Wir Alkoholiker

Günter Wallraff über Benjamin von Stuckrad-Barres literarische Suchtbewältigung und seine eigenen Rauschrituale.

Günter Wallraff, heute 74, als junger Mann mit einer Flasche Chantré-Weinbrand. Foto: Privatarchiv

Günter Wallraff, heute 74, als junger Mann mit einer Flasche Chantré-Weinbrand. Foto: Privatarchiv

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ich habe dieses Büchlein, kaum grösser als ein Notizbuch, sicher schon zwanzigmal in meinem Bekanntenkreis verschenkt. «Nüchtern» von Benjamin Stuckrad-Barre. Ich schenke es an all die Gelegenheits-­ und Gewohnheitstrinker, all die sonst wie Süchtigen. Zu denen auch ich gehöre. Das Übliche halt: Beim Essen trinken, in Gesellschaft trinken, drei- bis sechsmal die Woche, jeweils mehrere Glas Wein trinken, auch mal eine ganze Flasche.

Benjamin Stuckrad-­Barre ist ein Suchtmensch. Über seine Abstürze hat er grausam ehrlich geschrieben, ausser in «Nüchtern» auch in seinem neusten Werk «Panikherz», es ist so etwas wie seine Autobiografie, die Story eines vielfach Abhängigen. Als er mit 17 mit dem Schreiben begann, hat er auch seine Suchtkarriere begonnen, um seinen «Helden» nach­zueifern: den schreibenden Alkoholikern von Truman Capote über Charles Bukowski, F. Scott Fitz­gerald, Alan Ginsberg bis Jörg ­Fauser.

«Auch ich bin ein Suchtmensch: Ich halte mich nicht am Wasserglas, sondern am ­
Weinglas fest»

Auch ich bin ein Suchtmensch: Ich halte mich nicht am Wasserglas, sondern am Weinglas fest. Der Alkohol wird mir zum letzten Halt inmitten des süffig-­geschwätzigen Wirrwarrs, der um mich herum wabernden Rederei. Es könnte ­indes auch pure Angst sein: Ich ­bekam einmal, nach einem langen Flug mit zu wenig Schlaf und zu viel Alkohol heftigste Herzrhythmusstörungen, nah einem Herzinfarkt. Spätestens seit dieser Schreckerfahrung gehöre ich zu den in «Panikherz» gescholtenen kleinbürgerlichen Mittelmass­trinkern, zu den Warmduschern unter den Alkoholikern.

Unter den Alkoholikern? Ja, schon. Ein befreundeter Psychologe und Suchtberater liess daran keinen Zweifel, als ich ihm stolz davon berichtete, ich hätte gerade sechs Monate keinen Tropfen ­angerührt. Das empfände ich jetzt als sehr angenehm, jetzt könne ich wieder richtig geniessen. Er mochte mein stolzes Bekenntnis nicht loben, er qualifizierte mein «Geniessenwollen» nur sehr trocken als typischen Alkoholikercode.

Abstinenzler von der Wiege bis zur Bahre gibt es allenfalls im Promillebereich. Die meisten werden schon früh animiert. Nicht wenige werden abhängig. Ich habe zum Beispiel der deutschen Schriftstellerin Irmgard Keun, die in ihren jüngeren Jahren «Das kunstseidene Mädchen» schrieb, einmal einen Gefallen getan. Sie lag in einer Pflegeanstalt, die streng antialkoholisch ausgerichtet war. Weil sie es mir so resolut abverlangte, habe ich ihr Hochprozentiges hineingeschmuggelt. Sie kam, mit seltenen Unterbrechungen, ihr Leben lang nicht vom Alkohol los.

Trockener Alkoholiker, der er nun seit über zehn Jahren ist, schiebt sich Stuckrad-­Barre heute ernüchtert durch den Alkoholdunst jeder beliebigen Zusammenkunft, egal ob Party, Empfang oder Restaurant, ob unter Freunden, Berufskollegen, Gleichgesinnten, Feinden oder Gleichgültigen: Gesellschaftliche Events ohne Alkohol sind undenkbar.

Was da abgeht, fängt der Autor so ein: «Die Gläser klingen, die Korken knallen, der Abend nimmt Fahrt auf, nur nimmt er mich nicht mit. Ich bin der Missklang, der Geisterfahrer, das Funkloch. Mein nüchterner Kopf entzoomt das Gewühl, zieht das Bild in eine Totale. Ich höre jeden Versprecher und muss mir alles angucken, was im Schneideraum der Erinnerung bei den anderen später gnädig – zur Not brutal per ‹Filmriss› – raus­geschnitten wird.»

