Weiter Sprung nur dank Prothese?

8,24 Meter und damit die EM-Quali – eigentlich: Der unterschenkelamputierte deutsche Weitspringer Markus Rehm bringt die Leichtathletik in Erklärungsnot.

Springt auf Weltklasse-Niveau: Markus Rehm bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Ulm. Foto: DPA, Keystone

Springt auf Weltklasse-Niveau: Markus Rehm bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Ulm. Foto: DPA, Keystone

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Nach 8,24 Metern ist für Markus Rehm vieles neu. So weit sprang der 25-jährige Deutsche am Samstag an den nationalen Meisterschaften. Die Weite ist Weltklasse. Die EM-Limite erfüllte er klar. Dass er mit seinem Flug nun über die Leichtathletik hinaus für Schlagzeilen sorgt, hängt mit seinem rechten Unterschenkel zusammen. Er fehlt ihm seit einem Unfall vor elf Jahren, als er nach einem Sturz beim Wakeboarden in eine Schiffsschraube geriet.

Rehm springt mit einer Prothese und gewöhnlich in der Welt der Behindertensportler. T44 heisst seine Kategorie technokratisch und bedeutet, dass in ihr Athleten mit einseitiger Unterschenkelamputation starten. Rehm aber, dem besten Springer seines Metiers, fehlten ernst zu nehmende Gegner. Also fragte er beim deutschen Leichtathletik-Verband an, ob er als erster Behinderter an dessen Meisterschaften partizipieren dürfe. Dieser nahm den Orthopädietechniker unter Vorbehalt auf.

Man wisse nicht, ob er mit seiner Prothese allenfalls bevorteilt sei, liess ihn der Verband wissen. Ein Biomechaniker filmte darum jeden Titelkampfsprung von Rehm. Das Material wird nun gebraucht. Bis morgen wollen die Deutschen ihr EM-Team bekannt geben. Die Zeit dürfte für eine seriöse Abklärung nicht reichen. Also spriessen nach Rehms Coup die Spekulationen.

Während der zweitplatzierte Christian Reif fand, der unerwartete Sieger sei für die EM aufzubieten, äusserte sich Titelverteidiger Sebastian Bayer kritisch: Er sieht Rehm dank der federnden Karbonprothese im künstlichen Vorteil. Dieser konterte: «Ich verstehe die Zweifel. Auch deshalb wünsche ich mir eine Klärung.» Er sagt ebenso: «Natürlich federt die Prothese. Der Sinn eines Sprunggelenkes, das ich nicht mehr habe, ist es, meinen Unterschenkel zu beschleunigen. Ich gebe Energie in meine Prothese rein und bekomme sie wieder heraus. Das ist, was sonst meine Wadenmuskulatur machen würde.» Er folgert: Die Annahme, «ein bisschen Metall darunter, und schon geht die Post ab, ist falsch».

Der Internationale Leichtathletik-Verband muss nun als oberste Instanz entscheiden, wie es mit Rehm weitergeht. Der Verband hatte es schon einmal mit einem solch besonderen Fall zu tun. Der beidseitig unterschenkelamputierte Oscar Pistorius erkämpfte sich 2011 das Recht, an der WM über 400 Meter teilnehmen zu dürfen. Trotz mehreren Studien bleibt umstritten, ob der Südafrikaner bevorteilt war. Weil der Weltverband nur in der Causa Pistorius entschied, kam sein Start keinem Präjudiz gleich.

Rehm treibt nun die Diskussion voran, ob sich die Grenzen zwischen behinderten und unversehrten Athleten vermischen. Bislang sind die Welten getrennt, was auch damit zusammenhängt, dass der Leistungsbehindertensport auf weit tieferem Niveau abläuft als der konventionelle – zuletzt dank neuer Prothesen und einer Professionalisierungswelle aber aufholte.

Rehm sagt gar: «Früher wurde der Behindertensport belächelt, heute hat man fast schon Angst vor uns. Das ist eigentlich eine witzige Entwicklung.» Neckisch finden die zuständigen Funktionäre diese heikle Situation kein bisschen. Dafür kreiert der Fall zu viel Unsicherheit. Sie dürfte in den nächsten Jahren noch zunehmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.07.2014, 06:48 Uhr

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