«Um Gottes willen, die Werbung für Hämorrhoiden-Creme»

«Breaking Bad»-Star Bryan Cranston über sein Leben als mässig erfolgreicher Schauspieler und den Durchbruch nach fünfzig.

«Ein Lehrer, der Drogen herstellt? Hä? Das lief irgendwie nicht»: Bryan Cranston über die Anfänge von «Breaking Bad». Foto: Getty

«Ein Lehrer, der Drogen herstellt? Hä? Das lief irgendwie nicht»: Bryan Cranston über die Anfänge von «Breaking Bad». Foto: Getty

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit seinem Durchbruch in der Serie «Breaking Bad» ist Bryan Cranston das gefragteste Faltengesicht Hollywoods. Letztes Jahr wurde der 61-Jährige für seine Rolle als griesgrämiger Drehbuchautor Dalton Trumbo in «Trumbo» für einen Oscar nominiert, derzeit ist er in der Amazon-Serie «Sneaky Pete» zu sehen. Beim Treffen erweist er sich als fröhlicher Grimassenschneider, der die Anekdoten aus seinem Leben nicht nur gern erzählt, sondern am liebsten auch vorspielt – selbst wenn nur ein ­Zuschauer im Raum ist.

Stimmt es, dass sie ­ursprünglich gar nicht ­Schauspieler, sondern Polizist werden wollten?
Ja. Ich habe als Jugendlicher meine Polizeiausbildung begonnen.

Und was ist dann passiert?
Schuld war ein Mädchen. Ich wollte mal in den Schauspielkurs der Akademie reinschnuppern, um zu sehen, was die da so machen. Der Dozent verteilte Zettel mit Spielübungen, und zufälligerweise stand neben mir dieses wunderschöne Mädchen. Wir bekamen folgende Aufgabe: Ein Paar knutscht auf einer Parkbank.

Goodbye, Polizei.
Von diesem Moment an war klar, dass das mit Law & Order nichts wird.

Und wie war der Kuss?
Ich habe in dem Moment komplett vergessen, dass es nur eine Übung war. Ich dachte mir: Geküsst hast du sie ja schon, da kannst du sie auch noch zum Essen einladen. Aber sie schaute mich nur mitleidig an und sagte: «Sorry Kleiner, ich hab einen Freund.»

Waren Ihre Eltern skeptisch, als Sie ihnen mitteilten, dass Sie Schauspieler werden wollten?
Nein, meine Eltern waren nicht in der Position, sich darüber beschweren zu dürfen. Sie haben sich getrennt, als ich elf war. Mein Vater ist danach abgehauen, meine Mutter hatte Probleme mit dem Alkohol und wurde depressiv. Ich bin dann bei meinen Grosseltern aufgewachsen, die übrigens aus Deutschland stammten, aus Hamburg.

Grosseltern sind oft ­nachsichtiger als Eltern.
Im Gegenteil! Mein Bruder und ich wollten zunächst nicht zu ihnen aufs Land ziehen, weil wir wussten, dass sie im besten deutschen Sinne streng waren. Im Rückblick war es aber genau das, was wir damals brauchten. Ein beständiges Umfeld, auf das man sich verlassen konnte. Für sie war es okay, dass ich die Schauspielerei ausprobieren wollte. Nur mich selbst musste ich noch überzeugen, dass das nicht doch eine Schnapsidee war.

Wie haben Sie das angestellt?
Durch eine Art Selbstfindungstrip. Kurz nach der Sache mit dem Kuss sind mein Bruder und ich mit den Motorrädern durch die USA gereist. Meistens haben wir im Freien übernachtet, ab und zu gejobbt. Als ich danach zurück nach Los Angeles kam, hatte ich mich entschieden: Ja, ich will Schauspieler werden.

Ich habe ein paar hübsche alte Sachen von Ihnen aus den Achtzigern auf Youtube ­entdeckt.
Um Gottes willen, meinen Sie die Werbung für Hämorrhoiden-Creme?

Sich für nichts zu schade: Der 24-jährige Cranston preist in schmierigen Werbespots die Hämorrhoiden-Creme «Preparation H» an. Foto:PD

Zum Beispiel. Oder diese eine «Baywatch»-Folge aus dem Jahr 1989. Da spielen Sie einen Rowdy, der sich mit den ­Rettungsschwimmern anlegt
. Oh je, das tut mir leid! Ich hoffe, Sie haben sich das nicht ganz angeschaut. Aber es war eben ein Job, und wenn man als Schauspieler anfängt, muss man alles nehmen. Das ist nicht immer künstlerisch erfüllend, aber der Gehaltscheck ermöglicht es einem, Schauspieler zu bleiben – bis eine bessere ­Gelegenheit kommt.