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Stuckrad-Barre beschimpft in seinem Brevier keinesfalls die Säuferinnen und Säufer. Er gibt uns nicht den missionarischen Prediger wider die Versuchung. Er ist nur der Spielverderber der alkoholisierten Konventionen, die vorschreiben, man habe sich locker- und frohzutrinken.

«Schreiben unter Alkohol ist 
ganz und gar ­unmöglich, und es geschieht ja doch»

Das Buch ist die ehrliche Selbsterkenntnis eines trockenen Alkoholikers, aus der auch die Trauer um den Rauschverlust herrührt. Ich nehme ihm deshalb umso mehr seine sonstigen Erkenntnisse ab. Besonders seine Dekonstruktion des romantisierenden Blicks auf diese Droge, das Schreiben betreffend. Schreiben unter Alkohol ist ganz und gar unmöglich, hat auch Stuckrad-­Barre im Laufe seiner schriftstellerischen Tätigkeit erfahren müssen.

Okay, nein, nicht unmöglich, es geschieht ja und geschah ihm auch. Aber es gibt wohl nur wenige Literaten, die ihr promillegetränktes Geschreibsel am nächsten Tag nicht verworfen haben. Wer das in alkoholangetriebenem Höhenflug Hingekritzelte in nüchternem Zustand doch noch zu retten versucht, es auswringt und die Essenz betrachtet, dem ergeht es nicht besser, er hat nur noch mehr Zeit verloren.

Alle seine Reportagen und Bücher hat Stuckrad-­Barre nüchtern geschrieben. Wie die anderen Säufer auch, denen er nachgeeifert hat. Stuckrad-­Barre ist trocken, wie gesagt. Und raucht seitdem wie ein Schlot, davon handelt der zweite Text des neuen Buches. Nicht das Rauchen, sondern die Inkonsequenz, mit der er die eine, die überwundene Sucht anprangert und in die andere flüchtet; die typische Suchtverlagerung, wie er selbstkritisch bekennt. Der Mann ist Süchtiger geblieben; seine neue, weniger schmackhafte und noch weniger berauschende Droge hindert ihn aber immerhin nicht mehr am Schreiben, wie es der Alkohol und die diversen anderen Stoffe getan haben. Weil der Autor gnadenlos bekennender Nochraucher ist, setzt er sich mit ähnlichen Schicksalsgenossen auseinander, und wir kommen deshalb in den Genuss einer Abrechnungen mit dem prominentesten Demonstrativraucher Deutschlands, Helmut Schmidt: «Da kommt einem natürlich der grosse China-­ und Was-nicht-alles-­Experte Schmidt in den Sinn, der mit Blick auf China ja die Menschenrechte gern als etwas Relatives darstellte, als westlichen Modegag; für Helmut Schmidt war das Rauchen wahrscheinlich das einzige weltweit verbindliche Menschenrecht, und solange die Chinesen so unbehelligt rauchen dürfen, sollte man es mit anderen Einschränkungen dort nicht so eng sehen.

Helmut Schmidts Rauchen habe ich immer als sehr unan­genehm empfunden, alles daran. Die Rücksichtslosigkeit, die ausgestellte Undiszipliniertheit, Ketten­rauchen in einer Art, die wörtlich übersetzt nichts anderes bedeutete als: Ihr könnt mich alle mal. Wurde er einmal mehr in seiner Eigenschaft als all­wissender Kotzbrocken befragt, waren die Menschen stets sehr ­angetan, weil er so unhöflich war und nur auf ­seine Zigarette ­starrte, während er uns voll­laberte.»

«Ob Alkohol am Ende doch jene 
rebellische und widerständige Droge ist, die zu mehr Unerschrockenheit verhilft?»

Etwas weniger Gängelung des Rauchers dürfte es nach Ansicht von Stuckrad-­Barre allerdings schon sein, solange zumindest er selber dieser Sucht anhängt. Er findet sich in den diversen rauchunfreien Zonen wieder, muss sich nach draussen vor die Kneipe in die Kälte begeben oder steht angeekelt vor den Flughafenkäfigen für die qualmenden Süchtigen, diese «Kabuffs des Grauens», die die «Behaglichkeit eines Gefangenentransportes in einem Unrechtsstaat verströmen».

