Messi und die väterliche Gier

Jorge Horacio Messi hat aus seinem schüchternen Sohn Lionel ein Millionenbusiness gemacht – auch mit einem fragwürdigen System.

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Es ist nicht überliefert, wer die Idee für den Namen ursprünglich hatte. Aber da steht er nun in der Weltöffentlichkeit, ­offenbart von den Panama Papers: Mega Star Enterprises. Nicht Star, nicht Superstar, sondern Megastar. Das klingt schon mal erstaunlich laut und unbescheiden für eine Briefkastenfirma in einem Steuerparadies, für offshore, für etwas eher Verstecktes und Anrüchiges also. Gedient habe die Firma zu nichts, sagt Jorge Horacio Messi, die Vorwürfe gegen ihn und seinen Sohn seien nichts als Lüge. Der Megastar in diesem Fall ist der Sohn, Lionel Andrés Messi, auch ­bekannt als Leo, der beste Fussballer seiner Generation. Vater Jorge, 58 Jahre alt, ähnliche Gesichtszüge, betritt die Bühne fast nie. Und wenn er sie betritt, dann klatscht selten jemand. Das Klatschen ist zuletzt auch beim Sohn ­etwas weniger geworden.

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Die Geschichte der Messis beginnt in der Calle Estado de Israele in einem bescheidenen Viertel von Rosario, Argentinien. Dort steht das Haus der Familie, einstöckig, grau. Die Nachfahren italienischer Einwanderer gehören da zur unteren Mittelschicht, gerade genug für ein genügsames Leben. Leo kommt 1987 zur Welt, er ist der dritte Sohn des Ehepaars, das noch eine Tochter haben wird. Vater Jorge arbeitet in einem Stahlwerk, der Acindar, als Abteilungsleiter. Alle drei Söhne spielen Fussball.

Gefälschte Geschichte

Dem kleinsten aber sieht man früh an, dass er das Spiel in sich trägt, mit allen Codes und allen Tricks. Leo hat immer einen Tennisball dabei, mit dem er jongliert. Ein stiller, schmächtiger, jonglierender Junge. Und so klein, dass man sich fragt, ob er kleinwüchsig sei. Auf der Strasse rufen sie ihn «Zwerg». Aber dieser Zwerg spielt oft mit den Grossen, und er spielt sie alle aus. Die Ärzte finden einen Wachstumsfehler, den man mit einer teuren Hormontherapie behandeln kann: eine Spritze am Tag, fünf Jahre lang. 1000 Dollar kostet das im ­Monat, zu viel für die Familie.

Bildstrecke – die grosse Karriere von Lionel Messi:

Hier beginnt die erste Legende. Man erzählt sich, Messi senior habe den ­Junior, als der dreizehn war, nur deshalb nach Europa gebracht, weil in Argen­tinien kein Verein bereit gewesen sei, für die Kur zu bezahlen. Der Vater selbst bewirtete die Legende. Doch offenbar war alles anders, wie Sebastián Fest und ­Alexandre Juillard bei den Recherchen für ihr Buch «Misterio Messi» heraus­gefunden haben. Bei den Newell’s Old Boys, Leos erstem Club in Rosario, dem Lieblingsverein des Vaters, haben sie die Quittungen für Medikamente behalten, als Beleg für die Historie. Einen Teil der Behandlungskosten trug der Verein, einen Teil die Stiftung von Jorge Messis Arbeitgeber, einen Teil die Krankenkasse. Auch River Plate aus Buenos ­Aires, wo das Wunderkind ein Probe­training absolvierte, wäre bereit ge­wesen, für die Therapie zu bezahlen, ­obschon damals gerade eine harte ­Wirtschaftskrise das Land plagte.

Senior droht mit Real

Nun weiss der Vater um den Marktwert des Sohns. Die Messis fliegen nach ­Barcelona, zu Barça. Dort lässt man sie zunächst einmal lange warten. Im Direktorium überwiegen Zweifel. Zu jung, zu klein. Man fragt sich auch, ob dieser Junge, der wie alle Kinder in Argentinien lange Jahre nur fünf gegen fünf gespielt hat, auch wirklich gemacht sei für das Spiel der Grossen. Bei allen Künsten am Ball. Doch da ist der Vater schon fest überzeugt, dass es sich mit dem Kapital seines Sohnes pokern lässt.

Und so kommt es zur zweiten berühmten Episode in der Saga der Messis, einer wahren. Im Tennisclub Pompeia von Barcelona sitzen sie zu Tafel mit Charly Rexach, einer alten Glorie des Vereins und Sportdirektor jener Zeit. Der Senior verliert die Geduld und droht, den Jungen einem anderen ­Verein anzubieten. Zum Beispiel dem Rivalen Real Madrid. Da schreibt Rexach einige Zeilen Vertrag auf eine Papierserviette des Clubrestaurants. Nicht wirklich offiziell und rechtskräftig, aber auch nicht nichts. Die Wirren mit der Justiz be­ginnen. Junior ist noch viel zu jung. Damit er bleiben darf, braucht der Vater einen Job. So schreibt es die Fifa vor. Barça sucht nach einer fiktiven Stelle, ­etwas bei der Bierbrauerei Estrella Damm, oder eine Scheinanstellung als Scout. Der Vater drängt, wie er das ­später oft tun wird. Die Messis erhalten ein Haus und 4000 Euro im Monat, da spielt ­Junior noch bei den Kleinen. Barça bezahlt ­natürlich auch die Hormon­spritzen.

