiz wegen des Westsahara-Konflikts nicht mit Kriegsmaterial beliefern darf.

Die Nervosität der Ruag hat aber noch einen dritten Grund, und der ist innenpolitischer Natur. Derzeit laufen beim Bund Überlegungen, ob die Ruag oder Teile davon privatisiert werden sollen. Ein Schritt, den sich der Konzern schon lange wünscht. Er erhofft sich davon grössere unternehmerische Freiheiten – gerade für Engagements im Ausland. Doch es ist Sand im Getriebe. Nach der Sommerpause legte der Leiter der zuständigen Projektgruppe des Bundes sein Mandat nieder. Eine Unverträglichkeit zwischen Personen habe zum Eklat geführt, berichten Insider.

Klar ist: Wird nun das aktuelle Auslandengagement der Ruag kritisch diskutiert, ist das einer raschen Lösung der Privatisierungsfrage nicht zuträglich. Im kommenden Februar findet in Abu Dhabi die nächste Ausgabe der Waffenmesse Idex statt. Wieder mit eigenem Stand dabei: die Ruag. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.12.2016, 22:48 Uhr

Artikel zum Thema

Ruag-Chef verteidigt seinen Spitzenlohn

Der Chef des bundeseigenen Technologiekonzerns, Urs Breitmeier, rechtfertigt sein Jahressalär – und warnt vor den Folgen von Lohndeckeln für Topkader. Mehr...

Zwischen den Panzermotoren in Thun steckte Kokain

Drogen mit einem Strassenwert von 15 Millionen Franken wurde auf dem Ruag-Werk in Thun in einer Sendung aus Chile entdeckt. Mehr...

Wie gut ist die Armee vor Cyberangriffen geschützt, Herr Blattmann?

Nach der Spionage-Attacke auf die Ruag ging die Armee über die Bücher. Heute hat der Armee-Chef Stellung genommen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Blogs

Blog Mag Preise und Werte

Mamablog Rentenalter 57, nur für Frauen

Die Welt in Bildern

Hast du mal Feuer: Forrest Scott schaut auf die Buschfeuer rund um sein Haus bei Santa Margarita in Kalifornien (26. Juni 2017).
(Bild: Joe Johnston/The Tribune) Mehr...