Nüchterne Sprachgewalt, fürwahr. Im Alkoholrausch wären uns diese Zeilen nicht geschenkt worden. Wobei: Rausch muss sein. Aber wenn man Alkohol und sonstige Drogen nicht mehr anrühren kann – was bleibt dann noch? Das Laufen zum Beispiel. Ich weiss, wovon ich rede. Ich laufe um mein Leben und für mein Leben gern. Das habe ich mit ­Stuckrad-Barre gemeinsam. Ab dem zwölften bis fünfzehnten Kilometer schüttet der Körper bei mir so viele Endorphine oder meinetwegen auch Endocannabinoide aus, dass es mindestens vorübergehend zur Selbstvergessenheit und zu einem Glückszustand führt.

Ich habe wöchentlich zu meinen besseren Zeiten 70 bis 80 Kilometer zurückgelegt. Und war partiell high. «Als Nichtraucher wäre ich wohl noch schneller», schreibt Stuckrad-­Barre. «Und es haut einem garantiert noch ein paar Glückshormone ins Gehirn.»

Im Ernst: Auch Laufen kann zur Sucht werden. Aber Läufer leben länger und gesünder, das ist erwiesen. Länger als Raucher und regelmässige Trinker auf jeden Fall. Aber ist langes Leben alles? Die deutsche Sendeanstalt WDR galt einst als die dichteste Ansammlung von Anonymen Alkoholikern. (Die AA mit ihren rituellen Heilungsrunden sind übrigens ein wahrer Segen, hier widerspreche ich Stuckrad-Barre. Ich weiss nämlich, dass sich dank dieses freien Zwangsverbandes einige mir liebe Freunde vor dem totalen Absturz haben retten können.)

Und dennoch: Der WDR war so etwas wie anonymes Blaukreuz, zur Zeit, als diese Anstalt noch glänzte: durch rabiate Enthüllungen, durch kritische, den alten Zeitgeist aufschreckende Beiträge und durch profunde Recherchen zum laufenden politischen Schwachsinn des deutschen Landes.

Rückblickend frage ich mich doch, ob der Alkohol am Ende für gewisse Höhenflüge mitverantwortlich war. Taugt er vielleicht doch – oder auch? – als rebellische und widerständige Droge, die zu mehr Unerschrockenheit verhilft? Oder suche ich noch immer nach einer Rechtfertigung fürs Gelegenheits-­, Verlegenheits-­ und Gewohnheitstrinken? Ich würde das gerne mit jemandem zu Ende ­diskutieren. Vielleicht bei einem spritzigen Prosecco? (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.12.2016, 21:45 Uhr

Artikel zum Thema

«Die Sucht nimmt sich, was sie kriegen kann»

#12 Der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre hat einen Drogenentzug hinter sich. Heute spricht er über harte Jahre, trinkende Schweizer und berauschende Nüchternheit. Mehr...

Der Enthüller über den Bekenner

Günter Wallraff, 74, hat in den Siebzigerjahren mit seinen Undercover-Reportagen den deutschsprachigen Journalismus revolutioniert. Er hat aufgedeckt, wie es bei der «Bild»-Zeitung zugeht, und hat die Ungerechtigkeit der Arbeitswelt gezeigt. In einem sehr persönlichen Text berichtet er hier für die SonntagsZeitung über seine Eindrücke beim Lesen zweier Berichte über die Suchtüberwindung, mit welchen der deutsche Schriftsteller Benjamin von Stuckrad-Barre, 41, kürzlich für Aufsehen sorgte: «Nüchtern», (KiWi, 80 Seiten, 11.90 Fr.), «Panikherz», (KiWi, 576 Seiten, 31.90 Fr.)

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Blogs

Geldblog Nur begrenzte Garantie für den Sparbatzen

Private View Zwei Amis in Venedig

TA Marktplatz

Die Welt in Bildern

Beinfreiheit einmal anders: Im sächsischen Niederwiesa machen riesige Frauenbeine auf die Ausstellung «High Heels - die hohe Kunst der Schuhe» aufmerksam, die im nahen Schloss Lichtenwalde zu sehen ist. (23. Mai 2017)
(Bild: Sebastian Willnow/DPA) Mehr...