Konnten Sie wirklich schon am Anfang von der Schauspielerei leben?
Nein. Ich habe in Restaurants und Kneipen gekellnert und Trucks beladen, um was dazuzuverdienen. Eine Zeit lang habe ich auch bei einer Video-Dating-Firma gearbeitet. Da musste ich die Kunden interviewen und die Gespräche aufzeichnen, um sie dann mit diesem Band an potenzielle Partner zu vermitteln. Ich glaube, ich war ganz gut.

Malcolm mittendrin, 2000–2006 Sein Engagement als Vater in der lustigen Familienserie (mit 44) war eine Art Durchbruch – nach Jahren kleiner Auftritte. Foto: PD

Richtig berühmt sind Sie dann erst mit Anfang fünfzig ­geworden. Hat das auch Vor­teile, ein Spätzünder zu sein?
Bei mir war es so, und das ist schon in Ordnung. Aber ich hatte in meiner beruflichen Laufbahn nie das Gefühl, dass ich ein bestimmtes Level erreichen muss. Ich wollte einfach regelmässig arbeiten. Und wenn man ein bisschen Glück hat, kommt was Tolles des Weges.

Wie «Breaking Bad».
Ich habe sehr davon profitiert, dass sich das Fernsehen so grundlegend verändert hat. Durch die vielen Kabelsender und die Streaming-Dienste drängen viel mehr Anbieter als früher in den Markt, und der Konkurrenzdruck ist so gross geworden, dass auch die Qualität gestiegen ist. «Breaking Bad» ist dafür das perfekte Beispiel. Das hätte noch vor ein paar Jahren niemand finanzieren wollen. Aber der Sender AMC wollte eine aussergewöhnliche Serie, um Zuschauer anzulocken. Also hat er sich getraut.

Was war das Besondere an «Breaking Bad»?
Früher gab es viele Serien mit Protagonisten, die als schlechte Menschen begannen und dann geläutert wurden. Aber eine Figur wie Walter White, der als guter Mensch anfängt und dann zum Bad Guy wird, vom Lehrer zum Drogen­hersteller, das hatte es noch nicht gegeben.

Haben Sie von Anfang an den Erfolg der Serie geglaubt?
Überhaupt nicht. Mit Vince Gilligan, dem Erfinder der Serie, habe ich am Anfang viel darüber diskutiert, aber wir hatten ehrlich gesagt keine Ahnung, ob die Zuschauer das sehen wollen. Dass die Show ein Hit wird, habe ich erst sehr spät gemerkt. Etwa um die dritte Staffel herum.

Breaking Bad, 2008–2013: Mit der Rolle des Walter White, eines krebskranken Chemielehrers, der Crack kocht, um die Familie zu ernähren, und zum gefürchteten Drogenboss mutiert, sprengte Cranston alle Formate. Er erhielt dafür unzählige Auszeichnungen – da war er schon über fünfzig.

Erstaunlich, dass Sie überhaupt eine zweite und dritte Staffel machen durften, obwohl der Erfolg am Anfang ausblieb.
Bei einem der grossen Sender wären wir nach der ersten Staffel weg vom Fenster gewesen. Es haben zunächst wirklich wenig Leute eingeschaltet! Ein Lehrer, der Drogen herstellt? Hä? Das lief irgendwie nicht. «Breaking Bad» hat eine behutsame Dramaturgie, nicht so viel Effekthascherei wie andere Serien. Die Geschichte entwickelt sich langsam. Aber was sich daraus entwickelt, hat die Leute irgendwann fasziniert, es hatte fast eine hypnotische Wirkung. Und siehe da, plötzlich haben das immer mehr Menschen so gesehen, und wir hatten einen Hit.

Fehlt Ihnen Walter White manchmal?
Nein. Es ist jetzt vier Jahre her, dass wir die Serie abgeschlossen haben – und mir fehlen die Menschen, mit denen ich sie gemacht habe. Wir sind über die Jahre zusammengewachsen wie eine Familie, da erlebt man Hochzeiten und Scheidungen, Todesfälle und Geburten, das schweisst zusammen. Aber wir mussten die Serie ja nicht mittendrin wegen Misserfolgs beenden, wir durften sie nach unserem Willen zu Ende erzählen. Deshalb habe ich mit Walter abgeschlossen.