Kämpfte da ein Vater dafür, den Traum seines Sohnes zu erfüllen, den Traum vom Spiel mit den Besten, trotz aller Probleme? Oder trieb ihn schon bald die Gier nach dem ganz grossen ­Geschäft, nach einer Revanche auch für sich selbst? Im Buch «Misterio Messi» ­erzählt der frühere Generaldirektor von Barça, Joan Lacueva: «Leo interessierte sich nie fürs Geld, dafür war sein Vater gierig für zwei.» Lacueva warb damals für Messis Verpflichtung.

Immer geht es um Geld

Messi senior kümmerte es nie, dass man ihn in Spanien und Argentinien als arroganten, überambitionierten, habsüchtigen Vater wahrnimmt. Jedes Jahr zwingt der Vater Barça an den Verhandlungstisch, um den Vertrag des Sohnes zu ­verbessern, obschon der eine lange Laufzeit hat. An die Spiele geht er schon lange nicht mehr. Er ist für die Arbeit hinter den Kulissen zuständig, für das Management, die Gehaltsfragen, die Sponsoren, die Stiftung. Und für die ­Gerichtsfälle, es gab schon viele davon, immer ging es um Geld.

Die Spielervermittler der argentinischen Marka Group etwa, die am Aufstieg Messis hätten mitverdienen sollen, vertraglich ausgemacht, warten noch immer auf ihre Kommissionen. Mit Nike, der Leo Messi lange Zeit ausrüstete, brach Jorge Messi, obschon der US-Konzern Barças Sponsor ist. Adidas bot 1 Million Euro pro Jahr, da war der Filius erst neunzehn. Es gab Streit, die spanischen Medien nannten es «Krieg» – und Adidas gewann. Das erste Modell, das Leo Messi trug, hiess «Predator», Jäger. Das war im doppelten Sinn programmatisch. Seither darf Messi nicht mehr allein in Kleidern von Nike posieren, sondern nur in ­Gesellschaft von Kollegen.

Das Posieren lag ihm ohnehin nie. 2010 beschloss der Vater, aus seinem Sohn, der abseits des Rasens den Kopf geniert einzog, einen Star unserer Zeit zu machen, eine kickende Litfasssäule. Plötzlich sah man Leo Messi auf Plakaten in Unterhosen von Dolce & Gabbana, den nackten Körper eingeölt. Das passte nicht, brachte aber viel Geld. Pepsi kam dazu, Danone, Telefónica, Banco Sabadell. Der «Floh», fast ohne Marketingpotenzial, wurde zum Millionenbusiness, zum «Golden Boy». Er fuhr nun auch Maserati, wie sich das gehört in diesen Sphären. Das französische ­Magazin «France Football» schätzt ­Messis jährliche Einnahmen auf 65 Millionen Euro.

Der Vater suchte früh nach Wegen, möglichst viel davon in der Familie zu behalten. Das geschah über ein Geflecht von Offshorefirmen in Uruguay, Belize und eben, wie man nun aus den Panama Papers erfahren konnte, in Panama. Seit drei Jahren schon laufen die Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung in Spanien. Bald soll der Prozess stattfinden, gegen beide, Senior und Junior, obschon der Vater versucht hat, dem Sohn die Anklagebank zu ersparen: «Er spielt Fussball und basta», sagte er. In den Worten Leo Messis hört sich das so an: «Um die Kohle kümmert sich Papa.» Und: «Was mir mein Vater hinlegt, unterschreibe ich blind.» Das ist gut möglich, doch an der rechtlichen Misslage ändert es nichts. Die Unterschrift des Juniors steht unter allen Verträgen.

Der unsympathische Schatten

4,1 Millionen Euro je sollen die Messis in den Jahren 2007, 2008 und 2009 hinterzogen haben. Sie zahlten mittlerweile nach, inklusive Strafzoll: 15 Millionen Euro. Doch das reicht dem Finanzamt nicht. Über die Abogacía del Estado fordert es eine Gefängnisstrafe von 22 Monaten und fünfzehn Tagen. Gegen beide.

Der Prozess beginnt am 31. Mai, drei Tage nach dem Final der Champions League. Der Termin war als Geste gemeint gewesen. Man dachte wohl, der Megastar sei auch am Finaltag beruflich beschäftigt. Doch Lionel Andrés Messi aus Rosario hätte nun schon früher Zeit für die spanische Justiz. Barça ist raus aus dem europäischen Wettbewerb. Seit diese Geschichte mit den Panama Papers aufgekommen ist, laufen die Füsse nicht mehr so behände, bleibt der Dribbler oft hängen, trifft er nicht mehr in Serie. Ein Zufall? Es liegt ein unsympathischer Schatten auf seiner Geschichte, er trägt die Konturen des Vaters.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2016, 23:55 Uhr

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