Sie haben ein paar Episoden selbst als Regisseur inszeniert, wie schon zuvor bei der Comedy-Serie «Malcolm mittendrin», in der Sie ebenfalls gespielt haben. Wie kommt der Regisseur Bryan Cranston mit dem Schauspieler Bryan Cranston zurecht?
Der Regisseur Bryan Cranston hält den Schauspieler Bryan Cranston selbstverständlich für ein Genie und macht ihm den ganzen Tag Komplimente! Gute Arbeit, Bryan, du warst wundervoll! Nein, im Ernst, das hat bei diesen Serien gut funktioniert, weil ich meine Rollen ja schon in- und auswendig kannte. Ich wusste, wie ich meine Szenen spielen muss, damit es sich in die Handlung einfügt, also konnte ich es auch inszenieren.

Würden Sie gerne wieder als Regisseur arbeiten?
Ja, sehr gerne. Ich habe kürzlich ein Drehbuch für einen Kinofilm geschrieben, den ich auch inszenieren möchte. Wir versuchen gerade, das zu finanzieren. Es geht um einen erfolgreichen FBI-Agenten, der überraschend kündigt und mit seiner Frau und seinem Sohn in den Mittleren Westen zurückkehrt, in ein kleines, ländliches Städtchen, in dem aber schlimme Sachen passieren. Es ist eine Vater-Sohn-Geschichte.

Wie schwer ist es denn, Geld dafür aufzutreiben?
Sehr schwer. Kunst und Kommerz sind immer noch komplizierte Weggefährten. Vor allem im Kino. Dabei sind Independent-Filme doch genau das Genre, bei dem die Leute hinterher nicht einfach mit den Schultern zucken und ins Bett gehen, sondern vielleicht noch ein Bier trinken und sich über das, was sie gesehen haben, unterhalten. So wie über «Breaking Bad».

Sie streiten gerne über Kunst?
Ich liebe es, mich über Kunst zu streiten. Das Schöne daran ist, dass es keine falschen Antworten gibt. Wir beide können uns vor ein Gemälde stellen, und ich sage: Toll! Und Sie sagen: Nein, das ist scheisse. Und beide Meinungen sind richtig. Wenn man sich die Politik anschaut, gibt es da einen fatalen Hang, darüber zu streiten, wer recht hat und wer nicht. In der Kunst bilden verschiedene Meinungen im Idealfall eine Brücke, sodass man sich näherkommt.

Sehen Sie das als Ihre zentrale Aufgabe, Brücken zu bauen?
Das, und natürlich schöne Frauen zu küssen. Ich durfte beruflich viele schöne Damen küssen, ich bin ein Glückspilz. Aber abends gehe ich immer zurück zu meiner Frau.


Bryan Cranstons neue Serie «Sneaky Pete» kann bei Amazon Video geschaut werden (in der Schweiz kann der Streaming-Dienst für ca. 6 Franken monatlich abonniert werden, www.primevideo.com) (SonntagsZeitung)

Erstellt: 15.07.2017, 15:13 Uhr

Artikel zum Thema

Toys'r'us verbannt «Breaking Bad»-Puppen

Die Puppen der TV-Serie «Breaking Bad» hätten nichts neben Barbie und Disney-Figuren verloren, befand eine Petition. Hauptdarsteller Bryan Cranston versteht das gar nicht. Mehr...

«Breaking Bad»-Star wird «Sweet 60»

Video Und feiert wie eine verwöhnte, 16-jährige Göre. Mehr...

«Breaking Bad» bringt Touristen nach New Mexico

Albuquerque ist nicht gerade der Nabel der Welt. In «Breaking Bad» wurde die Stadt in New Mexico auch eher als düstere Provinz voller Krimineller gezeigt. Macht nichts: Die Stadt erlebt einen Touristenboom. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Digitale Abos

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Neu ab 18.- CHF pro Monat

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss So sehen Sie nicht alt aus!

Blog Mag Wir müssen reden

Abo

Digitale Abos

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Neu ab 18.- CHF pro Monat

Die Welt in Bildern

Ungewohnte Besetzung: Ein japanisches Alphornquartett nach seinem Auftritt am internationalen Alphornfestival in Nendaz. (23. Juli 2017)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...